„media running amok?“

„media running amok?“

Jun 4, 2015 | No Comments

Die Freie Universität Berlin und das Dart Center Deutschland/Europe haben erstmals einen Lehrfilm zum Umgang von Medien mit der Darstellung sogenannter hochexpressiver, zielgerichteter Gewalt erstellt. Am Beispiel der Berichterstattung über den Amoklauf an der Albertville-Realschule in Winnenden, bei dem am 11. März 2009 16 Menschen ums Leben kamen, erläutern Betroffene und Experten, wie sich das Verhalten der Medien und deren Berichterstattung auf die Menschen auswirkt. Der 23-minütige Film „media running amok?“, der im Rahmen des BMBF-Forschungsverbundes TARGET (Tat- und Fallanalysen hochexpressiver, zielgerichteter Gewalt) entstand, wird gezeigt,

auf einer Pressekonferenz

am 16. Juni 2015, (Beginn 9.30 Uhr)

im Seminaris Campushotel (Raum Cambridge)

Takustraße 39, 14195 Berlin

U-Bhf. Dahlem-Dorf (U3) 

Medienvertreter haben im Anschluss die Möglichkeit zu Interviews mit Akteuren des Films:

  • Thomas Görger (Filmemacher)
  • Petra Tabeling (Dart Center for Journalism & Trauma)
  • Gisela Mayer (Aktionsbündnis Amoklauf Winnenden – Stiftung gegen Gewalt an Schulen)
  • Oliver Schlappat (Deutscher Presserat)
  • Prof. Dr. Frank Urbaniok (Psychologisch-Psychiatrischer Dienst Zürich)
  • Prof. Dr. Herbert Scheithauer (Freie Universität Berlin, Projektleiter BMBF-Verbundprojekt TARGET)
  • Moderation: Christa Beckmann (Leiterin Pressestelle der Freien Universität Berlin)

 

Der Trailer: „media running amok?“

 

In der 23-minütigen Dokumentation „media running amok?“ erläutern Betroffene wie Gisela Mayer vom Aktionsbündnis Winnenden, ehemalige Schüler der Albertville-Realschule, Frank Nipkau vom Waiblinger Zeitungsverlag sowie Experten aus dem TARGET-Verbund und dem zugehörigen Beirat, wie sich das Verhalten der Medien und die Berichterstattung auf Betroffene auswirkt und Gewalttaten durch Täterdarstellungen sogar fördern können. Bislang gibt es in der Aus- und Fortbildung von Journalisten wenig Kenntnis darüber.

Hochexpressive Gewalttaten können sich jederzeit ereignen, wie zuletzt das Flugzeugunglück einer Germanwings-Maschine im März 2015 gezeigt hat. Die Dokumentation zeigt deshalb auch, wie Journalisten über solche Ereignisse qualitativ,, professionell und verantwortungsvoll berichten können, ohne dabei Betroffenen und Angehörigen zu schaden und ethische Grenzen zu überschreiten.

Der Film, der vom Deutschen Presserat und dem Aktionsbündnis Winnenden unterstützt und dessen Produktion vom Bundesministerium für Bildung und Forschung finanziert (BMBF) wurde, kann ab Mitte Juni 2015 bei der Freien Universität Berlin kostenlos angefordert werden. Er ist für die Aus- Fort-, und Weiterbildung Medienschaffender einsetzbar.

Weitere Informationen: 

Flucht über das Mittelmeer

Flucht über das Mittelmeer

Jun 2, 2015 | No Comments

Am 22. Juni 2015 war das Dart Centre Europe bei dem Deutsche Welle Global Media Forum in Bonn mit dem Workshop “Involuntary Journeys – how to interview refugees in a digital age”  anwesend. Hier können sie sich den Workshop anhören. Weiter unten finden sie weiterführendes Material zu dem Thema.

 

Erst am 19. April ereignete sich das bisher schlimmste Flüchtlingsunglück im Mittelmeer. Mehr als 800 Menschen kamen ums Leben, als das völlig überlastete, 30 Meter lange Fischerboot auf hoher See zwischen Libyen und Italien kenterte. Der andauernde Krieg in Syrien, Verfolgung und Not in afrikanischen Ländern wie Nigeria und im Kongo veranlassen unzählige Menschen zu der lebensgefährlichen Flucht über das Meer.

Lokale Behörden in den europäischen Ankunftsländern sind überfordert und verlangen mehr Unterstützung von der Europäischen Union. Der Premierminister von Malta, Joseph Muscat, kommentierte das Unglück vom 19. April als Wendepunkt in der Flüchtlingskrise. “Wenn die Europäische Union weiterhin Hilfe unterlässt, wird diese Tragödie in Zukunft gleichgesetzt mit anderen historischen Völkermorden.”

Der von Brüssel einberufene Krisengipfel zur Flüchtlingskatastrophe wurde von Menschenrechtsorganisationen wie Amnesty International jedoch als vertane Chance bewertet. Der Europa-Chef von Amnesty International, John Dalhuisen, sagte: “Die Wahrheit ist, dass die EU-Oberhäupter das Retten von Leben auf hoher See weiterhin nur halbherzig angehen.”

Eine Lösung für die Flüchtlingskrise ist noch lange nicht in Sicht. Reporter werden sich auch in Zukunft mit der Herausforderung konfrontiert sehen, über die komplexen Zusammenhänge der Flüchtlingspolitik und die einzelnen Schicksale von betroffenen Menschen zu berichten. Das Dart Centre hat Ressourcen zusammengestellt, die Journalisten dabei unterstützen sollen, über diese oft traumatischen Ereignisse zu berichten.

 

TIPPS UND ANLEITUNGEN

DART MATERIALIEN AUF DEUTSCH

Medienberichterstattung über Flüchtlinge und Migranten

 

DART MATERIALIEN AUF ENGLISCH

Working with Victims and Survivors

Covering Immigrants – Full Workshop Resources

 

HILFREICHE INHALTE AUS DEN MEDIEN

Wo bleibt die Trauer um die Opfer?

Ein Beitrag von Christoph Schattleitner auf Zeit Online über die fehlende Empathie für die Opfer der Flüchtlingskrise.

Syrische Kriegsopfer: Im Bann der Gewalt

Ein Interview von Raniah Salloum mit der Ärztin Mechthild Wenk-Ansohn, die in Berlin Flüchtlinge mit Traumata behandelt.

Medien sollen Flüchtlinge nicht nur als Opfer darstellen

Ein Beitrag des „Migration in Germany“ Magazins.

Flugzeugunglück 4U9525 und die Medien

Flugzeugunglück 4U9525 und die Medien

Apr 2, 2015 | No Comments

Der Absturz des Germanwings Fluges 4U9525 in den französischen Alpen am 24. März 2015 brachte alle 150 Menschen an Bord der Maschine ums Leben. Anhand des geborgenen Stimmrekorders konnte man feststellen, dass der Co-Pilot zum Zeitpunkt des Absturzes alleine im Cockpit war. In den Tagen nach dem Flugzeugunglück wurden Details aus dem Leben des Co-Piloten bekannt, die darauf schließen lassen, dass er psychische Probleme hatte. Die genauen Zusammenhänge zwischen der psychischen Verfassung des 27-Jährigen und dem Absturz bleiben unklar.

Die Medienreaktion auf das tragische Ereignis ist jedoch sehr eindeutig – das Flugzeugunglück wurde zum Top-Thema der europäischen Nachrichten. Während die Bergungsarbeiten auf Hochtouren liefen, während die Öffentlichkeit um die Opfer und mit den Angehörigen trauerte, und während jeder sich fragte, warum dieses Unglück geschehen musste, waren Zeitungen und Programme gefüllt mit Beiträgen über den Germanwings Flug 4U9525.

Nachrichten-Teams aus der ganzen Welt reisten nach Frankreich zur Absturzstelle, nach Montabaur, dem Wohnort des Co-Piloten in Deutschland sowie vor die Schule in Haltern, die zwei Lehrer und eine Schulgruppe durch das Unglück verloren hat. Neben sich wiederholenden Live-Schalten vor Ort gab es auch zahlreiche Hintergrundbeiträge über Luftfahrtsicherheit und die möglichen Auswirkungen von psychischen Krankheiten wie Depression.

Der typische Aktualitäts- und Informationsdruck, dem Medienmacher bei einem Ereignis von diesem Ausmaß ausgesetzt sind, war auf allen Kanälen spürbar. Vor allem, da es nur schleppend neue, überprüfbare Erkenntnisse gab, kam es zu vielen Nicht-Nachrichten und Spekulationen.

Trotzdem zeichnet sich die Berichterstattung der Tage direkt nach dem Unglück auch dadurch aus, dass Medienkritiker fast zeitgleich mit der akuten Berichterstattung schon zu Achtsamkeit und zum differenzierten Umgang mit den Informationen und Angehörigen mahnten. In den sozialen Medien wurde der Absturz selbst fast genauso leidenschaftlich besprochen, wie die Berichterstattung über den selben.

Das Dart Center für Journalismus und Trauma hat Materialien zusammengestellt, die Reporter und Redakteure bei der schwierigen Aufgabe unterstützen sollen über eine Tragödie wie diesen Flugzeugabsturz zu berichten. Außerdem haben wir einige von medienkritische Beiträge hier gebündelt, die davon zeugen, dass der Germanwings-Absturz nicht unbedingt “ein Absturz des Journalismus” war, sondern auch ein Zeichen setzt für ein wachsendes Bewusstsein für Ethik in der Berichterstattung.

 

WEITERFÜHRENDE LINKS

TIPPS für Redaktionsleiter:

http://dartcenter.org/traumajournalismus/tipps-fuer-redaktionsleiter/

TIPPS für Berichte über Suizide:

http://dartcenter.org/traumajournalismus/wie-berichtet-man-richtig-ueber-suizide/

TIPPS für Interviews mit traumatisierten Menschen:

http://dartcenter.org/traumajournalismus/tipps-fuer-interviews-mit-traumatisierten-personen/

TIPPS für den Umgang mit Rettungskräften:

http://dartcenter.org/traumajournalismus/tipps-fuer-umgang-mit-rettungskraeften/

 

VIDEOS: Vortragsvideo: Resilienz und Fürsorge

http://dartcenter.org/traumajournalismus/resilienz-und-fuersorge/

Vortragsvideo: Was bei einem traumatischen Ereignis mit uns passiert

http://dartcenter.org/traumajournalismus/video-wie-reagieren-wir-auf-trauma/

Weitere Materialien auf englisch

http://dartcenter.org/content/germanwings-crash-kills-150#.VRwQg0JhP39

 

HILFREICHE MEDIENKRITIK:

“Jeder ist ein Medienkritiker”

Ein Artikel von Stefan Niggemeier in FAZ.net in dem er auf die Herausforderung einer medialen Welt eingeht die sich durch die Berichterstattung über das Flugzeugunglück neu ordnet.

http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/medien/germanwings-absturz-jeder-ist-ein-medienkritiker-13511170.html?printPagedArticle=true#pageIndex_2

“Ein Vor-Ort Bericht aus Montabaur”

In diesem Augenzeugen Bericht aus Montabaur beschreibt Journalismus Student Daniel Schüler, eindrücklich wie er andere Journalisten erlebt.

http://www.f1rstlife.de/news/details/artikel/flug_4u9525_ein_vor_ort_bericht_aus_montabaur/

“Die Medien und der Absturz” von Imre Grimm

http://www.haz.de/Nachrichten/Medien/Fernsehen/Die-Medien-und-der-Absturz-des-Germanwings-Ungluecksflugs-4U9525

“Unfähigkeit, mit Ungewissheiten umzugehen”

Ein Bericht von Bettina Baetz bespricht im Deutschlandradio Kultur “Medienrituale” die sich bei tragischen Ereignisse oft wiederholen.

http://www.deutschlandradiokultur.de/berichterstattung-zum-germanwings-unglueck-unfaehigkeit-mit.1013.de.html?dram:article_id=315580

“Warum FAZ:net das Bild von Andreas Lubitz zeigt”

http://www.faz.net/aktuell/gesellschaft/absturz-in-den-alpen/warum-faz-net-das-bild-von-andreas-lubitz-zeigt-13509080.html

Zusammenfassung des Ereignisses in der Zeit:

http://www.zeit.de/wissen/2015-03/airbus-a320-germanwings-absturz-frankreich-faq

Vortragsvideo: Resilienz und Fürsorge

Vortragsvideo: Resilienz und Fürsorge

Sep 19, 2014 | No Comments

Fee Rojas, Psychotherapeutin und Journalistin, erklärt in ihrem Vortrag die Bedeutung von Resilienz und sekundärer Traumatisierung. Resilienz sei nicht nur „Widerstandskraft“, sondern auch, “die Fähigkeit wieder aufstehen zu können”. Rojas erklärt, wie ein  Journalist vor, während und nach Extremsituationen auf sich achten sollte.

Sie beginnt ihren Vortrag mit einem Rückblick auf die erste Konferenz zu Trauma und Journalismus in Deutschland, die sie 2006 in Hannover organisiert hat.

In Zusammenarbeit mit den Teilnehmern der Fortbildung wurde nach diesem Vortrag ein “Ressourcenkoffer”  erstellt, welcher dazu dienen soll, sich unterstützende Maßnahmen bewusst zu machen. Dies kann jede und jeder für sich selbst auch tun: Nehmen Sie einen Zettel und schreiben Sie auf, was sie vor einem belastenden Einsatz tun sollten (z.B. ausreichend Wasser mitnehmen), was Sie während eines Einsatzes beachten sollten und was Ihnen hilft (z.B. Pausen machen, einen Talisman in der Tasche haben) und was Ihnen nach einer Streßsituation hilft (z.B. Sport, ein Lieblingsfilm, Schokolade oder Kochen für Freunde). Dieser Zettel kann Ihnen helfen, sich zu erinnern, was Ihnen gut tut, wenn sich im Kopf alles dreht.

Dieser Vortrag wurde während der Fortbildung des Dart Centres in Rendsburg im Dezember 2013 aufgenommen.

Zusammenfassung:

  • Sekundäre Traumatisierung:  wird auch „stellvertretende Traumatisierung“ genannt. Sie kann eintreten, wenn man häufig mit traumatisierten bzw. belasteten Menschen zusammen ist und evtl. deren Symptome übernimmt. Fee Rojas erläutert, warum ein Trauma „ansteckend“ ist, und erklärt, was im Körper während der sekundären Traumatisierung geschieht und wie es unser Verhalten beeinflusst. (08:10)
  • Bei einer sekundären Traumatisierung kann es zur Dissoziation kommen,  einem geistigen „Aussteigen“ aus einer Situation bis hin zu einem Gefühl von „innerer Taubheit“. Dieser psychische Mechanismus schützt uns vor zu großen Belasungen, verhindert aber unter Umständen auch , dass wir das traumatische Ereignis einordnen und verarbeiten können. Fee Rojas geht auf diesen Mechanismus näher ein. (17:00)
  • Wie kann man der sekundären Traumatisierung vorbeugen oder damit umgehen? Rojas zeigt Beispiele auf und gibt Tipps: Bewegung baut Stress ab, so kann es auch während eines Interviews hilfreich sein, spazieren zu gehen. Für Journalisten ist es oft hilfreich, die Geschichte aufzuschreiben, den Bericht zu produzieren oder die Bilder auszuwählen. Diese Kontrolle/Gestaltungshoheit kann bereits als Bewältigungsstrategie dienen. (25:35)
  • Wenn Situationen „sprachlos“ machen: Manchmal muss man akzeptieren, dass Worte fehlen, weil das Sprachzentrum vor lauter Stress gelähmt ist. Es gibt Momente, die so stressbelastet sind, dass nicht einmal eine Beschreibung möglich ist oder zu sein scheint. (29:30)
  • Fee Rojas spricht über die sogenannten „First Responder“, also Einsatzkräfte oder Journalisten, die als erstes am Ort des Geschehens ankommen. Sie sind häufig deshalb selbst gefährdet, weil sie noch nicht konkret helfen können, sondern warten müssen, bis die Rettungsmaßnahmen angelaufen sind. Durch die Möglichkeit, praktisch etwas tun zu können, bekommt man die „Verwirrung der Sinne“ in den Griff.  Für Kameraleute ist es zum Beispiel sehr belastend, wenn sie schlimme Bilder aufnehmen mussten, die dann vielleicht nie gesendet werden. Die Sinnlosigkeit der Belastung kann schädliche Folgen haben. (32:10)
  • Flashbacks: Manchmal können traumatisierte Menschen nicht wahrnehmen, dass sie jetzt in Sicherheit sind. Ihre ganzen Körperempfindungen gaukeln ihnen vor, dass sie noch in großer Gefahr und Streß sind. Es gibt Techniken, die Menschen (oder sich selbst) wieder im „Hier und Jetzt“ zu verorten. Diesen Prozess können Journalisten (auch Kamerateams, Fotografen etc.) mit recht einfachen Mitteln unterstützen, z.B. wenn ein solcher Flashback während eines Interviews passiert. (33:33)
  • Am Ende gibt Fee Rojas eine Buchempfehlung für die Stärkung der eigenen Resilienz: Gunther Frank/Maja Storch, „Die Manana-Kompetenz“, Piper-Verlag München, 2011 (40:21)

 

Vortragsvideo: Die Arbeit als Journalist in Krisensituationen und der Umgang mit der Redaktion

Sep 18, 2014 | No Comments

In diesem Vortrag spricht Thomas Görger, Fernsehautor, Journalist und Krisen-Sonderkorrespondent (u.a. für den WDR), über seine Erfahrungen vor Ort und die Entwicklung eines “Journalismus der Achtsamkeit”. Dabei geht es um ein redaktionelles Selbstverständnis, das dazu führen soll, Situationen in der Berichterstattung über Trauma immer wieder neu und bewusst zu betrachten. Der Vortrag führt durch alle Phasen der Berichterstattung und behandelt die unterschiedlichen Fragen/Aspekte in der Zusammenarbeit zwischen Reporter und Redaktion.    

Ein „Journalismus der Achtsamkeit“ fängt laut Thomas Görger schon vor dem eigentlichen Einsatz an. Die erste Frage, die man sich stellen sollte, wenn man den Auftrag bekommt, über ein schwieriges Thema zu berichten, ist „Warum ich?“ Bin ich der bzw. die richtige für diese Aufgabe und zu diesem Zeitpunkt? Es geht dabei auch um den Mut, “Nein” zu einer Geschichte zu sagen, und mit persönlichen Umständen und Haltungen zu einem Thema umzugehen.

Auf dem Weg zum Einsatzort rät Thomas Görger, sich Gedanken über die eigene Einstellung zum Thma und vor allem zu den Interviewpartnerinnen und -partnern zu machen. Auf wen stellen wir uns ein? Ist der Mensch, dem wir gleich begegnen werden, ein „Opfer“, das nichts an seiner Situation ändern konnte, oder z.B. ein „Überlebender“, der eine schwierige Situation gemeistert hat? Die Antworten auf diese Frage verändern unser Verhalten, unsere Stimme, unsere Fragetechnik, unseren Blickwinkel auf die Geschichte, die wir erzählen wollen. Diese Haltung, die wir im Vorfeld einnehmen, hat starke Auswirkungen auf unser Auftreten und unser Verhalten und wird damit auch das Ergebnis unserer Berichterstattung maßgeblich beeinflussen.

Ein Dilemma, mit dem Journalisten am Einsatzort häufig zu kämpfen haben, ist die Frage „Soll ich helfen oder berichten?“ Ist es zynisch, einen Obdachlosen im Winter zu filmen, statt ihm eine warme Decke mit zu bringen? Wie stark dürfen Journalisten in die Geschichten eingreifen, die sie vor Ort erleben? Thomas Görger rät, sich realistisch mit den eigenen journalistischen Möglichkeiten auseinander zu setzen. So berichtete er aus dem Erdbebengebiet auf den Philippinen über eine Frau, die ihre Verwandten im Ausland wissen lassen wollte, dass sie überlebt hat. Dies konnte er als Journalist der Frau guten Gewissens ermöglichen, indem er über ihr Schicksal berichtete. Außerdem konnte er diese Nachricht auch bei einem späteren Interview an den Gouverneur für die Recherchen des Vermißtenzentrums weiter geben. Beim Aufbau ihres Hauses handfest mit zu helfen, wäre nicht mehr seine Aufgabe gewesen.

Was Journalisten im Kriseneinsatz häufig vor lauter Stress vergessen, ist die Sorge für sich selbst. Man kann nur eine gute Arbeit abliefern, wenn die Minimal-Voraussetzungen für das eigene Wohlergehen gewährleistet sind.

Die nächste Aufgabe besteht darin, so Thomas Görger, sich zu überlegen, was passiert, wenn man als Reporter wieder abreist. Wie können Journalisten ihre Interviewpartner davor schützen, Schaden zu nehmen, wenn der Journalist in seine Redaktion zurück geht? Unter der Überschrift „Wir gehen, sie bleiben“ hatte er viele praktische Tipps vorbereitet, was ein Journalist tun kann, um verantwortungsbewusst für sich selbst und für den Interviewpartner zu handeln.

Ein wichtiger Faktor für die Arbeit vor Ort in einem Krisengebiet oder an einer Unfallstelle ist die Redaktion im Hintergrund. Kann man sich in Ruhe auf die Suche nach Informationen und Gesprächspartnern begeben, oder klingelt ununterbrochen das Handy? Fühlt man sich sicher und gut aufgehoben, weil man z.B. weiß, wo man abends schlafen wird, oder kommen ganz existenzielle Unsicherheiten zum Streß vor Ort noch dazu? Aus eigener Erfahrung hat Thomas Görger einige wichtige Hinweise für die Redaktionen „zu Hause“ entwickelt, mit denen sie den Reportern und Reporterinnen vor Ort eine gute Arbeit ermöglichen können – Hinweise, die von den anderen anwesenden Referentinnen mit weiteren Beispielen untermauert wurden.

Und zu guter Letzt, so Thomas Görger, gibt es für die Redaktionen auch eine Art Verpflichtung zur Nachsorge im Team. Innerhalb von drei Tagen, so fordert er, müsse es nach einem Krisen-Einsatz eine Möglichkeit zu einem strukturierten Gespräch mit dem Vorgesetzten geben.

 

Dieser Vortrag wurde während der Fortbildung des Dart Centres in Rendsburg im Dezember 2013 aufgenommen.

 

Vortragsvideo: Erfahrungsberichte zur Berichterstattung über den Amoklauf in Winnenden

Sep 17, 2014 | No Comments

In dieser Podiumsdiskussion sprechen Gisela Mayer vom Aktionsbündnis Winnenden und Frank Nipkau, Redaktionsleiter des Waiblinger Zeitungsverlag, moderiert von Petra Tabeling (Dart Centre Deutschland) über den Amoklauf in Winnenden.

Am 11. März 2009, erschoss ein 17jähriger 15 Menschen in der Albertville-Realschule und tötete sich anschließend selbst. Der Fall wurde zum nationalen und internationalen Medienereignis, löste viele kontroverse Diskussionen über das Verhalten der Medienvertreter aus und ist ein Fallbeispiel für ethisches Verhalten von Lokaljournalisten in solch einer Extremsituation.

Zu Beginn erläuterte Frank Nipkau die Ereignisse und Entscheidungen im Verlagshaus des Waiblinger Zeitungsverlages.

Zusammenfassung des Videos:

  • Frank Nipkau beschreibt das Geschehen des 11. März 2009. Er beobachtete mangelnden Respekt der Medien vor den Trauernden, das Bedrängen von traumatisierten Menschen durch Medienvertrter und nach Adressen und Bildern der Opfer regelrecht gejagt wurde. Seiner Meinung nach gehören akut traumatisierte Menschen nicht vor die Kamera und die Bilder von Opfern sollten nicht gezeigt werden. Außerdem sind laut Nipkau traumatisierte Menschen – zumal Minderjährige – keine zuverlässigen Quellen, weil ein Trauma die Erinnerungen verfälschen kann. (3:50)
  • Frank Nipkau berichtet darüber, wie seine Lokalredaktion anders mit dem Geschehen umgehen konnte als nationale oder internationale Medien; auch weil seine Redaktion bereits Erfahrung mit der Berichterstattung über eine lokale Geiselnahme gemacht hatte. (11:55)
  • Präsentation: Frank Nipkau führt durch die redaktionellen Entscheidungen in den Tagen und Wochen nach dem Amoklauf. Er erläutert, warum es seine Redaktion abgelehnt hatte, Bilder von Opfern, Beerdigungen oder die Gesichter von Trauernden zu zeigen. Er erklärt auch den ethischen Umgang mit Betroffenen, den seine Redaktion gewählt hat. (14:50)
  • Zu der Frage, wie man an Jahrestagen des Amoklaufs darüber berichtet, teilt Frank Nipkau seine Ansicht mit, dass es wichtig ist, Anerkennung zu zeigen, statt das Thema zu vermeiden.  (28:40)
  • Für eine Berichterstattung ein Jahr danach hat die Redaktion der Winnender Zeitung eine Liste eigener Regeln aufgestellt. Seine Redaktion hat z.B. darauf geachtet, dass sich die Beiträge für Online- und Printpublikationen unterscheiden, damit sich z.B. keine andere Redaktion aktuelle Fotos  aus dem Internet „klauen“ kann, und dass in der gedruckten Ausgabe der Zeitung niemand durch Zufall auf bestimmte Berichte stößt. (33:38)

Anschließend schilderte Gisela Mayer ihre Medienerlebnisse als Angehörige eines der Opfer.

Zusammenfassung des Videos:

  • Gisela Mayer berichtet über ihre schlechten und guten Erfahrungen mit Journalisten. (0:00)
  • Gisela Mayer erklärt, dass es wichtig ist, dass sich Journalisten mit den Auswirkungen eines akuten Traumas auskennen, da die Wahrnehmung der Betroffenen fragmentiert ist. Fragen nach chronologischen Abläufen oder Gefühlen überfordern den Interviewpartner und führen zu einem verstärkten Gefühl der Hilflosigkeit. Am wichtigsten ist ihr eine authentische Herangehensweise des Journalisten: „Kein Mitleid im Voraus und keine professionelle Distanz“, empfiehlt Gisela Mayer. (1:20 und 6:45)
  • Gisela Mayer weist darauf hin, wie stark die veränderte Wahrnehmung einer akut traumatisierten Person nachwirken kann, und wie sensibel man damit umgehen muss, wenn man als Journalist diese Information veröffentlicht. (5:00 und 8:30)
  • Den Täter in den Medien benennen? Gisela Mayer sagt, viele Betroffene wollen den Täter zunächst nicht „wahr haben“ und nicht benennen. Die Reaktion darauf hängt auch davon ab, in welcher Phase der Verarbeitung sich die Betroffenen befinden. Für Journalisten sei es schwierig zu wissen, „wen sie vor sich haben“, also zu erkennen, in welcher Phase sich der- oder diejenige befindet. (9:40)
  • Petra Tabeling und Gisela Mayer sprechen darüber, wie Journalisten durch unsensbiles Verhalten auch für andere Berufsgruppen (z.B. Forschern) auf lange Sicht den Zugang zu Betroffenen versperren können. (15:30)

Offene Diskussion mit den Teilnehmern der Fortbildung für Trauma im Lokaljournalismus:

Diese Podiumsdiskussion wurde während Fortbildung des Dart Centres in Rendsburg im Dezember 2013 aufgenommen.

 

Vortragsvideo: Was bei einem traumatischen Ereignis mit uns passiert

Sep 16, 2014 | No Comments

Dr. Kerstin Stellermann-Strehlow, Fachärztin für Kinder- und Jugendpsychiatrie, spricht in diesem Vortrag darüber, was sich auf psychologischer Ebene bei einem traumatischen Ereignis abspielt. Die Expertin beleuchtet insbesondere die Unterschiede zwischen Kindern und Erwachsenen in Extremsituationen und erklärt, worauf man als Journalist achten sollte im Umgang mit traumatisierten Kindern und Jugendlichen.

Trauma – Was ist das?

Zunächst weist Stellermann-Strehlow darauf hin, dass der Begriff „Trauma“ ihrer Meinung nach inflationär benutzt wird. Sie spricht deshalb lieber über die „Auswirkungen von extremen Stresssituationen“. Das Wort „Trauma“ kommt aus dem Griechischen und bedeutet „Wunde“.

Traumatische Ereignisse wirken sich nicht auf jeden gleich aus. Stellermann-Strehlow spricht über die unterschiedlichen Bewältigungsstrategien, die Kinder und Erwachsene haben. Wenn Journalisten über Unfälle oder Katastrophen berichten, müssen sie sich fragen: „Wer hat Gewalt wie erfahren?“ Denn nicht nur die direkt betroffenen Opfer sind gefährdet, sondern auch z.B. Kinder, die eine Gewalttat nur beobachtet haben oder miterleben müssen, wie ihre Mütter in Not geraten sind.

Was passiert im Körper bei Stress?

Die neurobiologischen Reaktionen in extremen Stresssituationen sind immer gleich, egal, ob wir negativen Stress erleben (Angst) oder große Vorfreude, zum Beispiel beim ersten Date. Stresshormone werden ausgeschüttet, die Sinne schalten auf „Alarm“, die Köperspannung verändert sich, Flucht- oder Kampfreflexe werden vorbereitet. Diese Reaktionen sind unabhängig davon, ob wir in positivem oder negativem Stress sind: Der Körper reagiert immer mit den gleichen Mechanismen. Und für jede Person kann der Auslöser für diese Mechanismen unterschiedlich sein. Da wir diese Stress-Reaktionen nur schwer oder gar nicht steuern können, ist es hilfreich, sie zu kennen und zu verstehen, um traumasensibel mit Interviewpartnern umzugehen und auch die Symptome an sich selbst erkennen zu können.

Wann muss ein Trauma behandelt werden?

Erste Stressreaktionen wie Schlafstörungen und wiederkehrende Bilder oder z.B. das Meiden bestimmter Situationen nach einer belastenden Situation sind völlig normal. Faustregel: Diese Symptome sollten nach etwa vier Wochen deutlich besser werden. Sollte es länger anhalten, sollten Sie z.B. vier Wochen nach einem Bericht über einen Verkehrsunfall immer noch nicht wieder unbelastet Auto fahren können, suchen Sie sich professionelle Unterstützung (Arzt, Beratungsstelle, Traumaambulanz, …).

Besonders wichtig für Journalisten ist es, zu verstehen, dass das das Erlebte in einem traumatisierten Zustand oft nicht kohärent oder gar nicht wiedergeben werden kann, da die Wahrnehmung durch die Stresssituation verändert ist. Traumatisierte Interviewpartner/innen können also häufig gar keine zusammenhängende Erinnerung wieder geben, zumal das motorische Sprachzentrum und die Hirnregionen, die für das emotionale Erleben zuständig sind, häufig nicht gut zusammen arbeiten können. Stellermann-Strehlow gibt Tipps, wie man unter diesen Bedingungen gute, vielleicht sogar hilfreiche Interviews führen kann.

Die natürliche psychische Widerstandskraft (Resilienz) muss gepflegt werden, insbesondere wenn der Journalist häufig mit Extremsituationen konfrontiert wird. Stellermann-Strehlow erklärt, warum manche Ereignisse traumatischere Auswirkungen haben als andere. Welche Risiko-Faktoren kommen zusammen, um jemanden zu belasten? Hier ist die Forschung schon sehr gut orientiert. Auch hier wieder eine Faustregel: Je näher mir ein Ereignis emotional kommt, je näher es an meinen engsten Familienkreis heran rückt, desto stärker bin ich eventuell gefährdet, posttraumatische Belastungsreaktionen zu entwickeln. Und je stärker meine Vorbelastung ist, desto eher holen Stressreaktionen mich ein.

Tipps für Journalisten bei Interviews mit traumatisierenden Menschen

Es gibt viele kleine Tricks, mit denen Journalisten ihren traumatisierten Interviewpartnern helfen können, um ein gutes Interview geben zu können. Man kann ein bisschen Kontrolle über die Situation zurück geben, dem Sprachzentrum auf die Sprünge helfen, die Selbstwahrnehmung stärken – Kerstin Stellermann-Strehlow gibt viele hilfreiche Tipps, wie sich Journalisten in ihrem professionellen Rahmen hilfreich verhalten können. Außerdem geht es auch um die Verantwortung gegenüber dem Publikum: Immer wieder Berichte über Leid und Elend können sehr belasten, Berichte über das Überleben und über das, was geholfen hat, schwierige Situationen zu überstehen, können auch sehr entlastend sein. Außerdem will sie den Teilnehmern der Fortbildung mitgeben, dass: „abnormale Reaktionen auf abnormale Ereignisse normal sind.“

Dieser Vortrag wurde während der Fortbildung des Dart Centres in Rendsburg im Dezember 2013 aufgenommen.

Social Media – Be first, but be right

Mai 27, 2014 | No Comments

Lars Wienand ist Social Media Redakteur bei der „Rhein Zeitung“. Daniel Stahl arbeitet als Redakteur bei der „Heilbronner Stimme“. In diesem Interview mit Petra Tabeling geben Sie Einblicke in den Umgang mit Trauma-Berichterstattung und den sozialen Medien.

Welche Herausforderungen kann es geben, wenn Sie aktuell mit Hilfe von Social Media über schwere Unglücke und Ereignisse wie Morde, Brände, Körperverletzung etc. berichten?

Lars Wienand: Ich komme am Unglücksort an und verbreite möglicherweise Informationen, für die es einen guten Grund zur Filterung gibt. Was sich vor Ort in einer bestimmten Weise darstellt und wahrhaftig erscheint, könnte mit zusätzlichen Informationen ganz anders aussehen – in bester Absicht hat man dann aber möglicherweise folgenreiche Fehlinformationen verbreitet. Es stellt sich aber bei Veröffentlichungen in sozialen Medien auch umgekehrt stärker die Frage, ob ich bestimmte Informationen zurückzuhalten kann. Beispiel: Über Netzwerke verbreitet sich z.B. das Gerücht vom tödlichen Ausgang eines Unfalls, die Polizei hatte aber noch nicht die Chance, Angehörige zu benachrichtigen. Falle ich hinter das zurück, was viele schon zu wissen glauben und was ich weiß? Nicht zuletzt besteht auch bei manchen anhaltenden Situationen das Risiko, dass schnell verbreitete Informationen für einen Täter hilfreich sein können.

Daniel Stahl: Eine große Herausforderung ist es, Posts von anderen Leuten zu kontrollieren. Bei der “Heilbronner Stimme” posten öfter User „verrückte“ Geschichten und Gerüchte. Erst vor wenigen Wochen hatten wir zum Beispiel gleich mehrere Posts über Bulgaren, die angeblich Kinder auf Spielplätzen entführen. Das stimmt nicht, wir haben das mit der Polizei überprüft. Schwierig ist für uns, dass manche unserer User diese Posts trotzdem als wahr erachten. Da hilft nur Moderation und Erklärung.

Herausfordernd ist es auch, mit Userkommentaren umzugehen. Oft gibt es gerade bei kritischen und ethisch schwierigen Themen beleidigende Posts. Auch hier ist gute Moderation wichtig, gerade mit Rücksicht auf Betroffene. Ansonsten ist es bei Facebook oder Twitter entscheidend, die Themen zu prüfen, bevor sie gepostet werden. Gerade Themen wie Mord, schwere Unfälle oder Zeugenaufrufe der Polizei nach Vergewaltigungen sind für die User interessante Posts. Solche Geschichten gehen schnell herum und sind dann nicht mehr aufzuhalten. Deshalb sollte man vorher 100-prozentig sicher sein.

Welche Erfahrungen haben Sie bislang gemacht?

Lars Wienand: Für das Vertrauensverhältnis zur Polizei war es von großem Vorteil, bei einem tödlichen Unfall eines jungen Mannes zunächst nicht vom Tod geschrieben zu haben, sondern das mit „soll in kritischem Zustand sein“ zu beschreiben. Unter rein journalistischen Gesichtspunkten war das sicher nicht korrekt. Generell ist uns vermutlich schon mancher Ärger erspart geblieben, weil wir nicht binnen Minuten mit ersten Informationen direkt an die Öffentlichkeit gegangen sind. Zugleich ist der Anspruch aber, möglichst schnell zu sein und Spekulationen im Netz schnell zu untermauern oder eben entgegenzuwirken. Wenn noch wenig über ein Thema in den Netzwerken gesprochen wird, nimmt das den Druck weg.

Schlechte Erfahrungen haben wir bei einem Suizid gemacht, der gefilmt und ins Netz gestellt worden war. Ein Mann hatte sich erhängt an einer Brücke einer vielbefahrenen Straße. Vor dem Aufkommen von Social Media hätten diese Szenen niemals eine große Öffentlichkeit erfahren, weil die Plattform gefehlt hätte, die so etwas verbreitet. Nun wurde der Film nicht nur rege geteilt, sondern vielerorts mit regionaler Bedeutung aufgeladen: In verschiedenen Teilen Deutschlands waren Nutzer aufgrund von Reaktionen anderer Nutzer felsenfest davon überzeugt, dass es sich um eine Straße in deren Nähe handelt und zogen  unseren Bericht in Zweifel. Wir hatten früh Kenntnis von dem Film, aber zunächst von einer Berichterstattung abgesehen, bis wenige Stunden später klar wurde, dass der Film massenhaft unterwegs war und vielfach gedanken- und kritiklos weiterverbreitet wurde.

Da haben wir die – natürlich auch klickstarke – Berichterstattung als Aufklärung und Mahnung zum verantwortungsvollen Umgang mit solchen Vorfällen rechtfertigen können. Zudem haben wir versucht, den dem Thema zugrundeliegenden Voyeurismus nicht auch noch zu bedienen. Auf Grundlage unseres Artikels hatten es Nutzer schwer, das nach Hinweisen u.a. von uns auf YouTube bereits gelöschte Video in anderen Netzwerken zu finden oder mehr über die Umstände des Suizids zu erfahren. Am schockierendsten war, dass uns ein Screenshot angeboten wurde von jemandem, der behauptete, das Video gedreht zu haben – an dem völlig falschen Ort, der sich gerade verbreitet hatte.

Daniel Stahl: Zu den guten Erfahrungen gehört sicherlich, dass über soziale Netzwerke häufig Augenzeugen von selbst auf uns zukommen. So kommen wir schnell an Gesprächspartner, weil Menschen sich gerade bei Unfällen, Überfällen und anderen Blaulichtthemen bei uns melden. Das hilft uns dabei, Situationen schnell einzuschätzen. Und in einigen Fällen wissen wir sogar vor der Polizei, was sich an einem Tatort abspielt.

Eine schlechte Erfahrung: Bei uns gab es vor einiger Zeit eine Geschichte mit einer angeblichen Vergewaltigung. Die Polizei hatte das gemeldet. Inzwischen ist die Sache aufgeklärt, die Vergewaltigung war erfunden. Trotzdem muss wohl jemand den alten Artikel irgendwo entdeckt und weiterverbreitet haben. Der Link wurde massenhaft geteilt, obwohl die Inhalte längst überholt waren. Für den fälschlich Beschuldigten ist das keine gute Sache. Ein anderes Beispiel: Vor kurzem haben sich bei uns per Facebook mehrere besorgte Eltern gemeldet. Angeblich hatte ein Mann in einem kleinen Ort mehrere Kindergartenkinder auf dem Nachhauseweg angesprochen. Er wollte, dass die Kinder in seinem Auto mitfahren, hieß es. Das Thema war in kürzester Zeit ein großes Gesprächsthema in den sozialen Netzwerken, das hundertfach geteilt wurde. Wir haben recherchiert und haben schnell herausgefunden, dass der beschuldigte Mann der Großvater eines Kindergartenkindes war. Er wollte lediglich seinen Enkel und dessen Freunde nach Hause fahren. Die Polizei hat das auch bestätigt. Wir haben das geschrieben und die Aufklärung des Falls auch in sozialen Netzwerken verbreitet. Trotzdem hielt sich das falsche Gerücht noch mehrere Tage.

Wie gehen Sie mit Quellen und verlässlichen Informationen in diesem Kontext um? Besonders, wenn es um Betroffene geht?

Lars Wienand: Jeder Zeuge einer Situation neigt dazu, diese als besonders dramatisch wahrzunehmen, wenn er oder sie nicht ähnlichen Situationen häufiger ausgesetzt ist, also „einen Vergleich“ hat. Das führt dazu, dass gewichtig klingende Hinweise sich bei Nachfrage bei den Einsatzkräften häufig als vergleichsweise belanglos herausstellen. Weil Social Media die Schwelle extrem gesenkt hat, Kontakt zu Medien aufzunehmen – einen Tweet zu schreiben ist etwas anderes als in einer Redaktion anzurufen – führt das vermehrt zu Recherchen, die völlig fruchtlos sind. Wir gehen sehr viel häufiger in Erwartung einer möglicherweise „großen“ Blaulicht-Geschichte an Themen heran, die sich auf Nachfrage dann fast in Luft auflösen. In den Redaktionen führt das teilweise zu einem Verdruss gegenüber solchen Hinweisen und die Bereitschaft schwindet, ihnen nachzugehen. Allerdings wächst mit der Zeit und Menge der Kontakte mit einem Hinweisgeber im Vorfeld die Erfahrung, mit der wir das mögliche Potenzial eines Hinweises sehr schnell einschätzen und priorisieren können. Und je nach Anlass empfiehlt es sich ja ohnehin, andere Kanäle mit unmittelbarer Kommunikation zu wählen – z.B. zu telefonieren.

Und natürlich gelangen wir so auch immer wieder an Tipps, die es uns tatsächlich ermöglichen, uns eigene Eindrücke von einem Geschehen zu verschaffen und nicht auf eine nachträgliche Pressemitteilung angewiesen zu sein. Klar ist aber auch, dass eine Nachricht aus einem Sozialen Netzwerk alleine noch keine ausreichende Grundlage für eine Berichterstattung ist, wenn nicht das Verbreiten dieser Nachricht durch den Nutzer selbst eine Nachricht ist („Politiker X zeigt Wutausbruch auf Twitter“). Der Nutzer liefert den Impuls, die Redaktion liefert erst nach Verifizierung die dazugehörige Nachricht. Verifizierung ist idealerweise eine Bestätigung durch Behörden/Experten.

Vielen Nutzern fehlt die Vorstellung von der Öffentlichkeit ihres Handelns in sozialen Netzwerken, weil sie mit einem kleinem Bekanntenkreis und Alltagsthemen keine entsprechenden anderen Erfahrungen gemacht haben. Für diese Personen kann es schockierend sein zu erfahren, welche Kreise sie plötzlich erreichen und welche Reaktionen ihnen von dort entgegenschlagen können. Das gilt es vorsichtig auszuloten.

Zum Beispiel: In den USA antworteten Frauen auf die getwitterte Frage einer anderen Frau, wer missbraucht worden ist – und das öffentlich. Einige Journalisten trugen die Reaktionen für einen Artikel zusammen, nutzten aber nur die, die ihr dann auf Nachfrage eine Einwilligung gaben. In den USA löste das eine Debatte über die Öffentlichkeit von Twitter und den Umgang damit aus. Die Frage stelle ich mir auch: Wie öffentlich ist das, was öffentlich ist, aber nie dafür bestimmt war, auch eine breite Öffentlichkeit zu erreichen? Das bedeutet, dass im Zweifelsfall auch abzuwägen ist, ob man Nutzer nicht vor sich selbst und ihrer mangelnden Medienkompetenz schützen muss und vielleicht auf die Unmittelbarkeit ihrer Berichte verzichtet.

Daniel Stahl: Unsere Strategie ist: Hinweisgeber immer nach der Telefonnummer fragen und anrufen. Viel Moderation. Und bei kritischen Themen legen wir schon vor dem Posten fest, wer in den kommenden Stunden die Kommentare beobachtet und moderiert.

Empfehlen Sie konkrete „Do’s and Don’ts“ für Journalisten?

Lars Wienand: Sich einlassen, interessiert und offen sein – aber nicht zu nahe heranlassen. Und nicht vergessen, dass man auch selbst als Mensch vielen Kontakten vergleichsweise egal ist, weil es denen ums Medium geht – so wie es einem selbst oft um die Geschichte geht. Nicht nerven lassen von Luftnummern, sondern freuen auf die guten Hinweise. Und vor allem: Themen in der Präsentation als Mensch sehen, nicht als Journalist. „Hurricane Irene – bisher enttäuschend“ twitterte Spiegel Online mal in seinen Anfangstagen über den nicht so katastrophal ausfallenden Wirbelsturm. Nicht wenige Nutzer waren dann enttäuscht – von Spiegel Online.

Daniel Stahl: Be first, but first be right.

 

Der Erdrutsch von Oso, Washington: Fünf Journalisten sprechen über ihre Erfahrungen

Der Erdrutsch von Oso, Washington: Fünf Journalisten sprechen über ihre Erfahrungen

Mai 1, 2014 | No Comments

von Natasha Chen, Paige Cornwell, Scott North, Ariel Ritchin, Richard Wagoner and Marcus Yam; Übersetzung von Jeanny Gering, Fotos von Marcus Yam

Am 22. März 2014 überschwemmte eine gewaltige Schlammlawine die Stadt Oso in Washington. Der bisher tödlichste Erdrutsch in Amerikas Geschichte kostete 36 Leben, weitere 7 Menschen gelten als vermisst. Das Dart Center sprach mit fünf Journalisten über die Herausforderung der Berichterstattung angesichts eines solchen Unglücks.

Die ländliche Gemeinde Oso, Washington befindet sich eine Stunde nördlich von Seattle. Am 22. März wurde sie zum Schauplatz einer nur schwer zu begreifenden Katastrophe, über die es schwierig war, angemessen zu berichten. Eine Erdmasse von ungefähr dreimal so viel Volumen wie der “Hoover Dam” (ein Sperrdamm aus Beton im Colorado River) schob sich durch eine Fläche von einer Quadratmeile, und begrub Dutzende von Häusern und ihre Bewohner unter sich. Mindestens 36 Menschen kamen bei dem Erdrutsch ums  Leben und weitere 7 blieben vermisst. Es war der folgenschwerste Erdrutsch der amerikanischen Geschichte. “An manchen Stellen stand der Schlamm bis zu 70 Fuss (21 Meter) hoch”, so Seattle Times Metro Redakteur Richard Wagoner. “Es gibt vielleicht Menschen, die nie darunter gefunden werden.”

Ariel Ritchin vom Dart Center sprach mit Wagoner und seinen Kollegen der Seattle Times Paige Cornwell und Marcus Yam, sowie mit Scott North vom Everett Herald und KIRO 7’s Natasha Chen, über die Herausforderung, von diesem Ereignis zu berichten. Sie sprachen darüber, was es heisst, mit den Familien der Opfer zu arbeiten, über die Rolle der sozialen Medien in Ausnahmezuständen und die persönlichen Grenzen, an die man in der Traumaberichterstattung stösst.

Ariel Ritchin: Gab es Absprachen in der Redaktion mit Redakteuren oder mit Kollegen, wie man die Geschichte angehen soll?

Scott North: Als erstes muss man sagen, dass es in dieser Gechichte um unsere eigene Gemeinde geht. Das ist von grosser Relevanz, denn es sind Menschen, die wir kennen, denen wir in Zukunft noch im Supermarkt begegnen werden. Ausserdem ist es die höchste Zahl an Todesopfern, die unsere Region je auf einen Schlag verkraften musste. Wir befinden uns nicht im Tornadogebiet Amerikas, es gibt Erdbeben, aber zum Glück sind die meist schwach und waren noch nicht verheerend. Was hier passiert ist, war das schlimmste Ereignis aller Zeiten, und wir wissen, dass wir noch lange darüber berichten werden. Wir schreiben über reale Menschen mit realen Geschichten und echtem Schmerz, also bemühen wir uns, vorsichtig damit umzugehen. Natürlich wird darüber geredet, von allen – Redakteuren, Reportern, Fotografen. Man fragt sich: Was ist das richtige?

Der Leitspruch unserer Redaktion ist seit langem: “Es ist nie der falsche Moment, das richtige zu tun.” Das ist keine ungewohnte Einstellung bei uns – aber in einem solchen Fall denkt man vielleicht noch mehr über die Auswirkung unserer Geschichten nach. Es geht schließlich um Menschen, die leiden.

Richard Wagoner: Wie bei den meisten “Eilmeldungen” diskutierten wir von Anfang an darüber, ob wir die Information, die wir bekommen, auch verifizieren können. Es ging erstmal ziemlich chaotisch zu und das Ausmaß des Erdrutsches wurde erst nach ein, zwei Tagen klar. Anfangs war von zwei oder drei Toten und einer handvoll zerstörter Häuser die Rede. Wir waren vorsichtig, dass wir keine Gerüchte oder Mutmassungen weitergaben bezüglich Opferzahlen und Schäden. Gleichzeitig mussten wir schnell arbeiten, um die Berichterstattung über die betroffene Nachbarschaft in den Griff zu bekommen und das Ausmaß des Disasters einschätzen zu können. Viele unserer Mitarbeiter haben Erfahrung im Berichten von Eilmeldungen und im Umgang mit Leuten im Ausnahmezustand. Sie sind gut ausgebildet und darauf sensibilisiert, mit Opfern und deren Angehörigen umzugehen.

Sehr früh haben wir die Entscheidung getroffen, keine Person als verstorben oder vermisst zu melden, ohne eine offizielle Bestätigung von einem Familienangehörigen zu haben. Das hatte zur Folge, dass wir manchmal die Namen von Toten oder Vermissten nicht nannten, die in anderen Medien erschienen, weil wir extra vorsichtig sein wollten. Das letzte, was uns passieren sollte, war, jemanden als vermisst oder verstorben zu melden, der es nicht war.

Natasha Chen: Jeden Tag geht es in unseren Besprechungen darum, an welchem Ort wir sein sollen. Der Erdrutsch passierte in Oso, zwischen Arlington und Darrington. Auf beiden Seiten gibt es Geschichten zu erzählen, also brauchen wir Teams auf beiden Seiten. Dann gibt es da meine Aufgabe, die bisher ausschliesslich darin besteht, die Familien von Opfern zu finden und mit ihnen zu reden. Als Reporter entscheidet man selbst, wie man auf die Familien zugeht. Dabei wird von uns erwartet, die Balance zu kennen zwischen „agressiv genug“, die Geschichte zu finden und „respektvoll genug“, im Umgang mit denen, die eine schwere Zeit durchmachen.

Marcus Yam: Es gibt immer Diskussionen in der Redaktion, wie man mit einer “Eilmeldung” am besten umgeht. Wenn man vor Ort ist, sprechen meine Kollegen und ich über das Geschehen, um es besser einordnen zu können. Dann kommunizieren wir mit der Redaktion, die unsere Berichte mit den grösseren Zusammenhängen verknüpft. Wir sind im ständigen Austausch und kommunizieren über das Geschehen, um die beste Vorgehensweise einzuschlagen.

Die erste Frage, die wir uns stellten, war: Wie können wir über diese Naturkatastrophe und ihre Auswirkungen berichten, ohne das Leid der Betroffenen zu vergrössern? Wir wollten weitergehen, als das offentsichtlich schockierende wiederzugeben. Wir wollten verstehen, warum und wie es zu der Katastrophe kommen konnte.

In den ersten Tagen war es hart. Es gab wenig konkrete Informationen, die Telefonleitungen waren kaputt, auch Mobilnetzwerke waren kaum verfügbar, Leute waren emotional. Meine Priorität war es, so ruhig und gesammelt wie möglich zu sein und meine Zeitung so gut wie möglich zu repräsentieren.

Wir mussten die Stimmung innerhalb unserer Gemeinde erspüren, um einen echten Einblick zu bekommen und darüber berichten zu können. Nur so können wir den Zugang zu Leuten und ihren Geschichten vor Ort bekommen, um die vielschichtigen Ereignisse besser zu verstehen als die Presse von außerhalb.

In Gesprächen mit meinen Redakteuren wurde mir klar, dass unsere Berichterstattung sich von Tag zu Tag, wie einzelne Kapitel, auf prägnante Art und Weise entwickeln würde. Von der ungeheuren Verwüstung, mutigen Rettungseinsätzen, freiwilligen Helfern und den Schmerz, den die Tragödie verursacht hat, entwickelte sich die Berichterstattung dann hin zu persönlichen Schicksalsgeschichten und dem Umgang mit Hoffnung und Trauer. Da ich in Darrington war, um von dort über diese willensstarke Gemeinde zu berichten, fokussierten sich unsere Berichte auf den Zusammenhalt der Leute und wie sie sich gegenseitig durch die Katastrophe halfen. Als FEMA und die ‘National Guardsmen’ die Katastrophenhilfe übernahmen, drehten sich unsere Berichte um die Bergungsarbeiten und um die logistischen Schwierigkeiten, die auftraten.

Unser eigenes Durchhaltevermögen und Wohlbefinden als Journalisten war eher nebensächlich. Man kann unseren Einsatz bei weitem nicht mit den von Rettungskräften vergleichen, aber wir arbeiteten trotzdem bis zu 18 Stunden am Tag, zwei Wochen in Folge. Unsere Redakteure vergewisserten sich laufend, wie es uns geht, sie unterstützen uns mit dem nötigen Rückhalt, den wir brauchten, um nicht zusammen zu brechen und die Aufgabe zu meistern, die vor uns lag.

AR: Gibt es eine spezielle Vorbereitungen vor einem Treffen mit den Angehörigen von Opfern?

NC: Ich habe für die Redaktion eine Excel Datei erstellt über alle vermissten Personen und die Kontaktdaten zu ihren Angehörigen, und welcher Reporter mit ihnen gesprochen hat, ob wir Bilder von ihnen haben und so weiter. Wir haben ein starkes Team, aber gerade weil wir so viele sind, ist es wichtig, Angehörige nicht zu belästigen, wenn einer unserer Kollegen schon mit ihnen gesprochen hat. Ich habe alle Reporter dazu angehalten, sich die Datei anzusehen, und sich die Notizen durchzulesen, bevor sie mit Angehörigen der Opfer in Kontakt getreten sind.

SN: Das Katastrophengebiet ist in einer begrenzten Gegend, und wie alle anderen auch, haben wir uns das Eigentumsregister angeschaut. Trotzdem sind wir behutsam mit solchen Informationen umgegangen, bis die Angehörigen der Betroffenen damit umgehen konnten, dass ein Familienmitglied vermisst oder verstorben war. Obwohl es eine große Anzahl von Opfern gibt, gehen wir im Grunde damit um, wie bei einem Motorradunfall zum Beispiel, mit nur einer betroffenen Familie. Man muss respektvoll sein. Wir fragen bei den Familien um Erlaubnis, die Geschichte der verstorbenen Person zu erzählen, und das nehmen wir nicht auf die leichte Schulter. Ihre Antwort wird akzeptiert, und wir sagen ihnen immer: “Vielleicht ist jetzt noch nicht der richtige Zeitpunkt. Wenn Sie es zu einem späteren Zeitpunkt erzählen wollen, sind wir mit einem offenem Ohr für Sie da. Egal wann.”

Wir bekommen einen einmaligen Zugang. Wie ich schon sagte, “wir sind Teil der Gemeinschaft, über die wir berichten” und das hat wirklich Gewicht. Viele der grossen Medienorganisation kommen hierher, um über die Katastrophe zu berichten, aber die meisten Leute entscheiden sich mit uns zu reden, weil sie wissen: wir sind wie sie.

RW: Bei uns waren drei bis vier Reporter damit beauftragt, Opfer oder Familienangehörige der Opfer zu finden. Das haben wir so entschieden, da es am Anfang kaum Angaben gab zu der Anzahl von Todesopfern und Vermissten. Die Kollegen, die bei Angehörigen der Verstorbenen angerufen haben, hatten Erfahrung im Umgang mit Leuten in Krisensituationen, sie wussten wie sensibel man sein muss.

MY: Meine persönliche Einstellung ist “menschlich bleiben”, vor einem Besuch bei Familien, die gerade einen Verlust erlitten haben. Ich rufe mir in Erinnerung, dass ich nicht nur dort bin, um ihre Geschichte zu erzählen, sondern auch ihnen zuzuhören.

AR: Gibt es so etwas wie Richtlinien oder Vorgaben, nach denen gehandelt wird – in Bezug auf die Art von Berichterstattung für eine solche Geschichte und in Bezug auf den Schutz der Reporter?

NC: Ich schaue mir die wirklich guten Reporter gerne an, die unglaubliche Geschichten schreiben. Ich kann mich auch auf meine eigene Erfahrung stützen. Bei dem Amoklauf in Fort Hood, als der Militärpsychiater 13 Leute erschoss, war ich die erste, die live berichtet hat. Ich habe auch schon von einer Tornadobergung aus Moore in Oklahoma berichtet. Dabei habe ich gelernt, mich immer nur auf eine Aufgabe, ein Ziel, ein Interview auf einmal zu konzentrieren. Es passiert schnell, dass man die ganze Situation probiert aufzunehmen und überwältigt wird davon, oder meint alles gleichzeitig machen zu müssen. Ich habe gelernt, um andere Teams vor Ort um Hilfe zu bitten oder die Redaktion zu Hause, um sicher zu gehen dass meine Geschichte gemacht wird. Ich bin nur ein Teil des Puzzles, das mein Sender zusammensetzt, um das ganze Bild zu zeigen.

SN: Bei uns gibt es Überschwemmungen und Brände, bei denen es schon zu Todesopfern gekommen ist, oder auch schlimme Fälle von Mord und Totschlag; das sind Ereignisse, auf die wir als Gemeinschaft reagieren. Dadurch haben wir ein wenig Übung darin und das ist hilfreich.

Ich will jetzt nicht Werbung für das Dart Centre machen, aber eines der Hilfsmittel, die wir verteilt haben und uns gestern nochmal versichert haben, dass alle eine Ausgabe haben, ist das “Tragedies & Journalists Handbook”. Wir fordern unsere Leute dazu auf, es zu lesen und immer wieder zu lesen. Es liefert eine Menge praktischer Tipps. Ausserdem ist es wichtig, als schreibender Journalist von jemandem zu hören: “ Du musst auch auf dich selbst aufpassen.” Wir befinden uns mitten in einem sich entfaltenden Ereignis, da werden die Ärmel hochgekrempelt, aber wir wissen auch, dass wir hier länger ausharren müssen. Auch deshalb liegt uns das Wohlergehen unserer Reporter und Fotografen am Herzen.

RW: Wir lernen durch jede “Eilmeldung” dazu und probieren diese Erfahrung in die folgenden Geschichten einfliessen zu lassen. Ein paar Tage nach dem Erdrutsch haben wir in der Redaktion besprochen, ob irgendjemand in unserem Team unsere Unterstützung braucht bei der Verarbreitung des überwältigenden Schmerzes, mit dem sie konfrontiert wurden. Wir haben das Thema öfters besprochen. Der Zugang zu der verwüsteten Gegend, wo die Bergungsarbeiten stattfinden, ist streng kontrolliert. Nur selten wird den Medien Zugang gewährt. Wir haben schlimme Berichte gehört darüber, was die Rettungshelfer und Bergungsdienste in der Erde finden, aber wir haben es nicht selbst gesehen. Trotzdem sind unsere Reporter ständig am Telefon oder bei Treffen mit Leuten, die unglaublichen Schmerz und Trauer empfinden, und sind mit einer zerstörten Gegend konfrontiert, die mal eine heile Nachbarschaft war. Das wirkt sich auf jeden irgendwie aus.

MY: Ich hatte keine Zeit dazu, mir andere Arbeitsbeispiele oder Handbücher anzuschauen. Aber ich habe von ein paar Naturkatastrophen und anderern Tragödien berichtet, und versuche aus meiner eigenen Erfahrung heraus, mit der jetzigen Situation umzugehen.

AR: Wie wurden die sozialen Medien von Reportern und den Redaktionen genutzt und wie konnte die Information verifiziert werden?

Paige Cornwell: Soziale Medien waren sehr wichtig in dem Prozess, wie wir über das Ereignis berichtet haben und wie wir überhaupt an Informationen herangekommen sind. Am Tag des Erdrutsches wurden einige Anwohner in Snohomish County dazu aufgefordert, ihre Häuser zu evakuieren und sich in ein höheres Gebiet zu begeben. Die Angaben zur Evakuierung veränderten sich ständig, anhand von Twitter konnten wir die aktuellste Informationen abrufen. Da Institutionen wie der Wetterdienst und der Snohomish County Sheriff regelmässig Tweets veröffentlicht haben, konnten wir einfach unseren Twitterfeed anschauen, was viel Zeit gespart hat.

Ausserdem haben wir Plattformen wie Storify benutzt, über die ich Tweets und Facebook Posts finden konnte, die mit dem Erdrutsch zusammenhingen. Solche Inhalte haben wir nicht als verifizierte Information behandelt, aber es waren Anhaltspunkte, die wir verfolgen konnten.

RW: Wir benutzen die sozialen Medien häufig zum Berichten und Verteilen unserer Berichte. Wir erinnern unsere Reporter daran, früh und regelmässig zu tweeten. Gleichzeitig sagen wir, dass die Anforderungen an Twitter-Inhalte dieselben sind wie für Inhalte, die wir drucken oder online veröffentlichen. Wir verbreiten keine Gerüchte über Twitter. Wir haben einen Namen, hinter dem wir stehen müssen und unsere Leser erwarten, dass alle Informationen, die wir veröffentlichen, auch geprüft und verifiziert sind. In diesem Fall haben soziale Medien uns dabei geholfen, Profile der Opfer zu schreiben und Fotos zu finden. Wir haben soziale Medien häufig dazu benutzt, Quellen zu finden, die uns über die Opfer Auskunft geben konnten.

AR: Sind Reporter regelmässig abgelöst worden?

SN: Es gibt niemanden, der die ganze Zeit im Einsatz war. Aber das Unglück passierte ja an einem Samstagmorgen und dafür mussten wir extra Leute zum Dienst holen. Es ist erst Mittwoch (26. März), aber es fühlt sich an wie Freitag. Es hat viel gefordert und es werden uns Fehler passieren. Ich bin mir sicher, wir könnten noch bessere Entscheidungen treffen, aber wir probieren vor allem an die Auswirkungen auf unsere Gemeinschaft und aneinander zu denken.

AR: Die Nachricht des vermissten malaysischen Flugzeugs dominiert die internationalen Medienberichte im Moment. Es gibt gewisse Parallelen. Wie geht man in der Berichterstattung damit um, wenn Leute immer noch als vermisst gelten? Entstehen dadurch andere Perspektiven?

RW: Natürlich war die Tatsache, dass viele Menschen nach dem Erdrutsch erstmal als vermisst gelten, ein wichtiger Teil der Geschichte. Es gab Berichte von 176 Vermissten. Da wurden viele Namen gedoppelt und manche als vermisst vermutet, die gar nicht vermisst waren. Seit Freitag ist klar, dass 36 verstorben und 7 vermisst sind.

Die ganze Verwirrung, die um die Anzahl der Vermissten und Verstorbenen entstand, hat es besonders wichtig gemacht, dass wir vorsichtig mit allen Informationen über vermisste Personen umgingen. Wir wollten die Zahlen nicht aufblasen, das Ereignis war schon tragisch genug. Wir haben probiert herauszufinden, wie die Zahlen erstellt wurden, um unseren Lesern den bestmöglichen Überblick zu geben, unter verwirrenden und emotionalen Umständen.

Wir haben auch darüber berichtet, warum es so schwierig für die zuständigen Behörden war, und warum es so lange gedauert hat, die Opfer zu bergen und zu identifizieren. Dabei haben wir nicht nur mit den Leuten vor Ort gesprochen, sondern mit Rettungshelfern aus dem ganzen Land, die schon bei ähnlichen Einsätzen waren.

NC: Es geht hier um Menschen, die im Schlamm vergraben sind. Wir wollen die Geschichte, aber nichts ist wichtiger, als den Familien gegenüber respektvoll zu sein.

SN: Was für eine Sprache, welche Ausdrücke benutzt man in diesem Moment? Wie beschreibt man, was gerade passiert? Wir besprechen uns untereinander, um sicher zu gehen, dass unsere Berichte mit dem übereinstimmen, was wir wissen konnten. Man will niemanden als Todesopfer nennen, wenn er noch als vermisst gilt.

AR: Was ist die grösste Herausforderung an dieser Geschichte?

NC: Zeit zum Schlafen zu finden, Toiletten in abgelegen Orten zu finden, und nicht zu vergessen, zu essen. Wir arbeiten für viele Stunden bei so einem Ereignis. Ich habe Psychologie studiert und kenne mich damit aus, mit trauernden Menschen zu sprechen. Trotzdem zehrt es mich aus, wenn ich mit einem Dutzend Familien gesprochen habe, die alle weinen und mit dem Verlust einer geliebten Person umzugehen haben. Sie wollen, dass man ihnen zu hört. Danach muss man innerhalb des Teams aber auch den Schalter wieder umlegen können und nicht ständig auf Trauer eingestellt sein, sonst wird es einfach zu viel.

SN: Wir ziehen gerade mit der Redaktion um. Unsere Zeitung hat letztes Jahr den Besitzer gewechselt. Wir arbeiten in einer Redaktion, die bis vor ein paar Wochen keine war. Wir sitzen an Klapptischen und unsere Sachen sind noch in Kisten verpackt. Wenn man mal von einer Wahlnacht berichtet hat, kann man sich die Atmosphäre vorstellen, und dann kommt noch ein Erdrutsch dazu und Tage der Unsicherheit.

RW: Situationen wie diese sind chaotisch, vor allem am Anfang. Es war viele Tage lang chaotisch. Es war eine grosse Herausforderung, die Tragweite der Katastrophe richtig widerzuspiegeln. Wie ich schon sagte, das Katastrophengebiet war streng kontrolliert und der Zugang zu den Rettungskräften sehr begrenzt. Hinzu kam, dass es 60 Meilen von uns entfernt passiert ist und einige unserer Reporter und Fotografen dort ein paar Tage ohne vernünftige Unterkunft verbrachten. Ausserdem probieren wir auch eine “Watchdog” Rolle einzunehmen, um zu hinterfragen, wie so etwas passieren konnte. Wir haben darüber berichtet, dass Experten vor einem Erdrutsch gewarnt hatten.

MY: Bei einer Geschichte wie dieser gibt es vor allem zwei Herausforderungen: Das emotionale Ausmass der Tragödie und wie wir dieses in Zusammenhang bringen in der Berichterstattung. Die Reporter und Fotografen vor Ort nehmen die Reaktionen, Ängste und Sorgen der Leute auf. Wir werden auch Zeugen der Verwüstung und der emotionalen Reaktionen darauf, wenn wir vor Ort sind. Wir müssen uns daran erinnern, weiter zu fragen und nicht nur über das offensichtlich Schockierende zu berichten, und wir müssen es menschlich machen. Ich bin am effektivsten, wenn ich meine eigenen Emotionen dabei bewusst leite und nicht abschalte.

Ein Nachteil der Berichterstattung war die grosse Anzahl der Medienleute, die sich in eine kleine Gemeinde wie Darrington begeben hat. So weit das Auge reichte, standen Kameramänner und Nachrichtensprecher rum. Jeder persönliche Moment, jegliche Bewegung wurde aufgenommen. Es kam sogar zu Beschwerden über Journalisten, die sich bei privaten Treffen reingeschlichen haben. Die Verbindung von Presse und Öffentlichkeit wurde dadurch beschädigt. Die Übersättigung an Presse in Darrington machte es schwierig, von dort aus Sicht der Leute zu berichten, sie haben ihr Vertrauen zu Journalisten verloren.

Als Lokaljournalist musste ich versuchen, mich von den anderen Journalisten abzuheben. Es war ein Drahtseilakt, zu wissen, wann ich insistieren und wann ich mich zurück halten musste. Einige Male musste ich es aufgeben, Bilder zu machen, um Angehörige oder Betroffene respektvoll zu behandeln. Wirklich gute Bilder waren selten, während ich an dieser Geschichte gearbeitet habe. Gleichzeitig ging es nicht mehr nur um Bilder, sondern darum, die Geschichte erzählen zu können.

Nach zwei Wochen harter Arbeit saß ich im Gemeinschaftszentrum in Darrington und der Bürgermeister kam zu uns rüber und machte ein Foto von der Gruppe Journalisten. Danach bedankte er sich für unseren Dienst für seine Gemeinde. Das war das erste mal, dass ich lächeln konnte in der ganzen Zeit.

Das wichtigste, was ich aus dieser Geschichte gelernt habe ist, dass wir als Journalisten vorsichtig, aber unermüdlich daran arbeiten müssen, der Öffentlichkeit durch unsere Geschichten zu dienen.

AR: Zuletzt, Scott – gibt es einen Ratschlag den du an andere Journalisten weitergeben möchtest?

SN: Gestern hat ein sehr guter, junger Reporter aus Seattle in einem Tweet geschrieben, dass er überrascht war, weil ein Rettungshelfer von einem Hilfe-Service erzählt hat, der für die emotionalen Verletzungen, welche man in einer solche Katastrophe erleiden kann, zuständig ist. Der Rettungshelfer hat auch Journalisten angesprochen. Der junge Reporter hatte noch nie von so etwas gehört und ich habe ihm über Twitter von Dart erzählt.

Ich glaube,  dass wir alle, die über Trauma und Gewalt berichten und es weiterhin tun wollen, bewusst damit umgehen müssen und gut auf uns aufpassen müssen.