Kurzbiografien der Referenten – Übersicht

Aug 20, 2014 | No Comments

Referenten und Veranstalter

Claudia Fischer, Jahrgang 1966, ist Medienpädagogin und arbeitet als freie Journalistin für Fernsehen, Radio, Print- und Onlinemedien. Sie ist Film- und Buchautorin, Moderatorin und Dozentin/Referentin in der Kinder-, Jugend- und Erwachsenenbildung. Seit 2001 beschäftigt sie sich in der Berichterstattung und Weiterbildung überwiegend mit den Themen sexualisierte Gewalt, Dissoziative Identitätsstörung (so genannte „Multiple Persönlichkeiten“, z.B. Film „Ein Körper mit System“), Journalismus und Trauma. Sie arbeitet dabei sowohl mit Journalist/innen als auch mit Therapeut/innen und Justizangehörigen wie z.B. Bewährungshelfer/innen zusammen. Für das Dart Centre ist sie seit 2006 kontinuierlich immer wieder als Trainerin und Autorin tätig. Von 2007 bis 2010 lebte sie als Freie Auslandskorrespondentin für die ARD in Edinburgh/Schottland. http://www.verstandenwerden.de

Stefanie Friedhoff, deutsch-amerikanische Journalistin und Autorin. Sie arbeitet als „Assistant Director for Programming and Special Projects“ der Nieman Foundation für Journalismus an der Harvard Universität, wo sie  das Trauma und Journalismus-Programm leitet.  In Zusammenarbeit mit dem Dart Center for Journalism and Trauma an der Columbia Universität in New York entwickelte Friedhoff interdisziplinäre Konferenzen zu den Themen Trauma, Journalismus und Storytelling und der Entwicklung von Materialien für Journalisten.  In 2009 veröffentlichte sie zudem den Internet-Ratgeber coveringflu.org.  Vor ihrer Arbeit mit der Nieman Foundation war Friedhoff zehn Jahre lang im deutschen Tageszeitungs- und Magazinjournalismus in Berlin tätig, bevor sie sich als freie Korrespondentin und Wissenschaftsautorin in Cambridge, Massachusetts, selbstständig machte. Ihre Reportagen und Berichte aus den USA erschienen unter anderem in der Süddeutschen Zeitung, Focus, Folio/Neue Zürcher Zeitung und der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Seit 2002 schreibt Friedhoff zudem für das Time Magazin. Im Sommer 2000 wurde sie mit einem Nieman Fellowship an der Harvard Universität ausgezeichnet.

Thomas Görger (52) ist freier Autor/Reporter mit Schwerpunkt elektronische Medien vor allem für verschiedene Nachrichten-, Magazin- und Reportage-Formate des WDR-Fernsehens und Trainer im Bereich Fernseh-Live-Berichterstattung für die ARD.ZDF medienakademie. Einsätze als Sonder-Korrespondent für TV und Hörfunk in Krisen- und Katastrophengebieten führten ihn seit 1999 in die Türkei, nach Mozambik, Indien, Sri Lanka, Haiti, Pakistan, Kenia und zuletzt auf die Philippinen. Als Autor einer WDR-Dokumentation zum Thema „Trauma im journalistischen Alltag“ und bei Seminaren und Trainings in Zusammenarbeit mit dem Dart Centre in Köln befasste er sich mit den besonderen Anforderungen an einen achtsamen Journalismus, aber auch mit den oft unerwarteten Risiken für Reporter und Teams im Alltag der lokalen und regionalen Berichterstattung. http://www.thomas-goerger.de/

Gerhard Kromschröder war Reporter und Nahost-Korrespondent des Stern mit Sitz in Kairo und berichtete u.a. im ersten Irak-Krieg als einziger deutscher Printjournalist aus dem bombardierten Bagdad. 1941 in Frankfurt am Main geboren, studierte er dort Germanistik, Soziologie und Kunstgeschichte. Er ging als Lokalredakteur ins Emsland, wurde danach stellvertretender Chefredakteur des legendären Frankfurter Satireblattes Pardon. Als Reporter des Stern machte er sich einen Namen als investigativer Journalist mit seinen verdeckten Recherchen, unter anderem unter alten und neuen Nazis, zur Flick-Spendenaffäre oder zu Umweltskandalen. Immer wieder widmete er sich riskanten Nachforschungen zu terroristischen Aktivitäten im In- und Ausland und fuhr für journalistische Einsätze in verschiedenste Krisengebieten. Er veröffentlichte zahlreiche Bücher (u.a.: „Bilder aus Bagdad – Mein Tagebuch“, „Ach, der Journalismus – Glanz und Elend eines Berufsstandes“) und wurde auf die „Theodor-Herzl-Dozentur für Poetik des Journalismus“ der Universität Wien berufen. Demnächst erscheint ein Lehrbuch zum Kriegs- und Krisenjournalismus in der Journalismus-Bibliothek des Herbert-von-Halem-Verlags. Kromschröder lebt als freier Autor in Hamburg.

Gisela Mayer hat Philosophie, Psychologie und Kristallographie studiert und einen Sonderstudiengang auf Empfehlung des Dekans der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU), München absolviert. Nach Studienabschluss blieb sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin dort. Später unterrichtete sie am Oskar-von Miller-Gymnasium in München, im Auftrag der LMU. Sie ist Autorin des philosophischen Lehr- und Lesebuchs „Von Platon bis heute“ und Stipendiatin der Konrad-Adenauer-Stiftung. 2009 war sie Mitgründerin des Aktionsbündnis Amoklauf Winnenden – Stiftung gegen Gewalt an Schulen. 2010 veröffentlichte sie ihr Buch „Die Kälte darf nicht siegen“. Seit 2012 ist sie im Vorstand der „Stiftung gegen Gewalt an Schulen“. http://www.stiftung-gegen-gewalt-an-schulen.de/

Christian Möller (M.A.) forscht und arbeitet seit 1997 zu allen Themen der Informationsgesellschaft. Nach dem Studium der Medienwissenschaften, der neueren deutschen Literatur und des öffentlichen Rechts an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel war er in vielfältigen Funktionen, unter anderem bei regionalen Hörfunksendern, Medienregulierungsbehörden, internationalen Organisationen und diplomatischen Missionen im In- und Ausland tätig und ist Lehrbeauftragter im Fachbereich Medien der Fachhochschule Kiel. Zudem war er im Jahr 2012 Academic Fellow des Dart Center for Journalism and Trauma an der Columbia University Graduate School of Journalism. Mehr unter: http://www.theinformationsociety.org

 

Frank Nipkau war von 1993 bis 1998 Redakteur beim Westfalen-Blatt in Bielefeld. Von 1998 bis 2002 leitete er die Lokalredaktion Cottbus der Lausitzer Rundschau. Seit 2002 ist er Redaktionsleiter des Zeitungsverlages Waiblingen (Waiblinger Kreiszeitung, Schorndorfer Nachrichten, Winnender Zeitung, Welzheimer Zeitung). Für die Berichterstattung über den Amoklauf wurde die Redaktion mit dem Deutschen Lokaljournalistenpreis der Konrad-Adenauer-Stiftung ausgezeichnet. Mehr unter: http://www.zvw.de/


Gavin Rees,
Journalist und Dokumentarfilmer, ist Direktor des Dart Centre Europe, eines Projektes der journalistischen Fakultät an der Columbia University in New York. Rees produzierte diverse politische und wirtschaftliche Nachrichtenformate für US-amerikanische, britische und japanische Fernsehsender sowie Drama- und Dokumentarfilme für die BBC, Channel 4 und weitere Filmproduktionshäuser.  Im Rahmen eines Stipendiums an der Media School der Universität Bournemouth forschte Rees, wie Journalisten über Gewalt und Tragödien berichten. Rees ist Beiratsmitglied der  „European Society of Traumatic Stress Studies and the UK Psychological Trauma Society.“

Fee Rojas, Jahrgang1965, arbeitet freiberuflich als Trainerin, Psychotherapeutin und Coach in Hannover. Sie trainiert Journalisten von ARD und ZDF zum Thema „Umgang mit extremen Belastungssituationen“ und berät Journalisten bei der Frage, wie ein selbst- und fremdfürsorglicher Umgang mit traumatisierten Interviewpartnern aussehen kann, oder auch, wie man eigene traumatische Ereignisse integriert. Ihre Arbeitsschwerpunkte in ihrer systemisch-lösungsorientierten Praxis sind Auftrittsstress, Medientraining, Selbstwerttraining, Umgang mit persönlichen Krisen und Umbrüchen sowie die Integration von Extremerlebnissen im Beruf (z.B. Entführung, Überfall etc.). Von 2000 bis 2006 war sie Redakteurin und Trainerin der ARD-ZDF Medienakademie (früher ZFP). 2006 hat sie die erste ARD-ZDF Konferenz zum Thema „Trauma und Journalismus“ in Deutschland  veranstaltet. Ebenfalls 2006 hat sie erste Journalisten-Trainings zu diesem Thema im Rahmen der ARD-ZDF-Medienakademie zusammen mit Mark Brayne (ehemaliger Direktor Dart Centre London) angeboten.  Heute arbeitet Fee Rojas freiberuflich als Trainerin und Coach. Von 1996 bis 2000 war Fee Rojas als Feste und Freie beim WDR tätig, wo sie auch volontierte. Sie studierte in Bonn und Essen Kommunikationsforschung, Soziologie und Ethnologie.

Dr. Kerstin Stellermann-Strehlow, geb. 1972, studierte Sonderschulpädagogik parallel zu Ihrem Studium der Humanmedizin an der Universität Köln. Sie ist promovierte Fachärztin für Kinder und Jugendpsychiatrie, -psychosomatik und -psychotherapie sowie zertifiziert in der speziellen Psychotraumatherapie (EMDR-KJ (Supervisorin), Kid-net) für Kinder und Jugendliche und mental health in complex emergencies (LSHTM, London). Ihre psychotherapeutische Ausbildung absolvierte sie in London, Südafrika und Hamburg. Sie hat in den verschiedensten Ländern gearbeitet, die durch emotionales Trauma beeinträchtigt sind, u.a. in Südafrika, Kosovo oder Alaska. 2002 bis 2007 baute sie mit der Universitätsklinik Hamburg-Eppendorf (UKE) und der Stiftung Children for Tomorrow in den Townships von Kapstadt ein psychotherapeutisches Versorgungsprojekt für schwer traumatisierte Kinder, ihre Familien und Helfern mit auf. Von 2007-2013 arbeitete Dr. Stellermann-Strehlow als Oberärztin am UKE in Hamburg und etablierte dort u.a. in Kooperation mit dem Institut für Rechtsmedizin die Sprechstunde Gewalt und Trauma. Von April 2013 bis Oktober 2014 arbeitete sie als leitende Oberärztin an der Fachklinik der Vorwerker Diakonie in Lübeck. Seit November 2014 arbeitet Dr. Stellermann-Strehlow wieder am UKE als Oberärztin im Bereich Jugendsucht und Trauma sowie als Leiterin der Sprechstunde Trauma.
Sie arbeitet als Dozentin und ist Mitentwicklerin des Online Kurses www.medicalpeacework.com.

Petra Tabeling ist Koordinatorin des Dart Centres für Trauma und Journalismus in Deutschland, freie Journalistin, Autorin, Moderatorin und Projektmanagerin. Nach dem Studium der Germanistik, Anglistik und der Allgemeinen Literaturwissenschaft sowie Medienplanung, -entwicklung und –beratung und wissenschaftlicher Mitarbeit in der Medienforschung, volontierte sie 2001 bei der Deutschen Welle, wo sie anschließend als Redakteurin tätig war. Danach berichtete sie für diverse Medien wie dem WDR, DLF, FAZ, NZZ aus mehreren Ländern zu migrations- und (kultur)politischen Themen, aus Irland/Nordirland bereits seit 15 Jahren. Sie engagiert sich bei Reporter ohne Grenzen und spezialisierte sich seit 2006, dem Jahr ihres Dart Center Ochberg Fellowships, und einem anschließenden  Heinz-Kühn-Stipendium, welches sie nach Indonesien führte, auf Arbeitsbedingungen von Journalisten in Krisengebieten. Sie begründete unter Mark Brayne (BBC), Dart Centre Europe Direktor, das deutsche Büro in Köln. Seither trainiert sie Studenten und Volontäre, forciert Kooperationen und Ressourcen für einen sensibleren Umgang in den Medien, ist Jurymitglied des Journalistenpreises des Weissen Rings und Beiratsmitglied des Forschungsverbundes Target (Tat- und Fallanalysen hochexpressiver zielgerichteter Gewalt) der FU Berlin im Auftrag des Bundesministeriums für Bildung und Forschung. Sie produziert und schreibt weiterhin Beiträge und Publikationen (u.a. für den WDR, DLF u.a.). Mehr unter: http://www.mediapark-sued.de/tabeling.html und http://dartcenter.org/german

Innovative Fortbildung

Innovative Fortbildung

Aug 5, 2014 | No Comments

Warum diese Fortbildung?

Krisenreporter, die über Kriege oder verheerende Amokläufe sowie Naturkatastrophen berichten, die woanders auf der Welt stattfinden – das sind die ersten Einfälle, die manche mit dem Begriffen „Trauma und Journalismus“ verbinden. Dabei ist es längst klar und nahe liegend: Auch im Lokaljournalismus, in unseren Gemeinden, vor unserer Haustür, berichten wir – die Journalisten, Fotografen, Redakteure, Kameraleute fast täglich über schwerwiegende Ereignisse: Brände, Einbrüche, Gewalttaten, Verkehrsunglücke, Flüchtlingsschicksale, aber auch über häusliche Gewalt oder Missbrauch.

Seit dem Amoklauf in Winnenden im Jahr 2009, der Love Parade in Duisburg oder den Flutwellen im Osten Deutschlands ist das Bedürfnis auch seitens der Journalisten groß, besser darauf vorbereitet zu werden. Denn sie sind bei schlimmen Ereignissen häufig gemeinsam mit Polizei, Feuerwehr und Rettungsdiensten als erste vor Ort. Für die anderen Berufsgruppen gibt es entsprechende Trainings oder Notfallseelsorger, nicht aber für die Journalisten. Selbst mit zeitlichem Abstand zum schlimmen Ereignis hört die journalistische Arbeit nicht auf: Gerade im Lokalen haben Journalisten auch im Alltag mit Opfern, Betroffenen und Überlebenden zu tun. Anders als Reporter internationaler oder überregionaler Teams bleiben die Lokaljournalisten da, sind Teil der Gemeinde und „bleiben dran“ an den Entwicklungen. Sie müssen langfristig mit den direkt Betroffenen in der Gemeinde leben. Traumasensible Interviews mit Betroffenen sind daher besonders wichtig.  Das dazugehörige Handwerkszeug ist in keinem Lehrbuch zu finden und wurde bislang kaum vermittelt.

Kurzfilm zum Workshop in Rendsburg:

Film: Finn und Jana Karstens

Weitere Materialien:

2013 Rendsburg Fortbildungsworkshop: Programm

Tipps für Interviews mit Kindern

Jun 11, 2014 | No Comments

Kinder sind besonders verletzlich. Wenn sie ein traumatisches Ereignis  erlebt haben wie Terror, Gewalt, Naturkatastrophen, Verbrechen, Trauer, Verlust oder eine schwere Krankheit, dann sind sie auf ein  sensibles Urteils- und Einfühlungsvermögen von Erwachsenen angewiesen, um nicht weiteren Schaden zu nehmen. Reporter/innen, Redaktionsleitungen, Fotograf/innen und andere Medienschaffende sollten sich dieser Verantwortung bewusst sein. Nutzen Sie Kinder für ihre Berichterstattung nicht aus und fügen Sie ihnen durch unsensible Arbeit keinen weiteren Schaden zu.

Hier sind einige Praxishinweise für die Berichterstattung:

Grundsätzliche  Interviewregeln

Holen Sie sich immer die ausdrückliche Zustimmung mindestens eines Elternteils oder einer erwachsenen Vertrauensperson (andere Verwandte, Jugendamt, Helfer/innen, je nach Situation) des Kindes ein, bevor sie ein Interview führen oder das Kind fotografieren. Das bedeutet, dass Sie dem/der Erwachsenen erklären, warum und worüber Sie mit dem Kind sprechen wollen und in welcher Form und in welchem Zusammenhang das Interview veröffentlicht/verwendet werden soll.

Verabreden Sie gemeinsam Regeln für das Interview. Machen Sie deutlich, was veröffentlicht werden könnte und was Sie nicht veröffentlichen werden[1].

Achten Sie darauf, dass die erwachsene Vertrauensperson beim Interview anwesend ist. Falls nicht, legen Sie die Passagen, die Sie veröffentlichen wollen, auf jeden Fall noch einmal zur Abnahme vor, bevor Sie diese drucken oder senden.

Achten Sie darauf, dass den Beteiligten immer klar ist, dass Sie ein/e Journalist/in sind und Teile dieses Gespräches veröffentlichen werden. Passen Sie auf, dass Sie nicht als Freundin oder Helfer/in wahrgenommen werden, sondern Ihre Rolle immer klar ist.

Versprechen Sie nichts, was Sie nicht halten können.

Suchen Sie sich einen möglichst ruhigen Platz für Ihr Interview und sorgen Sie dafür, dass es dem Kind dort gut geht. Nehmen Sie das Kind ernst. Bevormunden Sie es nicht, überreden Sie es zu nichts.

Wenn Sie das Interview beendet haben, besprechen Sie kurz alle Passagen, die Sie verwenden wollen, mit dem/der erwachsenen Begleitperson.

Interviews am Ort eines Verbrechens oder einer Katastrophe

Vermeiden Sie es, Kinder am Ort eines Verbrechens oder einer Katastrophe zu interviewen. Sie stehen sehr wahrscheinlich unter Schock und benötigen jetzt  Trost, Sicherheit und Hilfe, und keine Fragen.

Wenn Sie sich entscheiden, ein Kind doch vor Ort zu interviewen, versuchen Sie zumindest, dies nicht vor der Kulisse von Chaos, Rettungspersonal, Sirenen oder anderen Opfern zu tun. Suchen Sie einen geschützten Ort auf und sagen Sie Personen, die sich um das Kind kümmern, Bescheid, wo Sie sind. Achten Sie auf Transparenz!

Veröffentlichen Sie keine Fotos oder Filmaufnahmen von Kindern ohne vorherige Zustimmung von verantwortlichen Erwachsenen. Ein Foto von einem verletzten Kind ist aufwühlend und kann außerdem vom Opfer als sehr entwürdigend empfunden werden.

Stellen Sie offene Fragen: „Was ist dann passiert?“ Vermeiden Sie Suggestivfragen oder Fragen, auf die die Antwort eigentlich überflüssig ist, wie z.B. „Hattest Du Angst?“.

Traumatisierte Menschen treffen oft schlechte, unüberlegte Entscheidungen. Bereiten Sie sich darauf vor, dass Erwachsene und Kinder vielleicht auch nach dem Interview noch ihre Zustimmung zurück ziehen oder etwas verändern wollen. Sollte das passieren, verwenden Sie das Material nicht und halten Sie sich an diese Wünsche! Insbesondere bei Interviews mit Kindern sollte man eine Kontaktadresse hinterlassen, wie man auch nach dem Interview für weitere Absprachen zu erreichen ist, denn häufig sind wichtige Erwachsene, die zustimmen müssten, nicht gleichzeitig vor Ort und es entsteht später noch Gesprächsbedarf.

Geben Sie dem Kind so viel Mitspracherecht wie möglich

Machen Sie deutlich, dass das Kind nicht auf jede Frage antworten muss, dass es das Interview abbrechen oder hinterher noch entscheiden darf, dass bestimmte Antworten nicht zitiert werden sollen und dass Sie sich daran halten werden.

Halten Sie Stift und Zettel oder Aufnahmegerät/Kamera stets so sichtbar, dass immer deutlich ist, in welcher Form das Interview aufgezeichnet wird. Erklären und zeigen Sie dem Kind die technischen Geräte, wenn es sich dafür interessiert, das bringt Vertrauen und Sicherheit in die Situation. Lassen Sie es zum Beispiel einmal selbst durch die Kamera schauen oder sein eigenes Bild sehen.

Seien Sie sich stets darüber im Klaren, dass Kinder manchmal versuchen, das zu sagen, was ihrer Meinung nach von ihnen erwartet wird.

Interviews mit Kindern über länger zurückliegende Traumata

Recherchieren Sie im Vorfeld so viel Sie können über die Situation, um die es geht. Befragen Sie Eltern, Beratungsstellen, Lehrer/innen, Mediziner/innen, ziehen Sie Aufzeichnungen und Unterlagen wie Gerichtsdokumente u.a. zu Rate, um sich möglichst gut über die Details zu informieren. Dies hat zwei Gründe: Zum einen muss das Kind Ihnen dann nicht viele Teile seines Traumas selbst erklären und Sie halten die Belastung gering. Zweitens sind Kinder schlechte Zeugen für Fragen nach Fakten, weil ihre Wahrnehmung sich häufig sehr von der Wahrnehmung Erwachsener unterscheidet.

Erkundigen Sie sich bei Eltern oder Vertrauenspersonen des Kindes, ob es bestimmte Themen oder Aspekte gibt, die das Kind besonders belasten und versuchen Sie, diese besonders sensibel anzusprechen oder möglichst sogar auszusparen.

Bevormunden Sie Kinder niemals, egal, wie jung diese  sind. Respektieren Sie ihre Gefühle und ihre Art, wie sie Dinge erinnern oder erzählen wollen. Seien Sie vorbereitet und nicht überrascht: Es kann sein, dass ein Kind nicht so trauert, wie Sie es erwarten.

Wiederholen Sie dem Kind gegenüber, was Sie verstanden haben und geben Sie ihm die Chance, Dinge richtig zu stellen.

Bilden Sie sich fort. Sprechen Sie mit Expert/innen, besuchen Sie Seminare, lesen Sie Hintergründe über traumatisierte Kinder auf seriösen Webseiten. Überlegen Sie, welche Fragen für welche Altersgruppe von Kindern gut geeignet sind – zum Beispiel wird ein Kind im Kindergartenalter Ihnen kaum bestimmte Ereignisse chronologisch und detailliert schildern können, aber es wird wahrscheinlich sehr gut beschreiben, wie und was es gespielt hat, als der Wirbelsturm kam.

Kinder unter 13 Jahren sind häufig keine verlässlichen Zeugen, was Fakten angeht. Ziehen Sie ergänzende Unterlagen und Quellen zu Rate und prüfen Sie die Aussagen, wie immer Sie können.

Stellen Sie niemals Fragen, die Schuldgefühle wecken können, wie z.B. „Hattest Du keinen Sicherheitsgurt um?“ oder „Bist Du oft abends alleine draußen?“

Über eine traumatische Situation zu sprechen, kann in Ihrem Gegenüber sehr intensive Gefühle verursachen, auch noch Jahre danach. Bereiten Sie sich auf extreme emotionale Äußerungen vor und sorgen Sie ggf. dafür, dass Sie Menschen in der Nähe haben, die das auffangen können, z.B. Familienmitglieder, ältere Geschwister, Seelsorger oder Betreuungspersonen.

Passen Sie die Länge des Interviews an das Alter der Kinder an: Bewährt haben sich

  • ca. 30 min. für Kinder unter 9 Jahren,
  • 45 min. für Teenager zwischen 10 und 14 und
  • maximal eine Stunde für Jugendliche.

Machen Sie eine Pause, wenn Sie bemerken, dass das Kind abgelenkt ist oder gelangweilt wirkt.  Das kann eine Reaktion darauf sein, dass es emotional überfordert ist.

Veröffentlichen Sie keine Informationen, die im Nachhinein peinlich für das Kind sein könnten, auch wenn es der Veröffentlichung zugestimmt hat. Kinder erzählen in einer Situation oft vieles, was sie hinterher bereuen, und Sie als Reporter/in brauchen längst nicht jedes Detail für Ihren Bericht. Zum Beispiel sind Bettnässen oder Drogenkonsum häufig Begleiterscheinungen einer Geschichte, die auch ohne diese Details berührend genug ist. Wenn Sie solche Dinge veröffentlichen, dann nur, wenn Sie ausdrücklich darüber berichten wollen.

Besprechen Sie mit erwachsenen Vertrauenspersonen nach Ihrem Interview, welche Zitate Sie wie verwenden wollen, und wann, wo und wie oft Ihr Bericht veröffentlicht wird. Schicken Sie auf jeden Fall im Nachhinein Belegexemplare zu!

 

Diese Checkliste und weitere Informationen finden Sie auf Englisch unter http://dartcenter.org/content/interviewing-children-guide-for-journalists

 


[1] Vielen Opfern ist es sehr wichtig, dass bestimmte Aussagen veröffentlicht werden, die sie gesagt haben, und sie fühlen sich verraten, wenn ausgerechnet dieser Satz dann nicht auftaucht. Insofern sollte man bei Dingen, die mit großer Intensität erzählt werden, von denen man aber bereits im Interview weiß, dass das eigentlich viel zu weit geht, deutlich machen, dass man diese Passage nicht verwenden wird oder kann und warum.

Tipps für Redaktionsleiter für die Unglücks- und Katastrophenberichterstattung

Tipps für Redaktionsleiter für die Unglücks- und Katastrophenberichterstattung

Jun 11, 2014 | No Comments

Berichte über traumatisierende Ereignisse und extreme menschliche Belastungen wie Tod und Katastrophen gehören zum Alltag für Journalist/innen. Dies ist ein wichtiger Bestandteil unserer Arbeit – aber es kann uns auch schwer belasten. Medienunternehmen unterscheiden sich dabei nicht von anderen Organisationen, die mit traumatisierenden Ereignissen professionell umgehen müssen (z.B. Rettungsdienste). Als Redaktionsleitung sollten die Belastungen ernst nehmen, sich und ihr Team angemessen vorbereiten und unterstützen, denn damit stellen Sie nicht nur die Gesundheit Ihres Teams, sondern auch eine angemessene und verantwortungsvolle Berichterstattung sicher.

Das beste, was man in belastenden Situationen tun kann, ist gute und sich gegenseitig unterstützende Teamarbeit (Zusammenhalt in der Redaktion) und ein gutes Management – eingebettet in ein Klima, in dem deutlich gemacht wird, dass traumatisierende Ereignisse zum journalistischen Alltag gehören.

Diese Tipps sollen Anregungen bieten, zur Selbstfürsorge, Fürsorge im Team und um angemessener berichten zu können. Dazu ist es wichtig, sich VOR einem Ereignis mit den möglichen Folgen oder z.B. Bildern schlimmer Situationen auseinander zu setzen und sich während und nach einem Ereignis weiter zu unterstützen. Dies gilt für große „Schadenslagen“ (Naturkatastrophen, Kriegsreportagen) genauso wie für andere Ereignisse wie Autounfälle, Gerichts- oder Kriminalreportagen.

 Vor einem Ereignis:

  •  Sprechen Sie offen und regelmäßig über die möglichen Folgen traumatisierender Ereignisse in unserem Beruf, z.B. in Schulungen, aus gegebenem Anlass in Konferenzen oder in Führungsgesprächen. Wenn Sie Sensibilität dafür zeigen, was ein schlimmes Ereignis für uns als Medienschaffende bedeuten kann, und wie Ihr Unternehmen/Ihre Redaktion damit umgeht, wird dies Ihr Team befähigen, auch schwierige Situationen durchzustehen – und zu einer besseren Berichterstattung führen. Ein offenes Gesprächsklima darüber, dass manche Themen und Ereignisse nicht spurlos an einem Reporter vorbei gehen, verringert nachweislich den Stress für alle Beteiligten.
  • Besprechen Sie mit Einzelnen oder im Team die möglichen emotionalen Folgen belastender Berichterstattung. Planen Sie gleichzeitig gemeinsame logistische und organisatorische Maßnahmen, wie die Redaktion in einem Ernstfall reagieren soll (Erreichbarkeiten, Aufgabenverteilung, Einrichtung spezieller Handy- oder Telefonnummern für Reporter in Krisen usw.).
  • Erinnern Sie Ihre Mitarbeiter/innen daran, dass Stress durch belastende Berichte eine normale menschliche Reaktion ist und kein Zeichen von Schwäche – und dass eine Belastung auch Auswirkungen auf ihre Berichte hat. Wer eine Belastung zugibt, muss keine Angst haben, beim nächsten Mal einen Auftrag nicht mehr zu bekommen!
  • Geben Sie Ihren Mitarbeiter/innen Wertschätzung und Anerkennung, schon bevor sie in einen Reportageeinsatz aufbrechen. Das Gefühl, „gesehen“ und freundlich unterstützt zu werden, ist sehr hilfreich für die emotionale Balance, stärkt das Durchhaltevermögen und die Klarheit vor Ort.
  • Treffen Sie Regelungen dafür, wie der Kontakt zwischen Reporter/innen und Redaktion während eines Ereignisses gehalten wird (z.B. eine feste Telefonnummer, ein fester Ansprechpartner, etc.). Bedenken Sie dabei sowohl den Bedarf nach einem kurzen persönlichen Gespräch („Wie geht es Dir da draußen?“), als auch den wichtigsten Informationen für die Berichterstattung. Kanalisieren Sie die Anfragen verschiedener Redaktionen, damit diese nicht direkt Kontakt mit dem/der Reporter/in aufnehmen und den Stress erhöhen.
  • Bei länger andauernden Einsätzen machen Sie es bitte zur „Chefsache“, dass z.B. Telefonate mit der Familie wichtig sind und die Kosten und Zeiten von der Redaktion oder Buchhaltungsabteilung nicht in Frage gestellt werden.
  • Sorgen Sie dafür, dass es eine regelmäßig aktualisierte Liste mit Notfall-Rufnummern gibt für Reporter/innen im Reportageinsatz, die man ihnen auch schnell zukommen lassen kann.
  • Haben Sie im Blick, dass alle Beteiligten unter einer schwierigen Berichterstattung leiden können – nicht nur die Reporter/innen vor Ort! Fotografen, Bildbearbeiter, Cutterinnen und Cutter, Bild- und Tontechniker usw. sind sehr wahrscheinlich ebenso mit traumatisierenden Materialien konfrontiert.

 Während eines Einsatzes:                                     

  •  Halten Sie selbst regelmäßigen Kontakt, z.B. durch einen kurzen Anruf, „Hallo, ich wollte nur mal hören wie es Dir geht“ (z.B. abends, direkt nach dem letzten Redaktionsschluss).
  • Sagen Sie nur ermutigende Dinge und sparen Sie sich im akuten Einsatz eine Kritik – Menschen in belastenden Situationen reagieren sehr empfindlich und sind hochsensibilisiert, ihre Sinne und Wahrnehmungen sind quasi in einem dauerhaften „Alarmzustand“.
  • Erinnern Sie Ihr Team aktiv daran, sich etwas Gutes zu tun. Gesunde Ernährung, Bewegung und Schlaf sind lebenswichtig und stellen eine gute Berichterstattung sicher. Zu viel Alkohol hat den gegenteiligen Effekt.
  • Ermutigen Sie Ihr Team, den Stress nicht zu verbergen. Reaktionen wie Schlaflosigkeit oder hoher Blutdruck sind nicht unnormal, sondern menschlich. Es ist weder schwach, unprofessionell noch karrieregefährdend, solche Reaktionen auch zu zeigen oder darüber zu sprechen.
  • Organisieren Sie aktiv die Kontaktaufnahmen anderer Redaktionen mit Ihrem Team, z.B. über zentrale Telefonnummern. Ein Anruf zur unpassenden Zeit kann den Stresslevel erheblich erhöhen, insbesondere wenn es um Fragen von Honorierung/Finanzierung eines Einsatzes geht. So etwas hat Zeit!
  • Organisieren Sie Ablösungen und Vertretungen für Ihr Team und speziell die Reporter/innen im Einsatz. Ziehen Sie sie regelmäßig aus der Situation ab – aber nur im Gespräch, nach Ankündigung und der Erläuterung von Gründen. Seien Sie sensibel dabei, denn ohne Mitspracherecht vorzeitig abgelöst zu werden, kann als Zeichen von Missachtung gedeutet werden.

  Nach einem Einsatz:

  • Es ist sehr entscheidend, dass die Führungskräfte mit jedem einzelnen Beteiligten aus dem Team nach einem stressvollen Einsatz kurz Kontakt aufnehmen. Es gehört sowieso zu einem guten Management, ist aber nach einem traumatisierenden Ereignis besonders wichtig.
  • Achten Sie auf eine angemessene Begrüßung eines Teammitgliedes, wenn es von einem Außeneinsatz zurück kommt. Lassen Sie z.B. jemanden vom Flughafen abholen oder besuchen Sie die Reporter/innen am Schnittplatz persönlich).
  • Zeigen Sie Wertschätzung durch ein Dankeschön, ein Essen, einen kleinen Umtrunk, eine kurze allgemeine Aufmerksamkeit. Ein angemessenes Dankeschön wirkt auf lange Dauer bei der Erholung von einem besonders belastenden Einsatz und fördert die Arbeitsqualität, die Motivation, den Teamgeist und die Stimmung.
  • Suchen Sie den Austausch mit Ihrem Team – reflektieren Sie die logistischen Bedingungen genauso wie die emotionale Seite eines Einsatzes. Haben Sie keine Angst vor plötzlichen Gefühlsausbrüchen, sie sind völlig normal.
  • Ermutigen Sie Ihr Team, sich jetzt besonders mit Freunden und Familie zu umgeben.
  • Erläutern Sie Ihrem Team, das Stress- und Trauma-Reaktionen völlig normal sind nach einem belastenden Einsatz, und dass diese nach drei bis vier Wochen vorbei gehen sollten. Einige dieser wiederholt auftretenden Reaktionen sind:
    • Schlaflosigkeit
    • Alpträume
    • Wiederkehrende Bilder, „Flashbacks“ (das plötzliche Gefühl, wieder in der Situation zu sein)
    • Vermeidungsstrategien oder Taubheitsgefühle
    • Ein Grundgefühl von „schlechten Vorahnungen“
    • Schreckhaftigkeit und Übersensibilität
    • Wut
    • Konzentrationsstörungen
    • Übererregung
    • Schweißausbrüche, Herzrasen, Benommenheit, Schwindel insbesondere, wenn man an den Einsatz erinnert wird.

    Bieten Sie Ihrem Team an, sich professionelle Hilfe zu suchen, wenn sie von Gefühlen überschwemmt werden oder sich überfordert fühlen (Traumaambulanzen in Krankenhäusern, Betriebsärzte, Psychologen, die mit dem Dart Centre zusammenarbeiten).

    Setzen Sie sich einen Termin ca. drei bis vier Wochen nach einem Einsatz für eine kurze Rücksprache, ob die Symptome inzwischen vergangen sind. Leiden die Personen immer noch unter den Ereignissen, verweisen Sie sie an Trauma-Spezialisten. Beobachten Sie Ihr Team in dieser Zeit, ohne ständig nachzufragen. Ungewöhnliche Reaktionen können ein Zeichen dafür sein, dass eine traumatische Erfahrung noch nicht überwunden ist.

    Bedenken Sie, dass auch Sie selbst unter einem traumatischen Einsatz belastet sein können, selbst wenn Sie das Ganze nur aus der Redaktion heraus beobachtet haben. Nehmen Sie Ihre eigenen Gefühle ernst und seien Sie nicht überrascht, wenn Sie ähnliche Symptome und ungewöhnliche Reaktionen bei sich beobachten. Achten Sie auf Ihren eigenen Ausgleich (Familie, Sport, gesundes Essen, Schlaf, etc.) und suchen Sie sich jemanden, mit dem auch Sie darüber sprechen können.

Tipps für Berichte über sexualisierte Gewalt

Jun 11, 2014 | No Comments

Berichte über sexualisierte Gewalt erfordern besondere Sensibilität ethische Maßstäbe und spezifische Interviewtechniken. Reporter/innen sollten juristische Aspekte beachten und grundsätzliches über Trauma-Folgeerscheinungen  wissen.

Sexualisierte Gewalt richtet sich physisch und/oder psychisch gegen Frauen, Kinder und Männer jeglichen Alters. Vergewaltigung gilt in der Forschung als eine der schwerwiegendsten traumatischen Erfahrungen überhaupt. Über so ein Ereignis zu sprechen, ist üblicherweise mit einem hohen Stresslevel verbunden. Während des Gespräches darüber kann es vorkommen, dass der/die Betroffene die gleichen intensiven Gefühle erlebt, wie in der damaligen Situation (Flashback). Journalist/innen sollten deshalb besonders darauf achten, diesen Stress nicht unnötig zu verstärken. Außerdem sollten sie bedenken, dass sexualisierte Gewalt meist nicht nur die Person selbst betrifft, sondern auch das Umfeld wie Familienmitglieder, Freunde, Partner, Kinder oder andere, die Zeugen dieses Verbrechens wurden. Wird/wurde sexualisierte Gewalt als Kriegswaffe oder Teil kämpferischer Handlungen eingesetzt, kann dies eine ganze Gesellschaft oder z.B. ein Dorf verändern und die Menschen dort traumatisiert haben.

Vorbereitung und Kontaktaufnahme

Informieren Sie sich sorgfältig über wahrscheinliche Folgen und Ursachen sexualisierter Gewalt. Recherchieren Sie auch lokale Umstände und Bedingungen. Auch wenn Sie sich dieses Wissen über die Situation angeeignet haben, sollten Sie es vor dem Interview beiseite schieben. Es ist unwichtig, wie viel Sie über die Fakten und Ereignisse wissen, Sie können niemals vorhersagen, wie Ihr Interviewpartner diese Dinge individuell erlebt hat. Lassen Sie sich auf das Gespräch ein.

Achten Sie auf Ihre Sprache! Vergewaltigung oder Missbrauch sind kein „Sex“. Ein sexueller Übergriff ist keine „Affäre“ oder kein „Vorfall“. Menschen-, Frauen- und Kinderhandel sind keine Prostitution. Manche Menschen, die sexualisierte Gewalt erlebt haben, möchten nicht als „Opfer“ bezeichnet werden, andere legen Wert darauf, endlich als „Opfer“ anerkannt zu werden, weil sie damit ihre oft jahrelangen Schuldgefühle verringern können. Im englischen Sprachraum wird das Wort „survivor“ („Überlebende“) häufig favorisiert, in Deutschland ist die angemessene Sprachwahl permanent in Bewegung. Fragen Sie Ihr Gegenüber am besten selbst, welche Wortwahl er oder sie für sich für angemessen hält[1].

Respektieren Sie das Recht ihres Gegenübers, nein zu sagen! Jeder darf ein Interview, eine Frage, ein Foto oder eine Veröffentlichung verweigern. Niemand sollte gezwungen werden, über ein traumatisches Ereignis, wie eine Vergewaltigung zu sprechen.

  • Wenn es Expert/innen z.B. von einer Beratungsstelle oder eine/n Anwält/in gibt, der oder die den Fall kennt, fragen Sie dort nach, ob es Bedenken dagegen gibt, wenn sich der/die Betroffene zu dem Ereignis äußert. Ein Interview kann große Auswirkungen auf ein späteres Gerichtsverfahren haben!
  • Auch wenn Sie als Mann ein sensibler Fragesteller  sein können,  wird es für die überwiegende Anzahl von Frauen wahrscheinlich leichter sein, sich von einer Frau interviewen zu lassen. Ist das nicht möglich, könnten Sie auch überlegen, zumindest eine Kollegin mit zu dem Interview zu nehmen, um eine Kontaktmöglichkeit zu schaffen.
  • Seien Sie fair und realistisch. Nötigen Sie Ihr Gegenüber nicht, schmeicheln Sie ihm oder ihr nicht, um sie zu einem Interview zu überreden und suggerieren Sie nicht, dass Sie mit Ihrem Interview dazu beitragen werden, dass die Betroffenen Hilfe erhalten oder die Täter ihre gerechte Strafe bekommen. Versprechen Sie nichts, was Sie nicht halten können!

Fragen Sie sich und andere, welche Gefahr ein Interview für ein Vergewaltigungs- oder Missbrauchsopfer bedeuten kann. In einigen Kulturgruppen reicht schon der Verdacht, vergewaltigt worden zu sein, aus, um erniedrigt, ausgegrenzt oder weiterer Gewalt ausgesetzt zu werden. Handeln Sie mit Bedacht und überlegen Sie genau, wie Sie Bedingungen, Raum und Zeit für Ihr Interview gestalten und schaffen können.

  • Stellen Sie sich ordentlich vor und geben Sie niemals vor, kein/e Journalist/in zu sein. Wenn Sie erläutern, welche Art von Bericht Sie gerade vorbereiten, wird dies wahrscheinlich das Vertrauen Ihrer Interviewpartnerin/ihres Interviewpartners erhöhen und zu einem deutlich besseren Ergebnis führen.

Während des Interviews

Verabreden Sie Regeln. Gewalt und Missbrauchssituationen nehmen Menschen die Kontrolle über sich und ihren Körper, deshalb ist es besonders wichtig, ihnen ein Gefühl von Sicherheit und Kontrolle während eines Interviews zurück zu geben. Beziehen Sie Ihr Gegenüber in Entscheidungen mit ein. Fragen Sie zum Beispiel, welche Zeit und welcher Ort für ihn oder sie am geeignetsten sind.

  • Wenn Sie mit Übersetzer/innen arbeiten, beziehen Sie diese in die Regeln mit ein. Radio- und Fernsehjournalist/innen sollten darauf achten, das Interview immer in der Muttersprache der betroffenen Menschen aufzuzeichnen und das Team auf ein Minimum zu reduzieren.
  • Informieren Sie Ihr Gegenüber darüber, wie viel Zeit oder Platz Sie in Ihrer Veröffentlichung für die Aussagen haben werden. Ohne Vorwarnung zusammengekürzt oder auf „die knackigsten Ausschnitte“ reduziert zu werden, kann Ihr Gegenüber sehr verletzen und das Gefühl auslösen, erneut benutzt worden zu sein.

Das Geheimnis eines guten Interviews ist aktives, teilnehmendes, nicht bewertendes Zuhören. Das hört sich leicht an, ist aber eine Fähigkeit, die meist Zeit und viel Übung braucht.

Unterschätzen Sie nicht, wie sehr Ihre eigenen Reaktionen auf ein traumatisches Detail den Verlauf des Interviews beeinflussen. Wenn Sie eine Schilderung belastend finden, nehmen Sie den Schrecken, Ekel oder jedes andere Gefühl, das Sie haben, wahr und versuchen Sie, sich schnell wieder auf das Interview zu konzentrieren. Meist ist das einfacher, wenn Sie sich auf Ihre Augen, auf die Körpersprache und Gesichtszüge Ihres Gegenübers konzentrieren, als nur auf die Inhalte des Gesagten. Die Zeit, Ihre eigenen Reaktionen auf das Interview zu verarbeiten, ist nach der Situation. Nehmen Sie sich diese Zeit!

Sexualisierte Gewalt ist verbunden mit vielen Schuldgefühlen, Peinlichkeit und Scham. Vermeiden Sie deshalb jeden Hinweis und jede sprachliche Wendung, die auf die Verantwortung Ihres Gegenübers hinweisen könnte. Und verwenden Sie nur sehr vorsichtig Fragen nach Gründen oder Ursachen (Warum-Fragen), denn diese werden überwiegend auch von Ermittlern gestellt.

Bereiten Sie sich darauf vor, dass die Schilderungen manchmal unlogisch oder lückenhaft sind. Überlebende von sexualisierter Gewalt steigen häufig während der Taten emotional aus der Situation aus, sie träumen sich weg (dissoziieren) oder schalten ihre Gefühle gewissermaßen ab. Die Erinnerungen sind dann zerstückelt, zeigen Lücken oder Erlebnisse werden komplett verdrängt oder vergessen. Unvollständige oder widersprüchliche Schilderungen sind häufig kein Beweis für Unglaubwürdigkeit, sondern ein Zeichen des inneren Kampfes während oder nach einem Erlebnis, das Geschehen zu überstehen und es sich im Nachhinein zu erklären.

Sagen Sie niemals „Ich weiß, wie Sie sich fühlen“ – denn das wissen Sie nicht! Stattdessen könnten Sie sagen: „Ich ahne, wie schwierig das für Sie ist. Danke, dass Sie mit mir trotzdem darüber sprechen!“

Beenden Sie das Interview sorgfältig. Benennen Sie die Aspekte, die Sie für Ihren Bericht verwenden werden und fragen Sie, ob Ihr Gegenüber etwas ergänzen möchte. Und das wichtigste: Holen Sie Ihr Gegenüber in das Hier und Jetzt des Interviews zurück, sprechen Sie über den Raum, das Wetter oder den weiteren Tagesverlauf. Sprechen Sie auf jeden Fall über positive Dinge und vermitteln Sie ein Gefühl von Sicherheit.

Bleiben Sie erreichbar, auch nachdem der Bericht erschienen ist. Wenn Sie ein Belegexemplar zugesagt haben, dann halten Sie  dieses Versprechen auch.

 Die Berichterstattung selbst

Noch einmal: Kontrollieren Sie Ihre Sprache. Sexualisierte Gewalt ist etwas sehr persönliches, intimes, und hat immer auch ein gesellschaftliches und politisches Umfeld.

  • Wenn Sie eine Tat beschreiben, finden Sie eine gute Balance für anschauliche Details. Zu viel kann Ihr Publikum überfordern und abschrecken, zu wenig kann Ihre/n Interviewpartner/in unglaubwürdig oder wenig berührend erscheinen lassen.
  • Während kämpferischer Auseinandersetzungen wird Vergewaltigung regelmäßig als Kriegswaffe eingesetzt und ist ein international geächtetes Kriegsverbrechen. Dies als eine unglückliche individuelle Begleiterscheinung eines Krieges erscheinen zu lassen, ist nicht akzeptabel.

Machen Sie sich im Vorfeld Gedanken über die Wirkung Ihrer Veröffentlichung. Journalist/innen tragen die Verantwortung dafür, dass ihre Berichterstattung oder Recherche keinen weiteren Schaden, weitere Gewalt oder gesellschaftliche Diskriminierung  für die Interviewten zur Folge hat.

  • Erwägen Sie, Ihren Bericht oder Teile Ihres Berichtes über eine sexualisierte Gewaltsituation vor der Veröffentlichung Ihrem Gegenüber zu zeigen. Das kann Ihnen zeigen, welche Wirkung der Bericht hat und fatale Fehler vermeiden. Wenn die Betroffenen  wahrnehmen, dass Sie sich an die Absprachen halten und welche Richtung Sie mit Ihrem Bericht verfolgen, kann dies zu einer wertvollen weiteren Zusammenarbeit führen.
  • Erzählen Sie die ganze Geschichte! Manchmal konzentrieren sich die Medien zu stark auf bestimmte Details oder nur auf die tragischen Momente eines Ereignisses. Aber Reporter/innen tun gut daran, zu verstehen und in ihre Berichte einfließen zu lassen, dass sexualisierte Gewalt ein Ausdruck eines lange schwelenden gesellschaftlichen Problems, sozialen, militärischen oder lokalen Konfliktes sein kann. Es kann sehr heilend für eine ganze Gesellschaft oder Gruppe sein, zu lesen, wie andere gelernt haben, langfristig mit traumatischen Erlebnissen zu leben.
  • Wenn möglich, stellen Sie Quellen und weiterführende Informationen und Hilfestellungen zur Verfügung.

Anonymisierung

Überprüfen Sie vor der Abgabe noch einmal sorgfältig, ob Sie Ihre Gesprächspartner/innen in irgendeiner Weise durch den Bericht gefährden. Gibt es Hinweise, aufgrund derer Ihr Gegenüber zu identifizieren ist (insbesondere durch Familienmitglieder und nahe Freunde?). Alter, Beruf und Ortsangabe können ausreichen, um ein Opfer recht eindeutig zu identifizieren. Körpermerkmale an Händen, eine typische Kopfbewegung im Schatten, Stimme, Tonfall, Wortwahl oder Kleidungsdetails gefährden die Anonymisierung im Film. Deutlich sicherer als verfremdete Stimmen oder „Schattenbilder“ sind nachgesprochene Texte und anonymisierte Bilder, in denen z.B. die Füße von jemand anderem zu sehen sind, wie sie über eine Brücke gehen und am Geländer stehen bleiben. Die Interviewaufzeichnung der Original-Quelle brauchen Sie natürlich für Ihre Recherche-Unterlagen – auf dem Sender aber können Sie ohne weiteres fremde Stimmen und Bilder verwenden (einblenden: „Stimme nachgesprochen“).

Dieser Text stammt aus dem Englischen bzw. Amerikanischen, wurde aber auf deutsche Verhältnisse übertragen und für den deutschen Sprachraum ergänzt. Das Original auf Englisch sowie weitere Informationen finden Sie unter http://dartcenter.org/content/reporting-on-sexual-violence#.UoOJ9-IXUuc 


[1] Wir sprechen in diesem Text z.B. immer von „sexualisierter Gewalt“ und nicht von „sexueller Gewalt“, weil wir davon ausgehen, dass nicht die sexuelle Handlung, sondern die Gewaltausübung aus Ausdruck von Macht und Erniedrigung im Mittelpunkt der Taten steht.

Tipps für Berichte über Suizide

Tipps für Berichte über Suizide

Jun 5, 2014 | No Comments

Trauernde bei einer Luftballonaktion im Gedenken an Ashlynn Conner (10 Jahre) am Crown Hill Friedhof in Ridge Farm, Illinois, am 16.11.2011. Ihre Familie berichtete, sie tötete sich selbst nach Mobbing durch ihre Klassenkameraden.

Die Berichterstattung über Selbsttötungen ist ein schwieriges Feld. Abgesehen von der Grundsatzfrage, ob eine Geschichte berichtenswert ist, müssen sich Journalisten auch darüber im Klaren sein, dass ihr Bericht größere Auswirkungen haben kann – und das nicht nur auf Verwandte und Freunde des Verstorbenen, sondern auch auf die Leser und Zuhörer.

Der „Werther-Effekt“

Im Hintergrund vieler Diskussionen über dieses Thema fällt oft der Begriff des sogenannten „Werther-Effekts“, mit dem das wissenschaftlich belegte Phänomen beschrieben wird, dass der Suizid eines Menschen von anderen nachgeahmt werden kann, wenn über den ersten berichtet wurde. Als eines der bekanntesten Beispiele einer solchen Nachahmung gilt der Tod Marilyn Monroes. In den vier Wochen nach ihrem Tod im August 1962 wurden 303 zusätzliche Suizide verzeichnet, was einer US-weiten Zunahme von 12 Prozent im Vergleich zum sonstigen Durchschnittswert entspricht. Untersuchungen legen nahe, dass es in der Folge eines Suizids, über den so intensiv berichtet wird, zu einer durchschnittlichen Zunahme der Todesfälle von 2,5 Prozent kommen kann (Stack S.,  Media impacts on suicide: a quantitave review of 293 findings. Social Science Quarterly 2000 – 81:957-71.).

Aber die Situation ist keineswegs eindeutig: Andere Studien weisen darauf hin, dass eine vorsichtige, ausgewogene Berichterstattung sogar zu einem Rückgang der Zahl von Suiziden führen kann und die Öffentlichkeit gleichzeitig für das Thema psychischer Erkrankungen sensibilisiert. So ist die Suizidrate unter den 15 bis 24jährigen in Australien in der Folge des Freitodes des Sängers Kurt Cobain im Jahr 1994 zurückgegangen, was wohl auf die Art der damaligen Berichterstattung zurückgeführt werden kann. Laut den Autoren der Studie bezeichneten die Medien den Tod Cobains allgemein als „einen tragischen Verlust, der hätte verhindert werden können“ und das Augenmerk wurde vor allem auf „die verheerenden Auswirkungen auf andere Menschen“ gerichtet (Martin, G & Koo, L. (1997):  Celebrity suicide: Did the death of Kurt Cobain affect suicides in Australia?  Archives of Suicide Research, 3(3), 187-198.)

Sicher sein können wir uns darüber, dass eine Selbsttötung in jedem Fall unsere Verantwortung als Journalisten auf die Probe stellt – und das gilt für die Menschen, über die wir schreiben, genauso wie gegenüber jene, die unsere Geschichten lesen. Wenn so viel auf dem Spiel steht, gebietet es sich, neben den Erfahrungen von Journalisten auch die Expertise von Fachleuten der psychischen Medizin in die hier vorgestellten Best-Practice-Richtlinien mit aufzunehmen und zu beachten.

Soll über Suizide überhaupt berichtet werden?

Suizide zu einem Tabuthema zu machen, birgt große Gefahren in sich. Schließlich ist davon auszugehen, dass wir eher mehr als weniger über die Gründe für Suizide wissen müssen. Weltweit sterben jedes Jahr mehr Menschen durch Selbsttötung als durch Morde und Kriege zusammen. Bei einem Dart Centre Seminar im Jahr 2012 zum Thema Suizid bestätigte Al Tompkins vom Poynter Institute das Bauchgefühl in Bezug auf eine Veröffentlichung, die wohl viele Journalisten teilen: „Erst einmal steht die Ampel auf grün und man fragt: ‚Was spricht dagegen, diese Geschichte zu bringen?‘“ Und doch heißt dies keineswegs, dass alle Suizidfälle notwendigerweise auch berichtenswert sind.

Tappen Sie nicht in die Falle der „einzigen Ursache”.

Eine ausgewogene Berichterstattung wird immer eine Reihe möglicher Gründe anführen. Der Versuch, die Selbsttötung auf eine einzige Ursache zurückzuführen wie Mobbing, Insolvenz oder eine gescheiterte Beziehung, ist ein allzu häufiger Fehler, vor allem in einem frühen Stadium der Berichterstattung. Klare und einfache Erklärungen sind attraktiv, doch ist der Weg, der eine Person dahin führte, sich selbst das Leben zu nehmen, niemals so gerade, wie er im Nachhinein erscheinen mag. „Macht man eine psychologische Autopsie des Verstorbenen, so tut sich meist eine komplexe Abfolge von Ereignissen auf“, so Madelyn Gould, Professorin für Klinische Epidemiologie in der Psychiatrie an der Columbia University in New York. Auch wenn der Versuch der Selbsttötung nicht notwendigerweise ein Zeichen psychischer Erkrankung sein muss, so sollte man sich doch über einige Fakten im Klaren sein:

·    Mehr als 90 Prozent der Opfer von Suiziden haben zum Zeitpunkt ihres Todes eine zu diagnostizierende psychische Krankheit (etwa klinische Depression).
·    Fast alle psychischen Störungen besitzen das Potenzial, das Suizidrisiko zu erhöhen.
·    Drogenmissbrauch mag ein zusätzlicher Faktor sein.

Keine der genannten Regeln schließt die Möglichkeit aus, dass tatsächlich ein einzelnes Aktivitätsmuster, etwa Mobbing oder sexueller Missbrauch, einen entscheidenden Anteil an der Entscheidung des Verstorbenen hat. Aber sich darauf als alleinige Erklärung zu fokussieren, wäre nicht angemessen. Auch leistet es all jenen einen schlechten Dienst, die in einer ähnlichen Situation sind und die auf Behandlungsmöglichkeiten für eventuelle andere Probleme nicht hingewiesen werden. Einige mögen aus einer solchen Berichterstattung sogar herauslesen, dass ein Suizid den sinnvollsten Ausweg aus ihrer Situation bietet.

Hüten Sie sich vor Amateurpsychologie und populärem Aberglauben ohne wissenschaftliche Fundierung.

·    „Es gibt suizidale Typen.“ – Das ist nicht die ganze Wahrheit. Wenn alle schlimmen Ereignisse „perfekt“ zusammenkommen, können die meisten Menschen in eine Situation kommen, in der ihnen eine Selbsttötung als gangbarer Weg erscheint, sagt Professorin Gould.
·    „Es war eine impulsive Tat.“ – Dies ist unwahrscheinlich. Normalerweise spielt dabei schon eine Überlegung und eine Planung eine Rolle, auch wenn diese im Verborgenen stattfanden.
·    „Der Suizid war der unausweichliche Endpunkt suizidaler Gefühle.“ – Auch das stimmt so meist nicht. Schon Tage, Wochen, zuweilen gar Monate vor dem Versuch, sich das Leben zu nehmen, empfinden die meisten Menschen – und sprechen auch darüber – Gefühle geringer Selbstachtung, Verlust von Vertrauen und suizidale Erschöpfung (das Gefühl, dass das Weiterleben eine nicht zu leistende Anstrengung erfordern würde). Eine Intervention an diesem Punkt könnte einen Sinneswandel bewirken.

Als Journalist sollte man besonders achtsam im Umgang mit Freunden und Verwandten der Personen sein.

Die Selbsttötung hat eine oft verheerende Wirkung auf die Hinterbliebenen. Verwandte und Freunde kämpfen nicht selten mit starken Gefühlen der Schuld, der Selbstverachtung oder Wut gegenüber dem Verstorbenen, so irrational auch immer das erscheinen mag. Dem Tode einen Sinn zu verleihen, ist immer schwierig; ein Suizid macht dies sogar noch komplizierter.

·    Es kann sein, dass Sie sich dafür entscheiden, Freunde und Verwandte des Toten nicht direkt anzusprechen.
·    Wenn Sie von Freunden und Verwandten angesprochen werden, etwa im Rahmen einer gerichtlichen Untersuchung oder wenn z.B. das Arbeitsumfeld des Opfers involviert ist (so beispielsweise, wenn es um Mobbing-Vorwürfe geht), dann nehmen Sie sich Zeit, ihnen zuzuhören. Erklären Sie, dass die Entscheidung, die Geschichte zu veröffentlichen, beim Chefredakteur liegt. Vermeiden Sie es, ihnen die direkte Frage „Warum glauben Sie, hat er/ sie es getan?“ zu stellen.
·    Seien Sie sich darüber im Klaren, dass die ersten Reaktionen von Menschen, die einen ihnen Nahestehenden durch einen Suizid verloren haben, genauso wie die Antworten von Rettungskräften oder von Polizisten, unzuverlässig sein können: Ein Tod durch Suizid mag zunächst als unerklärlich erscheinen, und doch kann schon bald deutlich werden, dass es frühe Warnzeichen gab. Wenn Ihnen jemand seine eigenen Theorien vorträgt, wie es dazu kommen konnte, z.B. aufgrund einer Kündigung des Arbeitsverhältnisses oder die Zurückweisung durch einen Geliebten, achten Sie darauf, nie direkt zu widersprechen. Fehlt es Ihnen an Worten, können Sie immer sagen „Ich sehe, dass diese Situation jetzt sehr verwirrend für Sie sein muss. Es tut mir sehr leid, was passiert ist“, oder ähnliche Worte der Anteilnahme, die der besonderen Situation und ihrer Dynamik angemessen sind.

Auf die Sprache kommt es an.

Bei Selbsttötungen ist die Gefahr groß, sich in der Sprache zu vergreifen und so unnötiges Leid bei denen auszulösen, die den Verstorbenen gekannt haben. Besonders bei den folgenden Begriffen und Redewendungen gilt es aufzupassen:

·    Ein Suizidversuch sollte niemals als “erfolgreich” oder als “gescheitert” bezeichnet werden. So nahe diese Begriffe auch oft zu liegen scheinen, wirken sie in diesem Zusammenhang taktlos und sollten vermieden werden. (Das Adjektiv „erfolglos“ etwa kann durch den Ausdruck „nicht tödlich“ ersetzt werden).
·    Der Ausdruck „Selbstmord begehen” ist zu vermeiden, besser: „starb durch einen Suizid“ oder „tötete sich selbst“.

Auf die Platzierung kommt es an.

Forschungen belegen, dass der Nachahmungseffekt umso größer ist, je prominenter die Platzierung der Berichte innerhalb des Mediums ist. Denken Sie darüber nach, die Geschichte erst im Innenteil zu bringen oder, im Fall von Radio- oder Fernsehnachrichten, nicht zu Beginn, sondern erst im weiteren Verlauf der Sendung. Am besten verzichten Sie auch darauf, das Wort „Suizid“ in einer Überschrift zu verwenden.

Stellen Sie sicher, dass Sie die Selbsttötung nicht unabsichtlich als einzigen Weg aus einer schier ausweglosen Lage darstellen. Wenn Menschen über eine nur geringe Selbstachtung verfügen, erhöht der Gedanke, dass der Tod zusätzliches Prestige bringen würde, das Risiko, diesen auch in die Tat umzusetzen. Achten Sie deshalb darauf, den Suizid nicht romantischer darzustellen, als er eigentlich ist:

·    Der Glamour und Status als Prominenter eines Opfers darf nicht die psychischen Probleme oder einen etwaigen Drogenmissbrauch überlagern.
·    Ein Suizid sollte nicht als unerklärlicher Akt einer ansonsten gesunden und erfolgreichen Person dargestellt werden. Anfällige Personen könnten hierdurch einen ähnlichen Tod als Möglichkeit empfinden, einen vergleichbaren „Wert“ als Person zu erreichen.
·    Andeutungen, dass eine verborgene Kraft, ein geheimnisvolles Band oder ein okkulter Einfluss die Toten aneinanderbindet, sollten unterbleiben. Vermeiden Sie alles, was auf eine Unausweichlichkeit oder Schicksal hindeutet. Diese Gefahr ist besonders virulent, wenn über eine ungewöhnliche Häufung von Suizidfällen berichtet wird. Ein berüchtigtes Beispiel hierfür sind wohl die Vorkommnisse in der Nähe der walisischen Stadt Bridgend.  Eine unerklärliche Welle von Suizidfällen, die im Jahr 2007 ihren Anfang nahm, führte zu einer derart breiten, intensiven Berichterstattung, dass es als sehr wahrscheinlich gilt, dass diese Berichte ihrerseits weitere Selbsttötungen nach sich zogen. Nach dem Tod eines 17jährigen Schulmädchens, dem siebzehnten Opfer, wandte sich David Morris, der stellvertretende Polizeipräsident, direkt an die Presse, als er auf einer Pressekonferenz sagte: „Welche Verbindung existiert zwischen diesem Tod und dem von Natasha Randall? Sie sind diese Verbindung, die Medien.“
·    Vorsicht ist auch geboten bei der Verwendung von Kitsch-Elementen bei der Berichterstattung, etwa bei sehr gefühlvoller Musik, einer versuchten Rekonstruktion der Umstände des Suizids oder bei Filmausschnitten, die den Lebensstil eines Suizid-Opfers idealisieren.

Üben Sie Zurückhaltung bei der Beschreibung der Tötungsmethode.

Experten vermuten, dass schon Details darüber, wie genau sich jemand selbst getötet hat, als Auslöser für mögliche Nachahmung wirken können. Im Jahr 1999 etwa wurde in der BBC- Krankenhausserie Casualty gezeigt, wie sich jemand mithilfe einer Überdosis Paracetamol vergiftete, was in der Woche darauf offenbar zu einer 17prozentigen Erhöhung der Zahl von Vergiftungen unter den Selbsttötungen in Großbritannien führte (diejenigen, die sich mit Paracetamol vergifteten, hatten mit doppelt so hoher Wahrscheinlichkeit die besagte Serie gesehen).

Im Umkehrschluss bedeutet dies, dass das Zurückhalten von Informationen die Zahl von Todesfällen verringern kann. 1987 überzeugten Forscher der Universität Wien die Herausgeber der österreichischen Nachrichtenmedien davon, bei den Berichten über Suizidfälle künftig darauf zu verzichten, den Ort zu nennen, wenn es in der städtischen U-Bahn geschehen war. Hinzu kam außerdem ein Verzicht auf allzu krasse Überschriften, drastische Fotos, die Platzierung der Meldung auf der ersten Seite und auch die Wiederanknüpfung an alte Suizidfälle wurde fortan vermieden. Das Ergebnis war ein 75prozentiger Rückgang an Selbsttötungen in Wiens U-Bahn und auch ein allgemeiner Rückgang an Suiziden in den folgenden vier Jahren.

·    Wenn es wichtig ist für die Geschichte, handeln Sie Details in möglichst allgemeinen Formulierungen ab, wie: „ein Cocktail verschiedener Drogen“ statt einer genauen Auflistung der verschiedenen Substanzen.
·    Seien Sie besonders achtsam bei der Auswahl von Filmmaterial. Vermeiden Sie Bilder, egal ob Standbilder oder Videosequenzen, vom Ort des Geschehens, wie etwa das Panorama eines Kliffs oder die Fluchtlinie von Eisenbahngleisen.
·    Auch wenn die Nennung drastischer Details in der Regel unterbleiben sollte, bedeutet dies keinen generellen Verzicht auf das Berichten über das Wie und Wo eines suizidalen Geschehens. In manchen Fällen, zum Beispiel, wenn es sich um einen sogenannten „suicide by cop“ handelt, bei dem es darum geht, das eigene Leben durch die Schüsse eines Polizisten oder einer anderen bewaffneten Person zu beenden, könnte es sich tatsächlich als unmöglich erweisen, über die Ereignisse zu berichten, ohne auch Details zur Methode zu nennen.

Geben Sie Ihrem Bericht Kontext und Tiefe.

Die Fokussierung auf Prominente und außergewöhnliche Situationen mag uns blind machen gegenüber den Fragen, die hinter der schillernden Fassade liegen. Auch wenn Anekdoten uns vom Gegenteil überzeugen wollen, so ist das typische Suizidopfer männlich, über 50, arbeitslos, unverheiratet und (in den USA) mit Zugang zu einer Schusswaffe. Suchen Sie nach neuen Blickwinkeln. Auch wenn es Fingerspitzengefühl und Geschick erfordert, so gibt es durchaus Platz für einfühlsame Reportagen über die Auswirkungen von Selbsttötungen auf Familien. Und was ist mit Geschichten  über Überlebende? Über Menschen, die kurz davor standen, sich aber im letzten Moment umentschieden haben?

Befragen Sie Experten.

Wenn Sie Ihrem Stück eine epidemiologische Wendung geben wollen, stellen Sie sicher, dass sie die Epidemiologie auch verstehen. Ist das Phänomen tatsächlich statistisch signifikant? Eine Häufung von Suiziden anzunehmen oder einen Trend in einer bestimmten Gruppe der Gesellschaft, den es nicht gibt, könnte zu Nachahmungsfällen führen oder falschen Einordnungen Vorschub leisten. So wird etwa häufig behauptet, dass Suizidraten unter lesbischen, schwulen oder transsexuellen Jugendlichen höher seien als im Durchschnitt der Bevölkerung; für solche Behauptungen aber gibt es keinerlei statistische Basis.

Handeln Sie im Interesse der Öffentlichkeit.

Ihre Berichterstattung könnte dazu beitragen, künftige Suizide zu verhindern. Viele Organisationen, die sich der Behandlung psychischer Erkrankungen und der Vorbeugung von Suiziden widmen, stellen den Medien exzellentes Informationsmaterial zur Verfügung. Denken Sie darüber nach, am Rande des Artikels einen Infokasten zu platzieren, in dem „Warnsignale vor einem Suizid“ aufgelistet werden. Auch die Telefonnummer einer Beratungsstelle am Ende des Artikels ist so einfach wie effektiv.

Vergessen Sie auch Ihren eigenen Arbeitsplatz nicht.

Hat Ihre Redaktion bereits aktualisierte Richtlinien zur Berichterstattung? Warum machen Sie nicht die hier vorliegenden auch Ihren Kollegen zugänglich? Wann immer Sie an einer Geschichte über eine Selbsttötung arbeiten, vergessen Sie nicht, dass das Leben vieler Menschen von dem Tod eines Freundes oder Verwandten berührt wurde und dass diese Frage auch für Ihre Kollegen eine ganz persönliche Angelegenheit werden kann. Und darüber hinaus kann die Recherche zu einem jeden Todesfall gravierende persönliche Auswirkungen auf jeden Journalisten haben.

Dieser Text basiert auf den aktuellen englischen Originaltext „Covering suicide“, der auf der Erfahrung und Expertise des Dart Centers International und internationaler Experten beruht. (Übersetzung: Daniel Kiecol)

Über die Verantwortung der Chefredakteure und Teammanagement

Über die Verantwortung der Chefredakteure und Teammanagement

Mai 30, 2014 | No Comments

Katrin Hartig leitet den Bereich Journalistischer Hintergrund im mdr-Landesfunkhaus Sachsen-Anhalt. In diesem Interview mit Petra Tabeling gibt sie Einblicke in Ihre Arbeit in der Redaktion und den Umgang mit sensiblen Themen. Sie spricht über die Fürsorgepflicht für das Redaktionsteam und die Verantwortlichkeiten der leitenden Redakteure.

Welche Herausforderungen bestehen, wenn es um eine sensible Berichterstattung über belastende Ereignisse geht – für Ihre Redaktion, im Team, aber auch bei Ihnen als Führungskraft?

Unser Team besteht in erster Linie aus freien Mitarbeitern. Diese arbeiten zeitgleich für verschiedene Redaktionen. Um ein festes Team von Mitarbeitern zu haben, die jederzeit bei aktuellen Produktionen einspringen können, die unsere Formate kennen und gleichzeitig die „Denke und Philosophie“ unserer Redaktion mittragen, haben wir uns einen festen Redaktionsdienst  geschaffen. Sozusagen eine „Eingreiftruppe“ für den Ernstfall – eine  kleine, aber verlässliche Mannschaft. So können wir bei einem dramatischen Hochwasser, einem  Zugunglück oder anderen Katastrophen sofort loslegen, wissend um die Spielregeln und Ansprüche unserer Redaktion und Sendungen. So haben wir an einem Katastrophentag früh um neun schon mal eine fertige Talk-Sendung kippen müssen. Wir hatten keine acht Stunden Zeit, um eine neue zu produzieren. Da muss man schon Vertrauen haben und eine journalistische Sprache sprechen, um zu wissen, wem man was zumuten kann. Für grundsätzliche Diskussionen ist dann nämlich keine Zeit mehr. Durch das geschaffene Kern-Team muss ich also auf niemanden zurück greifen, den ich nicht kenne.

Was sind Ihre journalistischen Ansprüche in Bezug auf Trauma-Berichterstattung, wenn es um schwere Ereignisse geht?

Es gibt ja Redaktionen, die legen größten Wert auf Tränen. Da herrscht die Denke: Wer nicht weint, taugt nicht. Das gilt nicht nur für die Privaten. Diese offen ausgesprochenen Anfragen erlebe ich häufig als ehrenamtliches Vorstandsmitglied des Bundesverbandes der Verwaisten Eltern und trauernden Geschwister in Deutschland. Da heißt es dann in den Anfragen: „Wir brauchen Leute, die vor der Kamera weinen. Andere brauchen wir nicht.“ Das gibt es bei uns in der Redaktion nicht. Wir sagen zum Kameramann in Vorbereitung auf Interviews mit Betroffenen, dass  nicht auch noch auf die Tränen nah ran gezoomt wird. Gleichzeitig sind wir sehr vorsichtig, was „Frisch-Betroffene“ betrifft.  Auch da gibt es ja bei uns im Bundesverband Anfragen von Redaktionen, in denen schon bewusst eingeschränkt wird und geschrieben wird: „Wir wollen aber Leute, bei denen das Erlebnis nicht länger als ein halbes Jahr zurück liegt.“

Natürlich habe ich da mit meinen langen Produktionen oft den Vorteil, nicht tagesaktuell agieren zu müssen.  Aber selbst unter Zeitdruck ist es ja ein Signal, wenn man sagt: „Denken Sie noch einmal nach über unsere Anfrage, ich rufe sie in einer Stunde zurück.“

Wichtig ist mir in unserer Redaktion immer die Frage: „Was ist Ziel unseres Interviews?“ Dieses Ziel muss dann auch klar kommuniziert werden. Es hilft auch den Betroffenen. Das heißt, eine Offenheit darüber, was möglich ist unsererseits und was vielleicht die Erwartungshaltung des Betroffenen ist, ist uns wichtig.

Sonst ist die Enttäuschung groß und es bleibt das Gefühl, „benutzt“ worden zu sein. Manchmal bieten wir auch – speziell für unseren Polittalk – an, Begleitpersonen mitzubringen. Das entbindet uns nicht von unserer Verantwortung, hilft aber den Gästen oft.

Können Sie ein Beispiel nennen und die Problematik, mit der Sie konfrontiert waren?

An eine Sendung erinnere ich mich besonders intensiv. In Hordorf in Sachsen-Anhalt war ein Zug verunglückt (Anmerkung d. Redaktion: am 29.01. 2011 starben dort zehn Menschen). Wir haben aus diesem Anlass eine komplett geplante Sendung „gekippt“. Allerdings konnten wir uns noch die Zeit nehmen, eine Nacht darüber zu schlafen, nicht gleich dem ersten Impuls zu folgen und wild drauf los zu agieren. Wir stellten uns schon die Frage: Springen wir da jetzt einfach auf ein Thema auf? Oder was können und wollen wir mit unserem Polittalk leisten? Andererseits: Können wir ein Unglück solchen Ausmaßes im Sendegebiet ignorieren? Welche Frage können und wollen wir mit der Sendung beantworten? Die Versuchung an solchen Tagen ist natürlich groß, sofort und zuerst Betroffene einzuladen.

Wir haben im Funkhaus noch zwei aktuelle Sendungen, die an diesem Tag vor uns liefen. Die Kollegen hatten live in den Sendungen zwei Vertreter der Rettungskräfte zu ihren Erlebnissen befragt. Inzwischen waren die beiden Männer aber seit fast 24 Stunden auf den Beinen. Sie hatten die Toten gesehen, bergen müssen, manchmal nur noch Teile von Menschen. Es war eigentlich einfach, die beiden anzusprechen und auch noch in den Talk zwei Stunden später einzuladen. Sie standen etwas verloren im Flur des Funkhauses. Es hing eine nicht ausgesprochene Erwartung von einigen Kollegen in der Luft, die beiden selbstverständlich auch in unseren Talk einzuladen. Und alle gingen davon aus, dass die beiden Männer ja wohl selbst über eine solche Anfrage entscheiden können.  Aber genau das war der springende Punkt. Konnten sie das noch?  Um das zu klären, bin ich persönlich zu ihnen gegangen. Ich wollte mir selbst ein Bild machen. Und tatsächlich gaben sie bereitwillig Antworten. Aber eindeutig war auch, dass sie unter Schock standen, ihre Stimme und Hände zitterten. Der Blick war leer. Sie waren inzwischen gar nicht mehr in der Lage, für sich zu sorgen und zu entscheiden. Ein halbes Jahr später erfuhr ich von der zuständigen Krisenintervention, dass das offensichtlich eine richtige Wahrnehmung war. Und ehrlich gesagt, war ich sehr froh, dass wir damals in der Redaktion darauf verzichtet haben, sie auch noch durch unsere Sendung zu „schleifen“.

Interessant ist ja, dass fast alle Kollegen wissen, dass man alkoholisierte Menschen nicht interviewt. Aber die wenigsten wissen,  wie man mit traumatisierten Menschen umgeht. Leider kennen in meinem Umfeld noch zu wenige Kollegen die Angebote des Dart Centre für Trauma und Journalismus. Gerade in den Workshops erfahren ja Kollegen dann,  dass jemand, der gerade mit dir redet, nicht unbedingt wahrnimmt, was er da tut. Da besteht noch großer Aufklärungsbedarf.

Erwarten Sie eine solche Sensibilität von Ihren Mitarbeitern?

Das kann ich nicht erwarten, da es nicht flächendeckend Teil der journalistischen Ausbildung ist. Und Fortbildungen zu dem Thema haben die wenigsten besucht. Da ist noch Nachholbedarf. Aber es bewegt sich etwas. Winnenden, Hordorf, Erfurt und andere Katastrophen haben uns in den letzten Jahren sensibler gemacht. Wir haben inzwischen ja auch eine Gruppe, die sich mit Rechtsextremismus beschäftigt, eine Art Task Force. Und ich kann mir vorstellen, dass es auch zum Thema Trauma eine geschulte Gruppe Mitarbeiter geben kann. Aber ich kann es von Führungskräften erwarten.

Es gibt Situationen, die wir nicht ändern können, sie passieren. Aber vor allem Führungskräfte können lernen, damit umzugehen. Und es ist aus meiner Sicht ihre Pflicht. Auch aus der Verantwortung gegenüber den eigenen Mitarbeitern heraus. Wenn ich sehe, wie zum Beispiel die Deutsche Bahn mit traumatisierten Lokführern umgeht, da können andere Unternehmen – auch Medienunternehmen – noch viel lernen. Bei der Bahn gibt es ein ganzes Betreuungskonzept und eine Gesundheitsmanagerin, die sich damit beschäftigt.

Letztendlich stehe ich als Redaktionsleiterin im Abspann ja nicht ohne Grund als letzte mit meinem Namen. Und als Führungskraft bin ich verantwortlich für redaktionelle Qualitätsstandards.

Was würden Sie denn als guten Umgang sehen für ein Team? Wie betreiben Sie Für- und Nachsorge für die Mitarbeiter?

Es ist immer die Frage, wie im Team überhaupt kommuniziert wird. Wenn die Hauptkommunikation aus Druck besteht, vor allem der Quote zuliebe, dann ist das die Überschrift, unter der agiert wird. Natürlich spielt Quote bei uns eine wichtige Rolle. Auch wir wollen in erster Linie gute Sendungen produzieren, die möglichst viele Zuschauer sehen wollen. Aber die Frage ist ja, wie ein Redaktionsleiter das kommuniziert. Wenn das um jeden Preis geschehen soll, wird jeder alles dafür tun, jemanden vor die Kamera zu bekommen, koste es, was es wolle. Wichtig sind eine entsprechende interne Kommunikation und Vertrauen. Ich weiß, dass ich bei bestimmten Kollegen in meinem Team im Vorfeld einer Berichterstattung gar nicht mehr über bestimmte Dinge reden müsste, weil ich sie bereits in schwierigen Situationen erlebt habe. Da muss ich z.B. das Thema Rücksicht auf Betroffene nicht weiter kommunizieren.

Vielleicht ein Beispiel zum Thema Nachsorge für Mitarbeiter: Wir hatten für ein Magazin einen Unfall nachgestellt. Die Zahl junger Verkehrstoter war dramatisch gestiegen, das wollten wir thematisieren. Und auch darüber berichten, wie Eltern und Freunde danach weiter leben. Gemeinsam mit der Polizei stellten wir den Unfall nach. Vier Jugendliche waren in diesen Unfall verwickelt.  Zwei starben, zwei überlebten. Im Vorfeld hatte die Polizei den Kontakt zu allen Müttern gesucht, auch wegen der Persönlichkeitsrechte. Die Vorbereitungen dauerten einige Monate.

Unsere Autorin führte dann lange Vorgespräche. Zunächst telefonisch, dann persönlich und noch ohne Kamera. Dann kam es zum Dreh. Am Ort des Geschehens, mit Schauspielern, mit Rettungskräften und der Polizei. Alle Beteilgiten hatten ausreichend Zeit, sich vorzubereiten. Dann aber war die Autorin schockiert, dass die Mütter darauf bestanden, bei dem Nachstellen des Unfalls persönlich anwesend zu sein. Damit hatte sie überhaupt nicht gerechnet. Sie hat aus einem Impuls heraus versucht, sie davor zu schützen, und wollte es ihnen ausreden. Sie kam aufgelöst von dem langen und intensiven Dreh zurück. Sie beschäftigte die Frage: Warum tun diese Mütter sich das an? Hätte ich das als Autorin verhindern müssen? Bin ich dafür verantwortlich?

Wie haben Sie das aufgefangen?

Da waren lange Gespräche mit der Autorin und dem Kameramann unmittelbar nach dem Dreh nötig, auch um zu klären, warum die Mütter dabei sein wollten. Als der Beitrag fertig war, haben wir noch einmal miteinander gesprochen und nach der Ausstrahlung hat die Autorin noch einmal zu allen Beteiligten Kontakt aufgenommen. Ich glaube, das Gespräch nach dem Dreh war zwar sehr wichtig, aber viel wichtiger war der Austausch mit den Protagonisten, was der Film mit ihnen gemacht hat. Da konnte sie für sich selbst spüren, ob sie alles richtig gemacht hat. So erfuhr sie, dass durch die Dreharbeiten die Betroffenen nach zehn Jahren erstmals miteinander ins Gespräch kamen. Befragt nach dem, was die Interviews und Dreharbeiten bei einer der Überlebenden, inzwischen einer junge Ärztin, auslösten, antworte die Autorin, dass sie die geführten Interviews auch als Chance der Aufarbeitung sah: „Die Gespräche, die durch diese Interviews entstanden, lösten vieles auf. Sie führten zu Aussprachen mit dem noch überlebenden jungen Mann, und zu Antworten auf Fragen, die kurz nach dem Unfall noch nicht geklärt werden konnten.“

Wie wichtig sind die Gespräche mit dem Team und den Mitarbeitern? Und wie gehen Sie da vor?

Wir haben eine bestimmte Feedbackkultur: Am Tag nach der Ausstrahlung eines Filmes gibt es immer ein Abschlussgespräch mit dem Autor. Das haben wir ritualisiert, auch wenn wir dann oft schon an den nächsten Geschichten arbeiten. Es ist wichtig und wird im Kalender eingetragen, sonst rutscht es uns mit all den anderen Terminen durch. Wenn es uns gelingt, sind auch die Kameraleute und die Cutter dabei, also alle Beteiligten. Das nimmt alle in die Verantwortung, noch einmal zurück zu schauen und eventuell fürs nächste Mal Probleme anzusprechen und zu lösen. Und es ist nicht nur eine Art Angebot unter dem Motto, „wenn Du magst, machen wir das…“ Da sehe ich uns als Führungskräfte in der Pflicht.

Ich finde es problematisch, wenn nach traumatischen Erlebnissen nur ein Satz fällt wie dieser: „Wenn du Hilfe brauchst, dann reden wir gerne drüber.“ Ich denke, dass viele Kollegen dann befürchten, dass es als Schwäche ausgelegt wird. Weil viele dann Angst haben, das wäre dann nicht mehr so professionell nach dem Motto: „Oh Gott, ich brauche ja Hilfe“. Wenn ein solches Gespräch aber Standard im Redaktionsalltag ist,  gehört es wie selbstverständlich in den Maßnahmenkatalog zur Qualitätssicherung einer Redaktion. So ähnlich wie die obligatorische Sendungskritik.

Bei all dem ist jeder für sich selbst verantwortlich. Da können wir uns etwas vom Hospizbereich abgucken. Da ist Supervision Pflicht. Und auch wir  Journalisten müssen gut für uns sorgen. Wenn man merkt, meine Redaktionsleitung ist nicht wirklich sensibel für diese Fragen, dann ist es vielleicht das Kamerateam, mit dem man nach einem Dreh ins Gespräch kommt, oder Kollegen.

„Hilfreich, überfällig, notwendig“

Mai 15, 2014 | No Comments

Lesen Sie hier einige Eindrücke (Testimonials) der Workshopteilnehmer Rendsburg Dezember 2013:

„Im Berufsalltag sehe ich mich immer wieder mit tragischen Ereignissen und schweren Schicksalen konfrontiert. Bisher konnte ich mich nur auf meine Intuition verlassen, wie ich mit den Betroffenen umgehe und auch wie ich selbst das Geschehen am besten verarbeite. Ein solcher Workshop war längst überfällig! Nun habe ich das psychologische Rüstzeug in potenziell traumatischen Situationen richtig zu reagieren. Damit kann ich nicht nur die Menschen, mit denen ich arbeite, besser schützen, sondern auch mich selbst. Eigentlich sollte dieser Workshop meiner Meinung nach eine Pflichtveranstaltung für jeden Reporter sein, der auf Menschen losgelassen wird, die Schlimmes erlebt haben.“

(Jessika Westen)

„Ich habe an dem Workshop teilgenommen, weil ich lernen wollte, worauf ich bei Interviews mit traumatisierten Soldaten stärker achten kann. Schließlich bin ich ihnen sehr dankbar, dass sie mir ihre Erlebnisse erzählen – da möchte ich den Betroffenen auf keinen Fall schaden. Dafür hat mich der Workshop sensibilisiert und einfache Handlungsempfehlungen mitgegeben, die ich sofort umsetzen kann. Genauso wichtig finde ich den zweiten Schwerpunkt des Dart Centers, Journalisten vor sekundären Traumatisierungen zu bewahren. Auch hierfür habe ich wertvolle Anregungen erhalten. Vielen Dank für das tolle Seminar!“

(Julia Weigelt)

„Für mich war der Workshop in Rendsburg auf verschiedenen Ebenen eine Bereicherung und hilfreich: Ich fand es toll, mit welcher Ernsthaftigkeit die Teilnehmer über ihre eigenen Erfahrungen und Bedürfnisse in ihrem Arbeitsalltag gesprochen haben. Ein intensiver Prozess, der in dieser Art und Weise nötig ist und welcher im täglichen Medienalltag keinen Platz findet.

Die Themen Resilienz und Self-care waren mir bisher nicht so bewusst. Ich habe nach den drei Tagen in Rendsburg angefangen, mich intensiv mit meiner Situation auseinanderzusetzen, wie mich meine Arbeit als Mensch beschäftigt und herausfordert. Die Fortbildung hat mich animiert, mit Kollegen, Journalisten und Fotografen zu diskutieren und ich danke dem Dart Centre Europe und den Förderern für diese Initiative und die Impulse. Ich freue mich auf eine Weiterführung dieser Art von Fortbildung und empfehle den Besuch jedem interessierten Journalisten.“

(Michael Pfister)

„Plötzlich, von einer Sekunde auf die andere, verändert sich das Leben: Für Unfall- oder Gewaltopfer, für Überfallene, tragisch Erkrankte oder auch für Hinterbliebene. Wir haben mit diesen Menschen zu tun: oft genau so plötzlich. Wir sind dann mit Tragik, Schicksal und Trauer konfrontiert – und ich nehmen etwas davon mit, jedes Mal. Zu lernen, wie man mit dem Gesehenen oder dem Mit- oder Nacherlebtem umgeht, ist überlebenswichtig, um heil durch ein langes Reporterleben zu kommen. Genauso wichtig die andere Seite: Nur wenn wir respektvoll mit Opfern, Zeugen oder Hinterbliebenen umgehen, machen wir die vielleicht schlimmste Situation in ihrem Leben nicht noch schlimmer.“

(Heinrich Buttermann)

„Journalisten haben es nicht einfach nur mit „Themen“ zu tun, sondern immer auch mit Menschen. Unsere Sorgfaltspflicht sollte sich deshalb nicht nur auf ein sauber recherchiertes und umgesetztes Thema beschränken, sondern sich auch auf den Umgang mit den Menschen beziehen. Vor allem dann, wenn sie Leid erleben oder erlebt haben – und auch wir selbst können „angesteckt“ werden und leiden. Aus diesem Grund sind Weiterbildungen, in denen Themen wie Trauer, Trauma und entsprechende Verhaltensweisen beleuchtet werden, nicht nur notwendig, sondern meines Erachtens ein MUSS für jeden Journalisten, der seine Arbeit sorgfältig verrichten möchte. Zu seinem eigenen Schutz, vor allem aber zum Schutze der betroffenen Menschen.“

(Sarah Sauer) 

Tipps für die Arbeit mit Material aus sozialen Netzwerken – „Tweeting Tragedy“

Mai 15, 2014 | No Comments

Social Media wie Facebook, Twitter & Co. spielen zunehmend eine Rolle für den Journalismus – vor allem in Krisensituationen. Spätestens seit dem Bild des auf dem Hudson notgewasserten US-Airways-Fluges am 15. September 2009 oder den Youtube-Videos des „Arabischen Frühlings“, der im Jahr 2010 began,  ist offensichtlich, dass es von jedem Ereignis eine Vielzahl von unmittelbaren Bild-und Video-Dokumenten – quasi in Echtzeit – gibt. Die Glaubwürdigkeit und Authentizität von Informationen und Quellen im Internet ist jedoch oftmals nur schwer überprüfbar. Dies wird um so deutlicher bei Materialien aus Krisensituationen und Gebieten, zu denen Journalisten nur begrenzt Zugang haben und auf Informationen aus zweiter Hand angewiesen sind. Wie kann professioneller Journalismus die neuen Möglichkeiten, die Social Media und User Generated Content bieten, für die eigene Berichterstattung in Krisen und Katastrophenfällen nutzen?

Lesen Sie hier Social Media Tipps für Journalisten:  Tipsheet Social Media_Christian_Möller

Berichterstattung über Flüchtlinge und Migranten

Mai 8, 2014 | No Comments

Wie berichtet man sensibel über das Schicksal und Leben von Flüchtlingen? Das Psychosoziale Zentrum für Flüchtlinge (PSZ) in Düsseldorf hat gemeinsam mit dem Dart Center Deutschland Handreichungen für Journalisten und Interviewpartner zusammengestellt.

Mehr über Flüchtlingsschicksale oder über Hintergründe von Kriegszuständen zu erfahren, und darüber auch Auskunft zu geben, liegt im Interesse aller Seiten. Journalisten wollen fragen, aber nicht retraumatisieren. Flüchtlinge wollen erzählen, müssen aber den Interviewrahmen genau kennen. Therapeuten wollen Grenzen setzen und verständlicherweise schützen.

Diese Fragestellungen waren Thema eines Workshops, der Ende 2010 im Rahmen einer Konferenz „Medienkompetenz für Zuwanderer“ in Düsseldorf stattfand.

Die zwei unten verlinkten Flyer sollen als Anleitungen und als Hilfestellung verstanden werden, um kompetenter und sicherer miteinander umzugehen. Sie wurden von erfahrenen Mitarbeitern des Flüchtlingszentrums für Folteropfer (PSZ) in Düsseldorf erstellt, in Zusammenarbeit mit Journalist/innen und Zuwanderern, die bereits viel Erfahrung im Umgang mit Medien gemacht haben –  in Kooperation mit dem Dart Center Deutschland.

Flyer „Interviews mit Überlebenden von Gewalt- und Foltererfahrungen“ für Journalisten (pdf-Version)

 Flyer „Für Interviewpartnerinnen“ (pdf-Version)

Im Dezember 2013 veranstaltete das Dart Center in den USA zudem gemeinsam mit der Thomas Scattergood Foundation for Behavioral Health einen intensiven Workshop „Covering immigrants“.

Hier finden Sie alle Vorträge als Videodateien sowie weitreichende und umfassende Materialien (Englisch):

„Covering immigrants“

Tipps für den Umgang mit Rettungskräften

Mai 8, 2014 | No Comments

„Fahr da mal schnell hin!“ – Das Dilemma der Presse und Rettungskräfte bei einem Schadensereignis

Ein Unglück hat sich ereignet. Das ist eine stressige Situation auf beiden Seiten: Feuerwehrleute wie Journalisten sind aus ihrer täglichen Routine herausgerissen und versuchen ihr Bestes, um die Situation zu bewältigen. Die einen wollen helfen, die anderen ihre Redaktion mit Informationen und Bildern versorgen. Wie kann da gute journalistische Arbeit gelingen, ohne Betroffene oder Rettungskräfte zusätzlich zu belasten?

In unserer täglichen journalistischen Arbeit kommt es oftmals vor, dass  Kollegen, die in der Berichterstattung über schwere Unglücksfälle nicht erfahren sind, von einer Minute auf die andere zu einem Großfeuer oder einem schweren Unfall mit Toten und Verletzten gerufen werden. Aber dann sollen sie professionell berichten. Sie treffen dabei allerdings auch auf freiwillige Helfer von Feuerwehren und Hilfsorganisationen, die zwar professionell für ihre eigentliche Aufgabe ausgebildet wurden, aber im Umgang mit der Presse völlig unerfahren sind.

Dies sind meine Erfahrungen und Tipps über Situationen, die vor Ort entstehen können:

Verhalten an der Einsatzstelle

Sicherheitsabsperrungen

Ein Sicherheitsband hängt quer über der Straße. Aber keiner, der es „bewacht“. Gute Bilder sind von hier aus nicht zu bekommen. Da kann die Versuchung groß sein, einfach darüber zu steigen.

Was tun?

  • Wenn Sie näher heranwollen, fragen Sie vorher die Einsatzleitung um Erlaubnis.
  • Halten Sie sich an die Absperrungen
  • Akzeptieren Sie ein Nein.

Drehgenehmigungen auf Privatgelände

Ich befand mich gerade auf dem Weg in die Redaktion, als ich von einem Großbrand auf einem Bauernhof erfuhr. Der Hof war nur drei Autominuten von mir entfernt. Deshalb traf ich noch vor der Feuerwehr ein. Die Bewohner des Hauses waren auf die Straße gelaufen und sahen mich erstaunt an, als ich die Kamera auspackte, um das Eintreffen der Feuerwehrleute zu drehen. Sollte ich sie fragen, ob ich auf das Grundstück darf? Je früher Journalisten an einer Unglücksstelle eintreffen, desto besser sind die Bilder. Doch wenn die ersten Feuerwehrleute gerade erst eintreffen, gibt es noch keine Absperrung.

Was tun?

  • Wenn es (noch) keine Absperrungen gibt: Halten Sie Abstand.
  • Denken Sie an Ihre eigene Sicherheit.
  • Respektieren Sie Privatgelände.

 Verhalten gegenüber Beteiligten / Verletzten

Klar, die beste Geschichte über einen Brand oder einen Unfall gelingt, wenn man die Betroffenen vor der Kamera befragen kann. Diese schildern, wie sie den Brand entdeckten, oder wie es ihnen bis zum Eintreffen der Feuerwehr ging.

Beim Brand eines Bauernhofes waren in der Nacht mehrere Tiere umgekommen. Der Landwirt hatte noch vergeblich versucht, sie aus dem brennenden Stall zu retten. Als ich mit dem Einsatzleiter der Feuerwehr bei den schwelenden Trümmern stand, kam der Bauer zu uns. Er hatte die ganze Nacht über nicht geschlafen und stand sichtlich unter Schock. Sollte ich die Gelegenheit nutzen und ihn um ein Interview bitten?

Viele Betroffene sind so beeinflusst von dem Geschehen, dass sie durchaus ein Interview geben würden. Über die rechtlichen oder versicherungstechnischen Folgen sind sie sich dabei allerdings nicht im Klaren. Auch für viele Einsatzkräfte kann es zusätzlichen Stress bedeuten, wenn Journalisten die Betroffenen aus der Nähe filmen oder gar interviewen wollen. Sie sehen sich in solchen Momenten als „Anwälte“ der Betroffenen und versuchen sie zu schützen.

Was tun?

  • Nehmen Sie sich Zeit und überlegen Sie erst, bevor Sie einen Betroffenen / Verletzen interviewen. Auch, wenn er oder sie zugestimmt hat oder die Personen von sich aus auf die Medienvertreter zukommen.
  • Das gilt erst recht, wenn Jugendliche oder Kinder involviert sind.

Verhalten gegenüber Einsatzkräften 

Was geht in den Feuerwehrleuten bei einem schwierigen Einsatz vor? Wer auf solche Fragen Antworten findet, erntet meist viel Lob für seinen Bericht. 

Als ich gegen ein Uhr Nachts bei einem Großfeuer in der Itzehoer Innenstadt eintraf, gab es noch keine Absperrungen, ich konnte mich frei in der Nähe des brennenden Hauses bewegen. Mir fiel auf, wie niedergeschlagen einige Feuerwehrleute waren. Wenig später erfuhr ich, dass es ihnen nicht gelungen war, einen Menschen aus dem obersten Stockwerk zu retten. Sie hatten ihn noch schreien hören, aber sie konnten sein Fenster mit der Drehleiter nicht erreichen. Sollte ich sie vor laufender Kamera fragen, wie sie sich jetzt fühlen?

Feuerwehrleute – auch freiwillige – sind Profis. Sie sind darauf vorbereitet, Menschenleben zu retten. Doch in solchen Momenten sind sie einfach Menschen, auch für sie kann ein Einsatz ein traumatisierendes Erlebnis sein. Seit einigen Jahren bieten Experten deshalb für Betroffene und auch für Einsatzkräfte psychologische Betreuung an. In den meisten Fällen sind Einsatzkräfte übrigens überhaupt nicht berechtigt, Auskünfte an die Presse zu geben.

Was tun?

  • Sprechen Sie den Einsatzleiter an, wenden Sie sich an die Pressesprecher vor Ort.
  • Bitten Sie ihn um die Genehmigung, Einsatzkräfte anzusprechen.
  • Überlegen Sie gut, was Sie für Fragen stellen. Sie können ein Trauma verstärken. (Tipps für Interviews mit traumatisierten Menschen)

Fazit

Zwar stellen diese Erfahrungen auch klar, dass es Einschränkungen gibt, die es nicht unbedingt einfacher machen, einen „tollen Bericht“ oder Film abzuliefern. Aber Sie richten keinen zusätzlichen Schaden an, in einer Situation, die per se für alle Beteiligten äußerst schwierig und angespannt ist.

Ein Tipp für die filmische Realisierung:

Gedanken der Einsatzkräfte oder Betroffenen kann man auch texten. Und die Bilder – auch aus angemessener Entfernung – sind meistens immer noch eindrucksvoll genug. Unterschätzen Sie nicht die Phantasie und die Empathie der Zuschauer oder Leser.

Tipps für Interviews mit traumatisierten Menschen

Mai 8, 2014 | No Comments

Von Christiane Habenicht, Fernsehredakteurin

Als Reporter begegnet man verschiedenen Arten von Traumatisierung. Es gibt aktuelle Ereignisse, wie die Toten bei der Love-Parade oder die Amokläufe von Erfurt und Winnenden. Es gibt aber auch Berichterstattungen zu zurückliegenden traumatischen Ereignissen, wie die Bilanz des Weißen Rings zeigt. Dort geht es um Menschen, die Opfer eines Verbrechens geworden sind, oder die Missbrauchsskandale der Kirchen.

Als Journalist vor Ort muss ich mir vorab überlegen: Welche Geschichte will ich erzählen und wen konfrontiere ich mit meinem Mikrofon oder sogar mit der Kamera? Reicht es vielleicht auch aus, wenn ich bei aktuellen Ereignissen nicht die Opfer direkt anspreche, sondern Personen aus der „zweiten Reihe“ der Betroffenen? Zum Beispiel Menschen, die Opfer/Betroffene aus dem Sportverein kennen, den Bürgermeister, der sich vor der Kamera äußert, Notfallseelsorger, die beschreiben, wie es den Menschen nach dem Ereignis geht.

Bei zurückliegenden Ereignissen muss ich mir überlegen, wie ich mit den Opfern umgehe. Als Journalist muss ich immer im Blick haben, was ich mit meinen Fragen und der Berichterstattung auslöse. Im besten Fall kann ich helfen, das Erlebte zu verarbeiten und damit den Personen einen Weg aus der Opferrolle heraus ebnen, hin zu Menschen, die es schaffen, gestärkt in ein neues Leben zu gehen. Ich muss mir aber auch bewusst sein, dass ich im schlimmsten Falle eine Retraumatisierung auslöse und die Menschen zum zweiten Mal zum Opfer werden lasse.

Wie gehe ich auf die Betroffenen zu?

Wenn ich mir meiner Rolle bewusst bin und weiß, welche Geschichte ich mit welchen Personen erzählen will, dann erst gehe ich auf die Betroffenen zu. Wenn ich in aktuellen Situationen nicht persönlich auf die Opfer zugehen will, um sie zu schützen, kann ich den Kontakt auch über die Notfallseelsorger oder andere offiziell tätige Personen vor Ort suchen.

Zunächst einmal muss ich mich in meiner Rolle vorstellen und die Person muss dem Interview zustimmen. Wenn Sie eine Berichterstattung ablehnt, dann muss ich das akzeptieren und darf das Opfer nicht bedrängen. Reporter der elektronischen Medien sollten erklären, welche Technik auf die Betroffenen zukommt, dass eventuell noch ein Kamerateam dabei sein wird, und ebenfalls mitbekommt, was die Person erzählt. Ich sollte immer auch erklären, dass wir nicht live senden, sondern alles, was die betroffene Person erzählt, wiederholt werden kann und nur gesendet wird, wenn sie am Ende der Berichterstattung auch zustimmt.

Meiner Redaktion gegenüber sollte ich von Anfang an klar machen, dass es vorkommen kann, dass am Ende nichts gesendet oder geschrieben wird. Und dass das Material auch veröffentlicht wird, wenn sich die Person öffnet und zustimmt. Nichts ist schlimmer, als wenn jemand von schrecklichen Erlebnissen erzählt, und die Redaktion am Ende es für „nicht wert genug“ befindet, es auch zu senden. Ich muss also vorher klare Grenzen abstecken. Und ich muss mich selbst schützen. Zum Beispiel muss ich versuchen, zu erkennen, wie belastbar ich selbst in einer Stresssituation bin. Im Notfall muss ich die Notbremse ziehen und mich ablösen lassen, außerdem sollte ich über alles sprechen – mit Freunden oder Kollegen. Wenn ich nach drei, vier Wochen immer noch nicht mit dem Erlebten fertig werde, dann sollte ich mir professionelle Hilfe suchen.

Auch sollte ich von Anfang an klar machen, wo der Bericht veröffentlicht wird, und ob eine zusätzliche Veröffentlichung online oder in sozialen Netzwerken für die betroffene Person in Ordnung wäre. Außerdem sollte ich deutlich machen, ob auch die andere Seite, sprich die „Täterseite“, zu Wort kommen soll.

Verfremdungen zum Schutz der Interviewpartner

Ich sollte von Anfang an klären, ob die Person erkannt werden möchte, oder ob sie anonym bleiben will. Dann kann ich noch vor dem Interview Möglichkeiten aufzeigen, wie das zu realisieren ist, beispielsweise durch einen anderen Namen, ein Pseudonym. Bei Fernsehinterviews kann ich Möglichkeiten der Verfremdung vorstellen, aber ich sollte die Person immer selber prüfen lassen, ob ihr das reicht. Außerdem muss ich mir selbst der Verantwortung bewusst sein und nicht wegen eines unzureichenden Effekts ein Erkennen riskieren. Im Notfall kann ich auch die Füße oder Hände einer anderen Person zeigen. Vor allem muss ich drauf achten, dass Besonderheiten, wie Narben oder ähnliches, nicht zu sehen sind. Außerdem muss ich bei elektronischen Medien immer darauf hinweisen, dass auch die Stimme wiedererkannt werden kann. Sollte das Opfer/der Betroffene wirklich nicht erkannt werden wollen, dann muss ich verfremden oder sogar nachsprechen lassen. Wichtig dafür: Auch Bekannte oder Verwandte können den Beitrag sehen, das Opfer erkennen. Insofern liegt es in unserer Verantwortung, so zu verfremden, dass selbst der Ehemann oder die Ehefrau die Person nicht erkennt.

Zeitdruck darf nicht dazu führen, dass ich meiner Verantwortung gegenüber der Person, mit der ich rede, nicht gerecht werde. Sollte ich wenig Zeit haben, darf ich das die Betroffene aber nicht spüren lassen. Ich kann beispielsweise Autofahrten zum Drehort dazu nutzen, mit ihr zu sprechen und abzuklären, was ihr wichtig ist. Ich kann sie auch den Drehort mit bestimmen lassen: wo fühlt sie sich wohl, wo habe ich Möglichkeiten, in Ruhe mit ihr zu sprechen, ohne dass sie jemandem begegnet, der sie kennt? Wo gibt es Möglichkeiten, zu verfremden und wie? Reden ist das Zauberwort – Angst nehmen und Vertrauen schaffen und dem Interviewpartner das Gefühl vermitteln, dass er entscheiden kann, wann er bereit ist und wie lange er bereit ist, mit mir zu reden und worüber (Nicht das Gefühl, fremdbestimmt zu sein – das entspricht der Opferrolle – sondern selbstbestimmt das Ruder in der Hand haben, um sich aus der Opferrolle zu befreien).

Liegt ein Ereignis erst gerade zurück, dann sollte ich darüber nachdenken, was für eine Rolle Betroffene haben. Beispiel Amoklauf Winnenden: dort haben Schüler, die dem Täter entkommen sind, beschrieben, dass er einen Kampfanzug getragen haben soll. Die polizeilichen Ermittlungen ergaben hinterher, dass das nicht stimmt. Das heißt: Opfer sind keine verlässlichen Zeugen. Ich muss immer hinterfragen, ob das, was sie mir direkt nach der Tat erzählen, auch stimmt. Manchmal ist es deshalb besser, auf offizielle Personen zurückzugreifen, zum Beispiel Polizeisprecher.

Was ist Berichterstattung wert – wie weit darf ich gehen?

Zum Beispiel sollte ich nicht „auf die Jagd nach Opferfotos gehen“. Manchmal macht es viel betroffener, eine andere Bildsprache zu wählen – zum Beispiel hat die Tageszeitung in Winnenden nur die Frage „Warum?“ auf schwarzem Hintergrund gedruckt, trauernde Menschen nur von hinten und mit Abstand gezeigt – „Träne groß“ ist nicht nötig, um zu zeigen, dass Betroffene traurig sind, trauern und Abschied nehmen.

Familien sollten nicht bedrängt werden – die Mutter eines Opfers aus Winnenden sagte hinterher, sie habe bereits wenige Tage später gemerkt, dass das, was sie den Medien nach dem ersten Schock erzählt hat, wenite Tage später schon gar nicht stimmte. Dass sie vieles mit etwas Abstand ganz anders wahrnahm als Stunden nach der Tat. Vielleicht hilft es hier, erst einmal die „zweite Ebene“ Betroffener abzufragen – zum Beispiel im Sportverein des Dorfes oder ähnliches.

Auch bei der Berichterstattung über „Täter“ sollten wir uns genau fragen, was wir damit auslösen. Zum Beispiel für jugendliche mutmaßliche Straftäter, die selber Probleme haben und später die Chance auf Resozialisierung bekommen sollten. Und im Hinblick auf die Frage: „Was macht ein Bericht über Täter mit den Opfern?“

Die Rolle des Interviewers

Es ist nicht leicht, Interviews mit traumatisierten Personen zu führen.

Wichtig ist, so zu sprechen, dass mich mein Gegenüber versteht und selber in der Lage ist, Worte für das Erlebte zu finden – nicht von oben herab fragen, sondern umgangssprachlich eine Ebene für ein Gespräch auf Augenhöhe finden.

Viele Journalisten stellen sich die Frage: Inwiefern darf ich eigene Gefühle zulassen? Verbal darf ich äußern, was ich fühle – darf Mitgefühl zeigen. Nicht aber Angst oder Trauer. Meine Mimik und Gestik sollte ich im Griff haben. Sollte ich es im Live-Interview (ohne ein Opfer dabei vor die Kamera zu ziehen), z.B. bei der Berichterstattung über die „Loveparade“, nicht schaffen, dann muss ich mich als Journalist nicht schämen. Ich muss aber professionell schnellstmöglich zurückgeben und sagen, dass ich mich zu dieser Zeit nicht in der Lage sehe, weiter neutral über das Ereignis zu berichten. Vielleicht ist das auch der Zeitpunkt zu erkennen, dass ich selbst überfordert bin und mich – zumindest auf Zeit – ablösen lassen, um das Ganze auch für mich zu verarbeiten.

Unsere Aufgabe als Journalisten: wir müssen die Informationen vor Ort an Leser oder Zuschauer weitergeben, sie ihnen verständlich vermitteln. Und wir sollten wissen, wohin wir mit unserer Berichterstattung steuern (zielgerichtet).

Wir sind keine Therapeuten oder Helfer in der Situation, sondern müssen den nötigen Abstand wahren. Wir sind aber auch keine Automaten und damit nicht unfehlbar. Wir müssen unsere Schwäche nur rechtzeitig erkennen und einlenken – zur Not muss das die Redaktion machen, wenn der Journalist vor Ort dazu nicht mehr in der Lage ist.

Transparenz schaffen – Warum Medien auch hilfreich sein können

Apr 30, 2014 | No Comments

Katrin Hartig arbeitet seit vielen Jahren als Redaktionsleiterin beim MDR. Durch ihre persönliche Erfahrung im Umgang mit Schicksalsschlägen und im Bundesverband der Verwaisten Eltern tätig, berichtet sie hier von der Rolle der Medien sowie der Betroffenen und gibt Empfehlungen.

Bis zum Unfalltod meines Sohnes stand ich immer nur auf der „anderen Seite“ der Medien. Ich war seit 20 Jahren Fernsehjournalistin und traf als Chefin vom Dienst eines tagesaktuellen Fernsehmagazins ständig journalistische Entscheidungen. Als ich im März 2002 an den Unfallort gerufen wurde, standen dort in der ersten Reihe bereits mehrere Kamerateams und Journalisten. Diese waren, wie so oft in solchen Fällen, bereits vor den direkt Betroffenen informiert worden – während ich noch nicht ahnte, dass mein 13jähriger Sohn bei seinem ersten Wettkampf der Saison um sein Leben kämpfte und verlor. Fast ein Jahr haderte ich nach seinem Tod mit der Rückkehr in den Beruf.

Inzwischen leite ich wieder eine Redaktion. Gleichzeitig arbeite ich als Trauerbegleiterin und bin Vorstandmitglied des Bundesverbandes der Verwaisten Eltern und trauernden Geschwister Deutschlands. Ich bekomme in letzterer Funktion oft Medien-Anfragen, die an den Bundesverband gestellt werden. Manchmal, weil ein Prominenter sein Kind betrauert, weil gerade das Thema im Fokus steht, oder weil vor Weihnachten gerne ein paar emotionale Geschichten gesucht werden. Und es ist leider kein Einzelfall, wenn dann auch schon mal, z.B. von einer Produktionsfirma, die für einen privaten Sender arbeitet, Anfragen kommen wie: „Wir suchen eine emotionale Familie. Es sollen schon ein paar Tränen fließen. Andere Eltern brauchen wir nicht.“

Wir erleben Trauer und Tod nicht mehr im Leben. In den Medien schon. Wir haben meist keine Ahnung, was Trauer mit uns macht, wie sie uns verändert, was normal ist. Das macht unsicher.

Insofern sehe ich die Leistung der Medien ja auch darin, genau das, was nicht mehr erlebt wird, transparent zu machen. Viele Trauernde identifizieren sich mit solchen Filmen, weil sie so erfahren: Das, was ich fühle, denke, erlebe, das kennen andere auch. Ich bin nicht allein. Für meinen Film „Es war einfach nur ein Abgrund“, der in der ARD-Themenwoche zum Thema „Tod und Trauer“ lief, habe ich vier junge Menschen begleitet und sie befragt, warum sie bereit waren, über das Fernsehen in die Öffentlichkeit zu gehen.

  • Karoline verlor ihre Schwester durch Suizid. Sie hatte auch schlechte Erfahrungen mit einem privaten Boulevardmagazin gemacht. Dennoch war sie einige Jahre danach bereit, in einem Film mitzuwirken, weil sie ihre Erfahrungen im Umgang mit Trauer teilen wollte:  „Es ist erschreckend. Keiner will damit in Berührung kommen. Viele Menschen drehen sich schnell weg. Vielleicht ist es eine Möglichkeit, über Bilder die Leute anzusprechen, und damit einen Bezug zu einem Menschen zu bekommen, der trauert. Auch junge Menschen trauern, denn auch bei Jugendlichen gibt es Verluste im Leben.“
  • Anja verlor ein halbes Jahr nach ihrer Hochzeit ihren Mann durch einen plötzlichen Herztod: Was war ihre Motivation für Ihre Beteiligung an meinem Film? „Zum einen für mich, weil ich mich bewusst mit meiner Trauer um Wolfgang auseinandergesetzt habe. Und auch um anderen zu zeigen, es geht weiter.“
  • Ulrike Straßheim ist Mutter eines ermordeten Mädchen aus Cuxhaven. Nach dem Mord an Levke entstanden längere Dokumentationen, zu denen sie sich bereit erklärte. Als die ersten Dreharbeiten begannen, wurde noch nach dem Täter gesucht. Nach der Ausstrahlung sagte sie: „Positiv war es nach dem Film, die Veränderung im Umfeld wahrzunehmen. Ich hatte ja die Sprachlosigkeit, die nach einem solchen Ereignis im eigenen Umfeld herrscht, thematisiert. Dass Menschen die Straßenseite wechselten, wenn sie uns sahen oder im Supermarkt einen anderen Gang wählen. Da hatte sich etwas verändert. Zwar schauten die Leute immer noch angsterfüllt, aus Sorge, etwas Falsches zu sagen, aber es war anders. Jetzt wusste ich, das war die Reaktion auf den Film. Und ich fand es gut.  Ich hatte es ja ausgesprochen und die Menschen reagieren jetzt so. Ich hatte auch das Gefühl, dass eine Art Erleichterung da war, dass es ausgesprochen war.“
  • Die Mutter eines durch einen LKW tödlich verunglückten Jungen hatte bereits mehrmals Erfahrungen gemacht im Umgang mit Medien anlässlich zum Gedenktag der verstorbenen Kinder in Deutschland. Sender suchten Betroffene und sie erklärte sich bereit, mitzuwirken. Über den Film, der damals entstand, sagte sie einige Zeit später: „Wenn ich Timmi, meinem jüngsten Sohn (er war knapp 3 Jahre, als sein Bruder verunglückte) den Film heute zeige, wenn er sieht, wie klein er war, wenn er das jetzt sieht – dann ist der Film auch ein kleines Geschenk. Ein Beleg meines Trauerprozesses.“

Eine der positivsten Funktionen des Journalismus aus Betroffenensicht: Das Aussprechen, was ist.

Und: Verwaiste Eltern gehen auch sehr selbstkritisch mit sich um. So sagte Dieter Steuer, damals Vertreter einer Gruppe Verwaister Eltern: „Wir verwaisten Eltern klagen immer wieder und darben darüber, dass das Thema Trauer in der Gesamtbevölkerung zu wenig wahrgenommen wird, dass sich Trauernde im Stich gelassen fühlen. Wir müssen selbst viel aktiver nach außen hin werden. Nicht schockieren, nicht konfrontieren, aber uns öffnen. Nur dann können wir auch auf das Verständnis hoffen.“

Können Hörfunk und Fernsehen genügend Orientierung und Rat bieten?

Für ein Reportageformat des MDR stellte der Sender einen Unfall nach. Zehn Jahre zuvor waren nach einem Diskothekbesuch zwei Jugendliche ums Leben gekommen, zwei überlebten. Thema der 9minütigen Reportage war es, über die extrem hohe Zahl an tödlichen Unfällen im Alter zwischen 19 und 24 Jahren zu berichten.
Erstmalig trafen sich die beiden Überlebenden vor Ort. Ich fragte sie nach ihrer Motivation und Erfahrung mit dem Drehteam. Sabine Meister sagte: „Ich habe durch die Auseinandersetzungen mein „Ich“ wiedergefunden. Und wenn einige Jugendliche durch den Film zum Nachdenken angeregt werden, war nicht alles umsonst, auch nicht der Tod von Andrè und Christian.“

In meiner Arbeit als Trauerbegleiterin erlebe ich in Workshops immer wieder sehr viel Unsicherheit im Umgang mit Medien – auch bei Sozialarbeitern, Hilfsorganisationen, Ersthelfern, Verbänden. Sie sind es, die ja oftmals den Journalisten auf Anfrage Betroffene vermitteln. Und: Gerade sie können gute Begleiter sein bei Interviews und Dreharbeiten. Vorausgesetzt, sie kennen ein paar Grundregeln des Umgangs mit Medien. Doch oft wird auf die Journalisten geschimpft und die Verantwortung ausschließlich auf diese abgeschoben.

Ein verantwortlicher Umgang mit Medien beginnt meiner Meinung nach bereits mit der Bearbeitung einer Anfrage und der Vorbereitung eines Betroffenen, ohne ihm jedoch seine Selbstbestimmung und Selbstverantwortung zu nehmen. Die Mittlerrolle wäre jedoch hilfreich für Journalisten wie Betroffene.

Checkliste für Betroffene vor einer Zusage zu einem Dreh:

•      Was erwarte ich von den Medien? Was will ich erreichen? Was ist mein positives Ziel beim Auftritt? Das sollte sich jeder vorher klarmachen.
•      Was bin ich bereit, zu erzählen? Was möchte ich erzählen?
•      Was ist für mich tabu? Welche Themen, welche Aufnahmen?
•      Warum möchte ich in die Medien?
•      Wovor fürchte ich mich?
•      Kann ich gut für mich sorgen?

(Quelle: Fee Rojas und Katrin Hartig, unveröffentlichtes Manuskript, 2014)