Vortragsvideo: Die Arbeit als Journalist in Krisensituationen und der Umgang mit der Redaktion

Posted on Sep 18, 2014

In diesem Vortrag spricht Thomas Görger, Fernsehautor, Journalist und Krisen-Sonderkorrespondent (u.a. für den WDR), über seine Erfahrungen vor Ort und die Entwicklung eines “Journalismus der Achtsamkeit”. Dabei geht es um ein redaktionelles Selbstverständnis, das dazu führen soll, Situationen in der Berichterstattung über Trauma immer wieder neu und bewusst zu betrachten. Der Vortrag führt durch alle Phasen der Berichterstattung und behandelt die unterschiedlichen Fragen/Aspekte in der Zusammenarbeit zwischen Reporter und Redaktion.    

Ein „Journalismus der Achtsamkeit“ fängt laut Thomas Görger schon vor dem eigentlichen Einsatz an. Die erste Frage, die man sich stellen sollte, wenn man den Auftrag bekommt, über ein schwieriges Thema zu berichten, ist „Warum ich?“ Bin ich der bzw. die richtige für diese Aufgabe und zu diesem Zeitpunkt? Es geht dabei auch um den Mut, “Nein” zu einer Geschichte zu sagen, und mit persönlichen Umständen und Haltungen zu einem Thema umzugehen.

Auf dem Weg zum Einsatzort rät Thomas Görger, sich Gedanken über die eigene Einstellung zum Thma und vor allem zu den Interviewpartnerinnen und -partnern zu machen. Auf wen stellen wir uns ein? Ist der Mensch, dem wir gleich begegnen werden, ein „Opfer“, das nichts an seiner Situation ändern konnte, oder z.B. ein „Überlebender“, der eine schwierige Situation gemeistert hat? Die Antworten auf diese Frage verändern unser Verhalten, unsere Stimme, unsere Fragetechnik, unseren Blickwinkel auf die Geschichte, die wir erzählen wollen. Diese Haltung, die wir im Vorfeld einnehmen, hat starke Auswirkungen auf unser Auftreten und unser Verhalten und wird damit auch das Ergebnis unserer Berichterstattung maßgeblich beeinflussen.

Ein Dilemma, mit dem Journalisten am Einsatzort häufig zu kämpfen haben, ist die Frage „Soll ich helfen oder berichten?“ Ist es zynisch, einen Obdachlosen im Winter zu filmen, statt ihm eine warme Decke mit zu bringen? Wie stark dürfen Journalisten in die Geschichten eingreifen, die sie vor Ort erleben? Thomas Görger rät, sich realistisch mit den eigenen journalistischen Möglichkeiten auseinander zu setzen. So berichtete er aus dem Erdbebengebiet auf den Philippinen über eine Frau, die ihre Verwandten im Ausland wissen lassen wollte, dass sie überlebt hat. Dies konnte er als Journalist der Frau guten Gewissens ermöglichen, indem er über ihr Schicksal berichtete. Außerdem konnte er diese Nachricht auch bei einem späteren Interview an den Gouverneur für die Recherchen des Vermißtenzentrums weiter geben. Beim Aufbau ihres Hauses handfest mit zu helfen, wäre nicht mehr seine Aufgabe gewesen.

Was Journalisten im Kriseneinsatz häufig vor lauter Stress vergessen, ist die Sorge für sich selbst. Man kann nur eine gute Arbeit abliefern, wenn die Minimal-Voraussetzungen für das eigene Wohlergehen gewährleistet sind.

Die nächste Aufgabe besteht darin, so Thomas Görger, sich zu überlegen, was passiert, wenn man als Reporter wieder abreist. Wie können Journalisten ihre Interviewpartner davor schützen, Schaden zu nehmen, wenn der Journalist in seine Redaktion zurück geht? Unter der Überschrift „Wir gehen, sie bleiben“ hatte er viele praktische Tipps vorbereitet, was ein Journalist tun kann, um verantwortungsbewusst für sich selbst und für den Interviewpartner zu handeln.

Ein wichtiger Faktor für die Arbeit vor Ort in einem Krisengebiet oder an einer Unfallstelle ist die Redaktion im Hintergrund. Kann man sich in Ruhe auf die Suche nach Informationen und Gesprächspartnern begeben, oder klingelt ununterbrochen das Handy? Fühlt man sich sicher und gut aufgehoben, weil man z.B. weiß, wo man abends schlafen wird, oder kommen ganz existenzielle Unsicherheiten zum Streß vor Ort noch dazu? Aus eigener Erfahrung hat Thomas Görger einige wichtige Hinweise für die Redaktionen „zu Hause“ entwickelt, mit denen sie den Reportern und Reporterinnen vor Ort eine gute Arbeit ermöglichen können – Hinweise, die von den anderen anwesenden Referentinnen mit weiteren Beispielen untermauert wurden.

Und zu guter Letzt, so Thomas Görger, gibt es für die Redaktionen auch eine Art Verpflichtung zur Nachsorge im Team. Innerhalb von drei Tagen, so fordert er, müsse es nach einem Krisen-Einsatz eine Möglichkeit zu einem strukturierten Gespräch mit dem Vorgesetzten geben.

 

Dieser Vortrag wurde während der Fortbildung des Dart Centres in Rendsburg im Dezember 2013 aufgenommen.

 

Weiterlesen

  • Eine interaktive Webseite, mit der man sich mit den Folgen des Erdbebens auf Haiti als Rettungshelfer, Überlebender oder Journalist auseinandersetzen kann, ist www.insidedesaster.com (Englisch)
  • Tipps für Redaktionsleiter finden Sie gleich zweimal auf unserer Webseite: Als eine Art Checkliste und als Interview mit Katrin Hartig.

Vertiefung: Wie würden Sie die folgenden Fragen beantworten?

Sie sehen die Antworten, wenn Sie auf die Fragen klicken.

1. Was ist die Aufgabe von Journalisten, wenn sie über traumatisierende Ereignisse oder Erlebnisse berichten?

2. Hat die Redaktion, für die Sie arbeiten, ein Notfallkonzept?