Der Erdrutsch von Oso, Washington: Fünf Journalisten sprechen über ihre Erfahrungen

Posted on Mai 1, 2014

von Natasha Chen, Paige Cornwell, Scott North, Ariel Ritchin, Richard Wagoner and Marcus Yam; Übersetzung von Jeanny Gering, Fotos von Marcus Yam

Am 22. März 2014 überschwemmte eine gewaltige Schlammlawine die Stadt Oso in Washington. Der bisher tödlichste Erdrutsch in Amerikas Geschichte kostete 36 Leben, weitere 7 Menschen gelten als vermisst. Das Dart Center sprach mit fünf Journalisten über die Herausforderung der Berichterstattung angesichts eines solchen Unglücks.

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Die ländliche Gemeinde Oso, Washington befindet sich eine Stunde nördlich von Seattle. Am 22. März wurde sie zum Schauplatz einer nur schwer zu begreifenden Katastrophe, über die es schwierig war, angemessen zu berichten. Eine Erdmasse von ungefähr dreimal so viel Volumen wie der “Hoover Dam” (ein Sperrdamm aus Beton im Colorado River) schob sich durch eine Fläche von einer Quadratmeile, und begrub Dutzende von Häusern und ihre Bewohner unter sich. Mindestens 36 Menschen kamen bei dem Erdrutsch ums  Leben und weitere 7 blieben vermisst. Es war der folgenschwerste Erdrutsch der amerikanischen Geschichte. “An manchen Stellen stand der Schlamm bis zu 70 Fuss (21 Meter) hoch”, so Seattle Times Metro Redakteur Richard Wagoner. “Es gibt vielleicht Menschen, die nie darunter gefunden werden.”

Ariel Ritchin vom Dart Center sprach mit Wagoner und seinen Kollegen der Seattle Times Paige Cornwell und Marcus Yam, sowie mit Scott North vom Everett Herald und KIRO 7’s Natasha Chen, über die Herausforderung, von diesem Ereignis zu berichten. Sie sprachen darüber, was es heisst, mit den Familien der Opfer zu arbeiten, über die Rolle der sozialen Medien in Ausnahmezuständen und die persönlichen Grenzen, an die man in der Traumaberichterstattung stösst.

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Ariel Ritchin: Gab es Absprachen in der Redaktion mit Redakteuren oder mit Kollegen, wie man die Geschichte angehen soll?

Scott North: Als erstes muss man sagen, dass es in dieser Gechichte um unsere eigene Gemeinde geht. Das ist von grosser Relevanz, denn es sind Menschen, die wir kennen, denen wir in Zukunft noch im Supermarkt begegnen werden. Ausserdem ist es die höchste Zahl an Todesopfern, die unsere Region je auf einen Schlag verkraften musste. Wir befinden uns nicht im Tornadogebiet Amerikas, es gibt Erdbeben, aber zum Glück sind die meist schwach und waren noch nicht verheerend. Was hier passiert ist, war das schlimmste Ereignis aller Zeiten, und wir wissen, dass wir noch lange darüber berichten werden. Wir schreiben über reale Menschen mit realen Geschichten und echtem Schmerz, also bemühen wir uns, vorsichtig damit umzugehen. Natürlich wird darüber geredet, von allen – Redakteuren, Reportern, Fotografen. Man fragt sich: Was ist das richtige?

Der Leitspruch unserer Redaktion ist seit langem: “Es ist nie der falsche Moment, das richtige zu tun.” Das ist keine ungewohnte Einstellung bei uns – aber in einem solchen Fall denkt man vielleicht noch mehr über die Auswirkung unserer Geschichten nach. Es geht schließlich um Menschen, die leiden.

Richard Wagoner: Wie bei den meisten “Eilmeldungen” diskutierten wir von Anfang an darüber, ob wir die Information, die wir bekommen, auch verifizieren können. Es ging erstmal ziemlich chaotisch zu und das Ausmaß des Erdrutsches wurde erst nach ein, zwei Tagen klar. Anfangs war von zwei oder drei Toten und einer handvoll zerstörter Häuser die Rede. Wir waren vorsichtig, dass wir keine Gerüchte oder Mutmassungen weitergaben bezüglich Opferzahlen und Schäden. Gleichzeitig mussten wir schnell arbeiten, um die Berichterstattung über die betroffene Nachbarschaft in den Griff zu bekommen und das Ausmaß des Disasters einschätzen zu können. Viele unserer Mitarbeiter haben Erfahrung im Berichten von Eilmeldungen und im Umgang mit Leuten im Ausnahmezustand. Sie sind gut ausgebildet und darauf sensibilisiert, mit Opfern und deren Angehörigen umzugehen.

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Sehr früh haben wir die Entscheidung getroffen, keine Person als verstorben oder vermisst zu melden, ohne eine offizielle Bestätigung von einem Familienangehörigen zu haben. Das hatte zur Folge, dass wir manchmal die Namen von Toten oder Vermissten nicht nannten, die in anderen Medien erschienen, weil wir extra vorsichtig sein wollten. Das letzte, was uns passieren sollte, war, jemanden als vermisst oder verstorben zu melden, der es nicht war.

Natasha Chen: Jeden Tag geht es in unseren Besprechungen darum, an welchem Ort wir sein sollen. Der Erdrutsch passierte in Oso, zwischen Arlington und Darrington. Auf beiden Seiten gibt es Geschichten zu erzählen, also brauchen wir Teams auf beiden Seiten. Dann gibt es da meine Aufgabe, die bisher ausschliesslich darin besteht, die Familien von Opfern zu finden und mit ihnen zu reden. Als Reporter entscheidet man selbst, wie man auf die Familien zugeht. Dabei wird von uns erwartet, die Balance zu kennen zwischen „agressiv genug“, die Geschichte zu finden und „respektvoll genug“, im Umgang mit denen, die eine schwere Zeit durchmachen.

Marcus Yam: Es gibt immer Diskussionen in der Redaktion, wie man mit einer “Eilmeldung” am besten umgeht. Wenn man vor Ort ist, sprechen meine Kollegen und ich über das Geschehen, um es besser einordnen zu können. Dann kommunizieren wir mit der Redaktion, die unsere Berichte mit den grösseren Zusammenhängen verknüpft. Wir sind im ständigen Austausch und kommunizieren über das Geschehen, um die beste Vorgehensweise einzuschlagen.

Die erste Frage, die wir uns stellten, war: Wie können wir über diese Naturkatastrophe und ihre Auswirkungen berichten, ohne das Leid der Betroffenen zu vergrössern? Wir wollten weitergehen, als das offentsichtlich schockierende wiederzugeben. Wir wollten verstehen, warum und wie es zu der Katastrophe kommen konnte.

In den ersten Tagen war es hart. Es gab wenig konkrete Informationen, die Telefonleitungen waren kaputt, auch Mobilnetzwerke waren kaum verfügbar, Leute waren emotional. Meine Priorität war es, so ruhig und gesammelt wie möglich zu sein und meine Zeitung so gut wie möglich zu repräsentieren.

Wir mussten die Stimmung innerhalb unserer Gemeinde erspüren, um einen echten Einblick zu bekommen und darüber berichten zu können. Nur so können wir den Zugang zu Leuten und ihren Geschichten vor Ort bekommen, um die vielschichtigen Ereignisse besser zu verstehen als die Presse von außerhalb.

In Gesprächen mit meinen Redakteuren wurde mir klar, dass unsere Berichterstattung sich von Tag zu Tag, wie einzelne Kapitel, auf prägnante Art und Weise entwickeln würde. Von der ungeheuren Verwüstung, mutigen Rettungseinsätzen, freiwilligen Helfern und den Schmerz, den die Tragödie verursacht hat, entwickelte sich die Berichterstattung dann hin zu persönlichen Schicksalsgeschichten und dem Umgang mit Hoffnung und Trauer. Da ich in Darrington war, um von dort über diese willensstarke Gemeinde zu berichten, fokussierten sich unsere Berichte auf den Zusammenhalt der Leute und wie sie sich gegenseitig durch die Katastrophe halfen. Als FEMA und die ‘National Guardsmen’ die Katastrophenhilfe übernahmen, drehten sich unsere Berichte um die Bergungsarbeiten und um die logistischen Schwierigkeiten, die auftraten.

Unser eigenes Durchhaltevermögen und Wohlbefinden als Journalisten war eher nebensächlich. Man kann unseren Einsatz bei weitem nicht mit den von Rettungskräften vergleichen, aber wir arbeiteten trotzdem bis zu 18 Stunden am Tag, zwei Wochen in Folge. Unsere Redakteure vergewisserten sich laufend, wie es uns geht, sie unterstützen uns mit dem nötigen Rückhalt, den wir brauchten, um nicht zusammen zu brechen und die Aufgabe zu meistern, die vor uns lag.

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AR: Gibt es eine spezielle Vorbereitungen vor einem Treffen mit den Angehörigen von Opfern?

NC: Ich habe für die Redaktion eine Excel Datei erstellt über alle vermissten Personen und die Kontaktdaten zu ihren Angehörigen, und welcher Reporter mit ihnen gesprochen hat, ob wir Bilder von ihnen haben und so weiter. Wir haben ein starkes Team, aber gerade weil wir so viele sind, ist es wichtig, Angehörige nicht zu belästigen, wenn einer unserer Kollegen schon mit ihnen gesprochen hat. Ich habe alle Reporter dazu angehalten, sich die Datei anzusehen, und sich die Notizen durchzulesen, bevor sie mit Angehörigen der Opfer in Kontakt getreten sind.

SN: Das Katastrophengebiet ist in einer begrenzten Gegend, und wie alle anderen auch, haben wir uns das Eigentumsregister angeschaut. Trotzdem sind wir behutsam mit solchen Informationen umgegangen, bis die Angehörigen der Betroffenen damit umgehen konnten, dass ein Familienmitglied vermisst oder verstorben war. Obwohl es eine große Anzahl von Opfern gibt, gehen wir im Grunde damit um, wie bei einem Motorradunfall zum Beispiel, mit nur einer betroffenen Familie. Man muss respektvoll sein. Wir fragen bei den Familien um Erlaubnis, die Geschichte der verstorbenen Person zu erzählen, und das nehmen wir nicht auf die leichte Schulter. Ihre Antwort wird akzeptiert, und wir sagen ihnen immer: “Vielleicht ist jetzt noch nicht der richtige Zeitpunkt. Wenn Sie es zu einem späteren Zeitpunkt erzählen wollen, sind wir mit einem offenem Ohr für Sie da. Egal wann.”

Wir bekommen einen einmaligen Zugang. Wie ich schon sagte, “wir sind Teil der Gemeinschaft, über die wir berichten” und das hat wirklich Gewicht. Viele der grossen Medienorganisation kommen hierher, um über die Katastrophe zu berichten, aber die meisten Leute entscheiden sich mit uns zu reden, weil sie wissen: wir sind wie sie.

RW: Bei uns waren drei bis vier Reporter damit beauftragt, Opfer oder Familienangehörige der Opfer zu finden. Das haben wir so entschieden, da es am Anfang kaum Angaben gab zu der Anzahl von Todesopfern und Vermissten. Die Kollegen, die bei Angehörigen der Verstorbenen angerufen haben, hatten Erfahrung im Umgang mit Leuten in Krisensituationen, sie wussten wie sensibel man sein muss.

MY: Meine persönliche Einstellung ist “menschlich bleiben”, vor einem Besuch bei Familien, die gerade einen Verlust erlitten haben. Ich rufe mir in Erinnerung, dass ich nicht nur dort bin, um ihre Geschichte zu erzählen, sondern auch ihnen zuzuhören.

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AR: Gibt es so etwas wie Richtlinien oder Vorgaben, nach denen gehandelt wird – in Bezug auf die Art von Berichterstattung für eine solche Geschichte und in Bezug auf den Schutz der Reporter?

NC: Ich schaue mir die wirklich guten Reporter gerne an, die unglaubliche Geschichten schreiben. Ich kann mich auch auf meine eigene Erfahrung stützen. Bei dem Amoklauf in Fort Hood, als der Militärpsychiater 13 Leute erschoss, war ich die erste, die live berichtet hat. Ich habe auch schon von einer Tornadobergung aus Moore in Oklahoma berichtet. Dabei habe ich gelernt, mich immer nur auf eine Aufgabe, ein Ziel, ein Interview auf einmal zu konzentrieren. Es passiert schnell, dass man die ganze Situation probiert aufzunehmen und überwältigt wird davon, oder meint alles gleichzeitig machen zu müssen. Ich habe gelernt, um andere Teams vor Ort um Hilfe zu bitten oder die Redaktion zu Hause, um sicher zu gehen dass meine Geschichte gemacht wird. Ich bin nur ein Teil des Puzzles, das mein Sender zusammensetzt, um das ganze Bild zu zeigen.

SN: Bei uns gibt es Überschwemmungen und Brände, bei denen es schon zu Todesopfern gekommen ist, oder auch schlimme Fälle von Mord und Totschlag; das sind Ereignisse, auf die wir als Gemeinschaft reagieren. Dadurch haben wir ein wenig Übung darin und das ist hilfreich.

Ich will jetzt nicht Werbung für das Dart Centre machen, aber eines der Hilfsmittel, die wir verteilt haben und uns gestern nochmal versichert haben, dass alle eine Ausgabe haben, ist das “Tragedies & Journalists Handbook”. Wir fordern unsere Leute dazu auf, es zu lesen und immer wieder zu lesen. Es liefert eine Menge praktischer Tipps. Ausserdem ist es wichtig, als schreibender Journalist von jemandem zu hören: “ Du musst auch auf dich selbst aufpassen.” Wir befinden uns mitten in einem sich entfaltenden Ereignis, da werden die Ärmel hochgekrempelt, aber wir wissen auch, dass wir hier länger ausharren müssen. Auch deshalb liegt uns das Wohlergehen unserer Reporter und Fotografen am Herzen.

RW: Wir lernen durch jede “Eilmeldung” dazu und probieren diese Erfahrung in die folgenden Geschichten einfliessen zu lassen. Ein paar Tage nach dem Erdrutsch haben wir in der Redaktion besprochen, ob irgendjemand in unserem Team unsere Unterstützung braucht bei der Verarbreitung des überwältigenden Schmerzes, mit dem sie konfrontiert wurden. Wir haben das Thema öfters besprochen. Der Zugang zu der verwüsteten Gegend, wo die Bergungsarbeiten stattfinden, ist streng kontrolliert. Nur selten wird den Medien Zugang gewährt. Wir haben schlimme Berichte gehört darüber, was die Rettungshelfer und Bergungsdienste in der Erde finden, aber wir haben es nicht selbst gesehen. Trotzdem sind unsere Reporter ständig am Telefon oder bei Treffen mit Leuten, die unglaublichen Schmerz und Trauer empfinden, und sind mit einer zerstörten Gegend konfrontiert, die mal eine heile Nachbarschaft war. Das wirkt sich auf jeden irgendwie aus.

MY: Ich hatte keine Zeit dazu, mir andere Arbeitsbeispiele oder Handbücher anzuschauen. Aber ich habe von ein paar Naturkatastrophen und anderern Tragödien berichtet, und versuche aus meiner eigenen Erfahrung heraus, mit der jetzigen Situation umzugehen.

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AR: Wie wurden die sozialen Medien von Reportern und den Redaktionen genutzt und wie konnte die Information verifiziert werden?

Paige Cornwell: Soziale Medien waren sehr wichtig in dem Prozess, wie wir über das Ereignis berichtet haben und wie wir überhaupt an Informationen herangekommen sind. Am Tag des Erdrutsches wurden einige Anwohner in Snohomish County dazu aufgefordert, ihre Häuser zu evakuieren und sich in ein höheres Gebiet zu begeben. Die Angaben zur Evakuierung veränderten sich ständig, anhand von Twitter konnten wir die aktuellste Informationen abrufen. Da Institutionen wie der Wetterdienst und der Snohomish County Sheriff regelmässig Tweets veröffentlicht haben, konnten wir einfach unseren Twitterfeed anschauen, was viel Zeit gespart hat.

Ausserdem haben wir Plattformen wie Storify benutzt, über die ich Tweets und Facebook Posts finden konnte, die mit dem Erdrutsch zusammenhingen. Solche Inhalte haben wir nicht als verifizierte Information behandelt, aber es waren Anhaltspunkte, die wir verfolgen konnten.

RW: Wir benutzen die sozialen Medien häufig zum Berichten und Verteilen unserer Berichte. Wir erinnern unsere Reporter daran, früh und regelmässig zu tweeten. Gleichzeitig sagen wir, dass die Anforderungen an Twitter-Inhalte dieselben sind wie für Inhalte, die wir drucken oder online veröffentlichen. Wir verbreiten keine Gerüchte über Twitter. Wir haben einen Namen, hinter dem wir stehen müssen und unsere Leser erwarten, dass alle Informationen, die wir veröffentlichen, auch geprüft und verifiziert sind. In diesem Fall haben soziale Medien uns dabei geholfen, Profile der Opfer zu schreiben und Fotos zu finden. Wir haben soziale Medien häufig dazu benutzt, Quellen zu finden, die uns über die Opfer Auskunft geben konnten.

AR: Sind Reporter regelmässig abgelöst worden?

SN: Es gibt niemanden, der die ganze Zeit im Einsatz war. Aber das Unglück passierte ja an einem Samstagmorgen und dafür mussten wir extra Leute zum Dienst holen. Es ist erst Mittwoch (26. März), aber es fühlt sich an wie Freitag. Es hat viel gefordert und es werden uns Fehler passieren. Ich bin mir sicher, wir könnten noch bessere Entscheidungen treffen, aber wir probieren vor allem an die Auswirkungen auf unsere Gemeinschaft und aneinander zu denken.

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AR: Die Nachricht des vermissten malaysischen Flugzeugs dominiert die internationalen Medienberichte im Moment. Es gibt gewisse Parallelen. Wie geht man in der Berichterstattung damit um, wenn Leute immer noch als vermisst gelten? Entstehen dadurch andere Perspektiven?

RW: Natürlich war die Tatsache, dass viele Menschen nach dem Erdrutsch erstmal als vermisst gelten, ein wichtiger Teil der Geschichte. Es gab Berichte von 176 Vermissten. Da wurden viele Namen gedoppelt und manche als vermisst vermutet, die gar nicht vermisst waren. Seit Freitag ist klar, dass 36 verstorben und 7 vermisst sind.

Die ganze Verwirrung, die um die Anzahl der Vermissten und Verstorbenen entstand, hat es besonders wichtig gemacht, dass wir vorsichtig mit allen Informationen über vermisste Personen umgingen. Wir wollten die Zahlen nicht aufblasen, das Ereignis war schon tragisch genug. Wir haben probiert herauszufinden, wie die Zahlen erstellt wurden, um unseren Lesern den bestmöglichen Überblick zu geben, unter verwirrenden und emotionalen Umständen.

Wir haben auch darüber berichtet, warum es so schwierig für die zuständigen Behörden war, und warum es so lange gedauert hat, die Opfer zu bergen und zu identifizieren. Dabei haben wir nicht nur mit den Leuten vor Ort gesprochen, sondern mit Rettungshelfern aus dem ganzen Land, die schon bei ähnlichen Einsätzen waren.

NC: Es geht hier um Menschen, die im Schlamm vergraben sind. Wir wollen die Geschichte, aber nichts ist wichtiger, als den Familien gegenüber respektvoll zu sein.

SN: Was für eine Sprache, welche Ausdrücke benutzt man in diesem Moment? Wie beschreibt man, was gerade passiert? Wir besprechen uns untereinander, um sicher zu gehen, dass unsere Berichte mit dem übereinstimmen, was wir wissen konnten. Man will niemanden als Todesopfer nennen, wenn er noch als vermisst gilt.

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AR: Was ist die grösste Herausforderung an dieser Geschichte?

NC: Zeit zum Schlafen zu finden, Toiletten in abgelegen Orten zu finden, und nicht zu vergessen, zu essen. Wir arbeiten für viele Stunden bei so einem Ereignis. Ich habe Psychologie studiert und kenne mich damit aus, mit trauernden Menschen zu sprechen. Trotzdem zehrt es mich aus, wenn ich mit einem Dutzend Familien gesprochen habe, die alle weinen und mit dem Verlust einer geliebten Person umzugehen haben. Sie wollen, dass man ihnen zu hört. Danach muss man innerhalb des Teams aber auch den Schalter wieder umlegen können und nicht ständig auf Trauer eingestellt sein, sonst wird es einfach zu viel.

SN: Wir ziehen gerade mit der Redaktion um. Unsere Zeitung hat letztes Jahr den Besitzer gewechselt. Wir arbeiten in einer Redaktion, die bis vor ein paar Wochen keine war. Wir sitzen an Klapptischen und unsere Sachen sind noch in Kisten verpackt. Wenn man mal von einer Wahlnacht berichtet hat, kann man sich die Atmosphäre vorstellen, und dann kommt noch ein Erdrutsch dazu und Tage der Unsicherheit.

RW: Situationen wie diese sind chaotisch, vor allem am Anfang. Es war viele Tage lang chaotisch. Es war eine grosse Herausforderung, die Tragweite der Katastrophe richtig widerzuspiegeln. Wie ich schon sagte, das Katastrophengebiet war streng kontrolliert und der Zugang zu den Rettungskräften sehr begrenzt. Hinzu kam, dass es 60 Meilen von uns entfernt passiert ist und einige unserer Reporter und Fotografen dort ein paar Tage ohne vernünftige Unterkunft verbrachten. Ausserdem probieren wir auch eine “Watchdog” Rolle einzunehmen, um zu hinterfragen, wie so etwas passieren konnte. Wir haben darüber berichtet, dass Experten vor einem Erdrutsch gewarnt hatten.

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MY: Bei einer Geschichte wie dieser gibt es vor allem zwei Herausforderungen: Das emotionale Ausmass der Tragödie und wie wir dieses in Zusammenhang bringen in der Berichterstattung. Die Reporter und Fotografen vor Ort nehmen die Reaktionen, Ängste und Sorgen der Leute auf. Wir werden auch Zeugen der Verwüstung und der emotionalen Reaktionen darauf, wenn wir vor Ort sind. Wir müssen uns daran erinnern, weiter zu fragen und nicht nur über das offensichtlich Schockierende zu berichten, und wir müssen es menschlich machen. Ich bin am effektivsten, wenn ich meine eigenen Emotionen dabei bewusst leite und nicht abschalte.

Ein Nachteil der Berichterstattung war die grosse Anzahl der Medienleute, die sich in eine kleine Gemeinde wie Darrington begeben hat. So weit das Auge reichte, standen Kameramänner und Nachrichtensprecher rum. Jeder persönliche Moment, jegliche Bewegung wurde aufgenommen. Es kam sogar zu Beschwerden über Journalisten, die sich bei privaten Treffen reingeschlichen haben. Die Verbindung von Presse und Öffentlichkeit wurde dadurch beschädigt. Die Übersättigung an Presse in Darrington machte es schwierig, von dort aus Sicht der Leute zu berichten, sie haben ihr Vertrauen zu Journalisten verloren.

Als Lokaljournalist musste ich versuchen, mich von den anderen Journalisten abzuheben. Es war ein Drahtseilakt, zu wissen, wann ich insistieren und wann ich mich zurück halten musste. Einige Male musste ich es aufgeben, Bilder zu machen, um Angehörige oder Betroffene respektvoll zu behandeln. Wirklich gute Bilder waren selten, während ich an dieser Geschichte gearbeitet habe. Gleichzeitig ging es nicht mehr nur um Bilder, sondern darum, die Geschichte erzählen zu können.

Nach zwei Wochen harter Arbeit saß ich im Gemeinschaftszentrum in Darrington und der Bürgermeister kam zu uns rüber und machte ein Foto von der Gruppe Journalisten. Danach bedankte er sich für unseren Dienst für seine Gemeinde. Das war das erste mal, dass ich lächeln konnte in der ganzen Zeit.

Das wichtigste, was ich aus dieser Geschichte gelernt habe ist, dass wir als Journalisten vorsichtig, aber unermüdlich daran arbeiten müssen, der Öffentlichkeit durch unsere Geschichten zu dienen.

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AR: Zuletzt, Scott – gibt es einen Ratschlag den du an andere Journalisten weitergeben möchtest?

SN: Gestern hat ein sehr guter, junger Reporter aus Seattle in einem Tweet geschrieben, dass er überrascht war, weil ein Rettungshelfer von einem Hilfe-Service erzählt hat, der für die emotionalen Verletzungen, welche man in einer solche Katastrophe erleiden kann, zuständig ist. Der Rettungshelfer hat auch Journalisten angesprochen. Der junge Reporter hatte noch nie von so etwas gehört und ich habe ihm über Twitter von Dart erzählt.

Ich glaube,  dass wir alle, die über Trauma und Gewalt berichten und es weiterhin tun wollen, bewusst damit umgehen müssen und gut auf uns aufpassen müssen.