3C - Mensch bleiben

Posted on Apr 28, 2014

Voriges Kapitel:3B - Unsicherheit, Druck und Verfolgungswahn

Mensch bleiben

Ich gehe auch heute, nach einigen Jahren Erfahrung mit diesen Themen, fast immer mit Herzklopfen in die meisten Gespräche mit Opfern sexualisierter Gewalt. Und es ist gut, extrem aufmerksam zu sein, wenn man mit traumatisierten Menschen spricht. Ein beliebiges Wort kann das Gegenüber „antriggern“ und heftige Reaktionen auslösen. Gerade Opfer lang anhaltender sexualisierter Gewalt sind häufig sehr sensibel und haben feine Antennen dafür, ob sie beschwindelt werden, oder ob jemand es ehrlich mit ihnen meint. So einen Termin halbherzig wahr zu nehmen, kann sehr schnell zu einer Absage für die Berichterstattung führen.

Meine Erfahrung ist, das wird insbesondere die weitere Entwicklung der Recherche an Sabines Fall noch zeigen, dass Offenheit und Ehrlichkeit, neudeutsch „Authentizität“, die wichtigsten Faktoren im Kontakt mit Gewaltopfern sind. Ich kann mich nicht nur hinter Block und Bleistift, Kamera oder Mikrofon verstecken, sondern ich muss auch von mir etwas preis geben. Häufig sind die direkten menschlichen Regungen die besten: Erst mal etwas  zu trinken bestellen, die Umgebung thematisieren, das Eis brechen – dann aber auch deutlich aussprechen, warum man sich gerade trifft oder miteinander telefoniert. Es hängt sowieso im Raum, um was es geht, und dann sollte man auch nicht um den heißen Brei herum reden. Das schafft nur Unsicherheit und Unbehagen. Und es ist das Ziel, dass wir berichten, das sollten wir immer wieder deutlich thematisieren. Auch das schafft Klarheit.

Mehr noch: Viele Menschen mit schweren Lebensgeschichten klagen darüber, dass sie sich wie Aussätzige fühlen, weil ihre Umgebung mit ihnen nicht über das erlebte Leid sprechen will. Wir Journalisten aber müssen das tun, wenn wir darüber berichten wollen. Und die Betroffenen haben häufig den starken Wunsch, endlich sprechen zu können und endlich jemanden zu finden, der ihnen zuhört. Darum brauchen wir hier nicht zu vorsichtig zu sein.

Die richtigen Worte finden

Die Diskussion um „gute“ und „schlechte“ Formulierungen zu sexualisierter Gewalt füllt Bücherwände. Und meist gibt es kein eindeutiges, alle zufriedenstellendes Ergebnis. Nehmen wir das Wort „Opfer“. Unter Jugendlichen ist es inzwischen ein Schimpfwort, in der Frauenbewegung ist das Wort mehr und mehr verpönt, weil Frauen, die Gewalt erlebt haben, sich damit als hilflos und endgültig für ihr Leben abgestempelt dargestellt fühlen. Hier setzt sich gerade „Überlebende“ von sexualisierter Gewalt durch, analog zum englischen „Survivors“, aber das ist in deutschen journalistischen Texten noch sehr sperrig und ungewöhnlich. Gleichzeitig wollen z.B. viele der als Kinder missbrauchten Männer aus kirchlichen und anderen Institutionen, die seit 2010 u.a. durch den Canisius-Kolleg-Skandal ins Blickfeld der Öffentlichkeit gerückt sind, unbedingt endlich offiziell als Opfer anerkannt werden und kämpfen um diese Bezeichnung. Und zu welcher Richtung wir selbst auch tendieren: Wir müssen die berufsethische Frage beantworten, ob wir als Journalisten uns an diese Sprachvorgaben gebunden fühlen sollten. Ist es nicht unsere ureigenste Aufgabe, die richtigen Worte in unseren Berichten selbst zu finden?

Unbestritten ist sicherlich, dass wir als Journalisten besonders sensibel dafür sein sollten, dass die Worte, die wir wählen, bei unterschiedlichen Menschen unterschiedliche Assoziationen und Gefühle auslösen. Ich gehe inzwischen den Weg, mein Gegenüber bei den sensiblen Formulierungen einfach zu fragen, welches Wort ich verwenden soll. Das gibt mir nicht zuletzt auch die Gelegenheit, im Gespräch mit meinem Gegenüber zu begründen, warum ich bestimmte Worte z.B. in meinem späteren Bericht nicht verwenden kann oder will (z.B. das Wort „Erzeuger“ für einen missbrauchenden Vater, das viele Betroffene benutzen). Gleichzeitig schafft so eine Abstimmung eine Vertrauensbasis und macht immer wieder meine Rolle deutlich: Ich sitze hier als Journalistin, nicht als Freundin oder Helferin.

Das gleiche gilt übrigens für den richtigen Ort und den richtigen Zeitpunkt für ein Interview oder Vorgespräch: Fragen Sie ihr Gegenüber einfach, wo es sich wohl fühlt und wann es gut passt. Ausschlaggebend für ein gutes Gespräch ist eine gute Atmosphäre – auch wenn das vielleicht nicht zum gewünschten Redaktionsschluss für einen Bericht passt. Die meisten Redaktionen lassen sich vertrösten, wenn man ihnen deutlich macht, dass Gewaltopfer keine geübten und geschulten Politiker sind, sondern eine gute Gesprächssituation vor allem mit Ruhe und Zeit brauchen, um sich zu öffnen und ein authentisches Interview zu geben.

Die eigenen Emotionen

Meine eigenen Gefühle kann ich in den meisten Gesprächen kaum verbergen. Manchmal muss ich schlucken, wenn eine Gewalttat berichtet wird, außerdem sprechen notfalls meine Augen, vielleicht sogar Tränen, für sich. Meine Gefühle zu verbergen ist auch nicht nötig – die Betroffenen nehmen solche Zeichen meistens als Empathie wahr und fühlen sich ernst genommen. Ein kaltes, mechanisches Abhaken von Fragen, das manche Journalisten für professionelles Auftreten halten, ist viel schlimmer. So beschreiben es viele Betroffene.

Gleichzeitig sollten wir als Fragesteller uns aber nicht in den Mittelpunkt solcher Gespräche stellen. Der Satz „Ich brauche jetzt mal eine Pause“ von einem Journalisten mitten im Interview ist meistens in Ordnung – auch als Notlüge, um eine angespannte Stimmung aufzulösen. „Ich weiß, wie Sie sich fühlen, denn ich habe selbst ein ähnliches Erlebnis gehabt“ ist unangemessen. Nicht der Journalist oder die Journalistin stehen bei diesem Gespräch im Mittelpunkt, sondern der/die Interviewpartner/in. Die Rollenverteilung ist eindeutig und muss klar bleiben, das empfinden die meisten Gewaltopfer als sehr wichtig. Die Erfahrung zeigt übrigens, dass auch extreme Gewalttäter selten die Kontaktpersonen ihrer Opfer bedrohen – es wäre viel zu gefährlich für sie, sich offen zu zeigen. Ein direkter Angriff wäre der beste Beweis, den sie liefern könnten. Verfolgungswahn ist also unangebracht und auch kein guter Ratgeber für die journalistische Arbeit. Wie viel Vorsicht im Einzelfall angemessen ist, kann und sollte man vielleicht auch in Gesprächen mit erfahrenen Kolleginnen und Kollegen oder anderen Fachleuten (z.B. Beratungsstellen, ggf. Polizei und Therapeuten) diskutieren.

 

Weiterführende Materialien: