4A - Der blinde Fleck / Der Eklat

Posted on Apr 28, 2014

Voriges Kapitel:3C - Mensch bleiben

Der blinde Fleck

Es war ein Mittwoch im Juni. Die Sonne schien, der Wind war schon recht lau und ich trat aus dem Gebäude unserer örtlichen Tageszeitung in die Fußgängerzone. Mal wieder hatte ich nach Artikeln über bestimmte Ereignisse aus dem Gemeindeleben von Sabines Vater gesucht, war teilweise fündig geworden, anderes hatte offensichtlich damals keinen Journalisten genug interessiert , um darüber zu schreiben. Eigentlich war also alles gut.

Woher der Gedanke kam, der mir plötzlich durch den Kopf flog, weiß ich nicht mehr. Er war einfach da. „Was passiert eigentlich, wenn Du starke Gegenbeweise findest? Wenn Du vielleicht entdeckst, dass jemand, an den sie sich erinnert, zu diesem Zeitpunkt schon verstorben war oder ein anderer vielleicht nie existiert hat? Wenn das Puzzle sich so zusammen fügt, dass die Ereignisse so gar nicht hätten passieren können? Was willst Du dann tun? Sabine informieren? Gibst Du Deine Widersprüche dann ihr gegenüber genauso preis, wie Du das mit Deinen gefundenen Bestätigungen getan hast? Oder musst Du sie dann schonen? Wie wird sie es aufnehmen?“

Ich bekam Herzklopfen – und erkannte, dass ich tatsächlich sehr stark die Rolle der Privatdetektivin in Sabines Auftrag eingenommen hatte. Ich hatte meine Rechercheergebnisse regelmäßig mit ihr geteilt – es war doch auch ihre Lebensgeschichte, an der ich arbeitete. Das funktionierte, so lange alles gut war. Aber was würde passieren, wenn ich diejenige war, die ihr sagen musste „Du bildest Dir das alles nur ein.“ Ich bekam Angst und fühlte mich plötzlich völlig verantwortlich für die Folgen so einer Nachricht.

Der Eklat

Mir fiel nur ein Ausweg ein: Ich rief sie an und versuchte, mit ihr über diese Situation zu sprechen. „Ich habe noch keine Gegenbeweise gefunden“, sagte ich ihr, „es ist alles soweit gut. Aber was sollen wir tun, wenn ich Gegenbeweise finde? Soll ich Ihnen das dann einfach sagen? Lieber schriftlich? Über Ihren Anwalt? Oder im Beisein einer Therapeutin, die Sie vielleicht auffangen kann?“

Sabine reagierte wie immer gefasst und abgeklärt. „Ach was“, sagte sie, „das ist doch kein Problem. Ich habe das doch immer einkalkuliert, sonst hätte ich doch gar nicht mit Ihnen zusammen gearbeitet. Wenn das passiert, dann sagen Sie es mir einfach – ich komme schon damit klar.“ Ich legte beruhigt auf.

Eine Woche später klingelte mein Telefon. Sabine. Sie war völlig aufgelöst. Wütend schrie sie mich an: „Sie zweifeln an meinen Erinnerungen! Sie arbeiten nicht auf meiner Seite! Ich will nicht, dass Sie sich auch nur eine Sekunde länger mit meinem Fall beschäftigen! Ich entziehe Ihnen mein Vertrauen!“  Und dann schmiss sie den Hörer auf und verweigerte auch in den kommenden Wochen jedes weitere Gespräch.