4B - Wem gehört die Recherche?

Posted on Apr 28, 2014

Voriges Kapitel:4A - Der blinde Fleck / Der Eklat

 Wem gehört die Recherche?

Sabines Wutausbruch machte mir deutlich, wie sehr ich mich auf sie verlassen hatte. Ich hatte das Gefühl, auf Augenhöhe mit ihr an meinen Recherchen zu arbeiten, und jetzt kündigte sie einseitig diesen „Vertrag“ auf, ohne mir die Chance zu geben, mich zu rechtfertigen. Gab es keine Augenhöhe? Oder galt sie nicht für beide Seiten? Wie viel Macht haben die Menschen, über deren Schicksale wir berichten, über uns und unsere Arbeit? Konnte sie bestimmen, ob ich weiter recherchiere oder nicht? Durfte sie mir einfach so die Arbeitsgrundlage entziehen?

Ich fühlte mich ausgenutzt und betrogen um die Zeit, um die Fachkompetenz, mit der ich mich in ihren Fall hinein gekniet hatte. Diese Gefühle überraschten mich – Sabine war doch „das Opfer“ in unserer Rollenverteilung.  Durfte ich jetzt sauer auf sie sein? Hatte sie nicht das gute Recht, frei zu entscheiden, ob sie ihre Lebensgeschichte veröffentlicht sehen will oder nicht? Hatte ich ihr das nicht gleich beim ersten Treffen versprochen, dass ich keine Initiative übernehme, die sie nicht will? Hatte ich ihr damit zu viel Einfluss eingeräumt? Durfte ich jetzt trotzdem weiter machen? Ansätze hätte ich noch genug gehabt…

Vor allem anderen verletzte mich die Begründung für ihren Wutausbruch. „Sie arbeiten gegen mich, sie zweifeln an meiner Glaubwürdigkeit.“ In meiner Wahrnehmung war es genau anders herum: Ich hatte mich intensiv bemüht, ihre Glaubwürdigkeit zu untermauern. Und ich hatte bis zu diesem Eklat nichts gefunden, was an ihren Erinnerungen zweifeln ließ – wahrscheinlich stimmte also alles. Und darüber sollte ich dann jetzt nicht mehr schreiben dürfen? Nur, weil ich bis zu meinem plötzlichen Gedanken an diesem Juni-Mittwoch einen großen blinden Fleck dafür gehabt hatte, dass meine Rechercheergebnisse ja auch anders hätten ausgehen können, und ich das angesprochen hatte? Das fand ich sehr unfair – und eine verschenkte Chance, die Wahrheit ans Licht zu bringen!

Stattdessen wurde ich Und jetzt wurde ich dafür abgestraft, dass ich zu klären versucht hatte, die Folgen für Sabine abzumildern? Was für eine Ungerechtigkeit! Oder hatte ich mit meinem Anruf tatsächlich eine professionelle Grenze überschritten? War ich ihr einfach nur zu Nahe getreten? Oder war sie so wütend auf mich, weil ich ihren eigentlichen, anfangs unausgesprochenen Auftrag, ihre Privatdetektivin zu sein, in diesem Moment erstmalig und aus journalistischer Sich nicht brav erfüllt hatte? Weil ich mich nicht mehr instrumentalisieren ließ?

 

Fragen Sie sich selbst:

  • Ist es ein Fehler oder eine moralische Verpflichtung, die Erkenntnisse über die Recherchen zu einer Lebensgeschichte mit der Person zu teilen, dessen Geschichte man recherchiert?
  • Wie viel Mitspracherecht räumen Sie Ihren Interviewpartner/innen ein? Haben Sie Situationen erlebt, wo Sie von Ihren eigenen Regeln abgewichen sind?
  • Wie würden Sie die Frage beantworten, wem Ihre Rechercheergebnisse „gehören“?