4C - Der Rat von Dritten

Posted on Apr 28, 2014

Voriges Kapitel:4B - Wem gehört die Recherche?

Der Rat von Dritten

Und wieder konsultierte ich verschiedene Kolleginnen und Kollegen. Die professionelle Rückmeldung aus der Redaktion war: „Du kannst nichts tun. Ohne Deine Haupt-Protagonistin kannst Du Deinen Bericht nicht machen, egal, was Du bei weiteren Recherchen heraus bekommen würdest. Es ist schade um die unzähligen Stunden investierter Arbeit, aber leider nicht zu ändern. Du musst sofort aufhören, noch mehr Energie in diese Recherche zu stecken.“

Rückfragen bei nicht beteiligten Trauma-Experten ergaben auch aus psychologischer Sicht: So etwas ist eine sehr oft zu beobachtende Reaktion – Opfer schwerer Gewalt haben häufig ein enormes Misstrauen und reagieren sehr heftig, wenn sie sich betrogen fühlen. Die meisten haben ein starkes Schweigegebot von den Tätern eingebläut bekommen: „Du darfst niemals mit jemandem darüber sprechen, was passiert ist, und wenn Du es doch tust, wird Dir niemand glauben.“ Und in diese Schublade passte ich mit meinem Anruf perfekt hinein.

Der Rat an mich von therapeutischer Seite war ebenso eindeutig: „Halten Sie sich unbedingt an die vorher getroffene Absprache, nichts gegen Sabines Willen zu unternehmen. Alles andere kann sie erneut traumatisieren, weil sie damit wieder die Erfahrung macht, dass sie niemandem trauen darf.“ Schweren Herzens habe ich diese Recherche dann also zu den Akten gelegt – vorläufig.

Meine Konsequenzen

Ich hatte das Risiko, dass Sabine ihre Geschichte zurückzieht und mir die Zusammenarbeit aufkündigt, im Vorfeld nicht ein einziges Mal einkalkuliert. Ich hatte damit gerechnet, dass ich zu wenige Fakten finde, die einen Bericht rechtfertigen würden, oder dass sich Redaktionen vielleicht nicht an diesen Fall heran wagen – aber ich hatte keine Sekunde darüber nachgedacht, wie wichtig Sabines Kooperation für meine Recherchen war und dass sie selbst ein Unsicherheitsfaktor sein könnte.

Das ist wohl das wichtigste, das ich aus der Erfahrung mit Sabine gelernt habe. Ich spreche diese Risiken inzwischen gleich beim Erstgespräch mit Betroffenen deutlich an. Ich erkläre, dass ich die Anschuldigungen, die sie erheben, natürlich kritisch prüfen muss und werde. Dass ich aber keinen Schritt, insbesondere in Richtung ihrer Familie bzw. in Richtung der potenziellen Täter  machen werde, ohne das vorher mit ihnen zu besprechen. Ich frage sie ausdrücklich, ob sie mit meiner Arbeitsweise, dass ich auch nach Gegenbeweisen suchen muss, umgehen können und gebe meist dafür ein paar Tage Bedenkzeit. Ausschließen kann ich einen späteren Eklat natürlich nicht, aber ich kann das Risiko verkleinern.

Zweitens gebe ich bei sehr persönlichen Berichten meist die Möglichkeit, dass die Betroffenen meinen Bericht vor der Veröffentlichung zu lesen, zu hören oder zu sehen bekommen. Eigentlich widerspricht das der journalistischen Berufsethik, das weiß ich. Trotzdem gehe ich so vor, weil es ebenso zu meiner Ethik gehört, dass die Lebensgeschichte eines anderen nicht mir gehört. Und ich habe häufig die Erfahrung gemacht, dass schon ein kleines falsches Detail in einer Veröffentlichung bei Betroffenen das Gefühl auslösen kann, um die eigene Wahrheit betrogen worden zu sein. Ich spreche mit ihnen im Vorfeld darüber, dass es eigentlich nicht üblich ist, die Berichte vorher zu zeigen, und warum ich trotzdem so vorgehe. Natürlich gehe ich damit das Risiko ein, dass mein Gegenüber Einfluss auf den Bericht nehmen will und damit droht, die Erlaubnis zurück zu ziehen, wie Sabine es getan hat. Aber seit ich im Vorfeld diese Vereinbarung treffe und die Vorgehensweise transparent mache, ist mir das nie wieder passiert.

Drittens habe ich die Frage „Warum erzählen Sie mir das? Warum sprechen Sie mit mir und nicht mit der Polizei?“ ebenfalls zu einer meiner Pflichtfragen beim Erstkontakt gemacht. Die Antworten darauf sind vielfältig und überraschen mich immer wieder. Aber sie verdeutlichen die Hoffnungen, die die Personen in mich setzen, und wir können uns zu einem sehr frühen Zeitpunkt darüber unterhalten, ob ich das erfüllen kann oder nicht. Wir klären die jeweiligen Haltungen, mit denen wir in diese Zusammenarbeit gehen, und diese spiegeln sich auch häufig in den späteren Berichten und Texten wider. Für mich hat sich diese Klärung bisher immer als hilfreich erwiesen – und ich bekommen oft die Rückmeldung, „Ihre Klarheit hat mir von Anfang an mir sehr gut getan.“

Wie weiter machen?

Natürlich hatte ich auch als erste Reaktion auf Sabines Absage den Gedanken, „so etwas mache ich nie wieder!“ Aber das hat nicht lange gehalten. Ich bin davon überzeugt, dass Berichte über sexualisierte Gewalt geschrieben, gepostet und gesendet werden müssen, damit wir die Taten aus den Tabuzonen heraus holen und ein gesellschaftlicher Druck entsteht, etwas dagegen zu tun. Nach dem ersten Wunden-Lecken nach dem Eklat mit Sabine zog ich also die Konsequenz, möglichst viel aus diesem Fiasko zu lernen.

Zwei Jahre nach diesem Eklat erhielt ich die Anfrage, über Hürden und Schwierigkeiten bei Recherchen zu sexualisierter Gewalt ein Radiofeature für den WDR zu machen. Sabine war dabei eine meiner intensivsten und wegweisendsten Erfahrungen – aber sie hatte mir doch verboten, jemals darüber zu berichten. Durfte ich diesen Fall also in das Feature mit aufnehmen?

Es war mein damaliger Redaktionsleiter der mich auf die Antwort brachte, die es mir auch ermöglicht, diesen Artikel hier zu schreiben: „Sabine hat ein Persönlichkeitsrecht an ihrer eigenen Lebensgeschichte und sie kann Dir selbstverständlich die Zustimmung entziehen, darüber zu berichten. Das ist ihr gutes Recht. Aber sie kann Dir nicht das Recht nehmen, über Deine eigene Geschichte mit ihr zu berichten. Über Deine Arbeit, die Du in ihren Fall investiert hast, über Deine Zweifel, Deine Gefühle und Erfahrungen.“

Mit dieser Haltung habe ich das Radiofeature gemacht. Und reflektierende journalistische Artikel – wie zum Beispiel dieser hier – sind für mich ethisch vertretbar. Namen und Details ihrer Geschichte habe ich dabei angemessen verändert.