1A - Das erste Treffen

Posted on Apr 28, 2014

Voriges Kapitel:Fallstudie "Sexualisierte Gewalt"

Das erste Treffen

Sabines Vater (Wir haben Namen und Details zur Anonymisierung verändert) war Pastor. Er hatte 10 Jahre lang eine Stadtrand-Gemeinde geleitet, dann zog er mit seiner Familie in ein anderes Bundesland. Ende der Siebziger Jahre wurde er pensioniert. Als Sabine Kontakt zu mir aufnahm, war er gerade verstorben. „Ich kann jetzt darüber sprechen, weil ich sicher bin, dass er mir nichts mehr tun kann“, sagt sie und nimmt einen Schluck Kaffee. Als sie aus der Tasse hoch blickt, funkeln ihre Augen vor Wut. „Aber ich will ihn jetzt anzeigen. Und all die anderen Kerle auch.“

Sabine wirkt aufgeräumt, klar, sehr strukturiert und sachlich. Mit ruhiger, nur manchmal bebender oder stockender Stimme erzählt sie mir von ihrer Kindheit. Sie erinnert sich nicht nur an sexuelle Misshandlungen durch ihren Vater, sondern er habe sie auch anderen Gemeindemitgliedern „zur Verfügung gestellt“. Es habe regelmäßige „Gruppentreffen“ gegeben, in denen sie auch nicht das einzige Kind gewesen sei.

Sie schildert Szenen voller Gewalt und Erniedrigung. Ich beginne mich zu ekeln und würde am liebsten umschalten – aber dies ist kein Film. Sabine sitzt mir in Fleisch und Blut gegenüber. Ich versuche, ruhig zu bleiben, schreibe Details und Rechercheansätze mit, frage professionell nach. Mein Block und mein Stift schirmen mich ein bisschen ab vor dem, was sie leise, aber in voller Klarheit erzählt. Eigentlich will ich es gar nicht glauben, aber sie erzählt immer weiter und beantwortet meine Fragen. Sie geht nicht weg, also tue ich es auch nicht.

Außerdem sind wir nicht allein: außer uns beiden sitzt noch Sabines Anwalt mit am Tisch. Ich kenne ihn seit einigen Monaten aus anderen Recherchen zu sexualisierter Gewalt gegen Frauen und Kinder. Diesmal ist er auf mich zugekommen und hat das Treffen mit Sabine arrangiert. „Ich vertraue Ihnen, deshalb wollte ich, dass Sie Sabine kennen lernen“, sagt er. „Wir haben es hier mit einer Situation zu tun, die an Dutroux und andere, ähnliche Fälle erinnert.“ Und mit den sachlichen Schlagworten eines Juristen reißt er mich aus meinen Emotionen: „Wir sprechen über Vergewaltigung, Nötigung, Kindesmisshandlung, Körperverletzung, Freiheitsberaubung, in Dutzenden von Fällen, mit mehreren Tatverdächtigen und teilweise gemeinschaftlich begangen – im Grunde sprechen wir über organisierte Kriminalität. Der Vater ist inzwischen verstorben – aber andere Mittäter und vor allem auch Mitwisser leben wahrscheinlich noch. Wir“, und bei diesem Wort blickt er kurz zu Sabine hinüber, „bereiten gerade eine Strafanzeige vor.“