1B - Zweifel, Skepsis, Mitgefühl

Posted on Apr 28, 2014

Voriges Kapitel:1A - Das erste Treffen

Zweifel, Skepsis, Mitgefühl

Ich war völlig durcheinander, als ich nach dem Termin mit Sabine und ihrem Anwalt nach Hause fuhr. Heute weiß ich, dass ich normal und menschlich reagiert habe: Mit einer wilden Mischung aus Abscheu und Faszination, aus Empathie, Mitgefühl und Wut mit einer großen Portion Zweifel und Skepsis. Ein Teil von mir hätte das Treffen am liebsten aus der Erinnerung gestrichen. Zu grausam waren meine inneren Bilder, zu nah kam mir das, was Sabine erzählt hatte. Die sexuellen Handlungen, von denen Sabine mir berichtet hatte, waren detailreich und grausam. Es war beschämend, das anzuhören – über so etwas „spricht man eigentlich nicht“, schon gar nicht öffentlich in einem Cafe. Es waren Dinge, die ich überhaupt nicht wissen wollte, Bilder, die ich in meinen Träumen nicht haben wollte. Wie sollte ich jemals angemessen darüber berichten? Wie sollte ich die richtigen Worte für meine Redaktion und mein Publikum finden? Das alles überforderte und blockierte mich.

Und gleichzeitig bäumte sich die Journalistin in mir gegen diese Fluchtreflexe auf: „Bin ich nicht angetreten, um Skandale aufzudecken und über das Unsagbare zu schreiben? Darf ich jetzt einfach weg gucken, nur weil ich mich der Aufgabe nicht gewachsen fühle?“ Ich fühlte eine große Verpflichtung, mich an die Recherchen zu begeben. Sabines Aussagen hatten mich wütend gemacht. Sie wirkte so glaubwürdig, so authentisch, dem konnte ich mich nicht entziehen. Es ging immerhin um einen Pastor, eine öffentliche Person in meiner Stadt, und um Mittäter/innen und Mitwisser/innen, die vielleicht noch leben und weiter Kinder misshandeln. Gehörte es nicht zu meinen Aufgaben, in der Stadt, in der ich lebte, hinzuschauen und nach der Wahrheit zu suchen, genau dann, wenn andere wegschauen?

Und gleichzeitig war da dieser große Zweifel, der Sabine einfach nicht glauben wollte. „So etwas kann es doch gar nicht geben! Dutroux ist in Belgien, und nicht hier! Nicht in meiner Nachbarschaft!“ Und wenn doch…?

 

Fragen Sie sich selbst:

  • Wo sehen Sie Ihre eigenen Grenzen bei diesem Thema? Würden Sie es annehmen? Welche Stimmen gibt es in Ihnen dazu?
  • Was könnten mögliche nächste Schritte sein?
  • Haben Sie im Kollegenkreis oder privat ein Netzwerk von Menschen, mit denen Sie über berufliche Dilemmas sprechen können?