1C - Vom Menschen zur Journalistin

Posted on Apr 28, 2014

Voriges Kapitel:1B - Zweifel, Skepsis, Mitgefühl

Vom Menschen zur Journalistin

Um das Chaos in mir aufzulösen, bin ich einem Reflex gefolgt und habe eine Kollegin angerufen. Sie hat mir geholfen, die Eindrücke zu sortieren. Insbesondere hat sie mich bestärkt, auf meine Impulse von Zweifel und Skepsis zu hören, die ich am liebsten gar nicht gehabt hätte – schließlich weiß man doch, dass diese Haltung „Das gibt es nicht vor meiner Haustür“ der beste Schutz der Täter ist! Aber sie nahm mir mein schlechtes Gewissen, dass ich so etwas überhaupt denken konnte: „Zweifel und Skepsis, das sind die wichtigsten journalistischen Tugenden“, hat sie mir damals gesagt. „Bleib dabei, nimm sie ernst, und geh an die Arbeit, sie zu überprüfen. Das ist Deine Aufgabe.“

Damit hat sie mir geholfen, meine menschliche Abwehr-Reaktion in eine notwendige Arbeitstechnik zu verwandeln. Mit diesem Satz bekam ich mein professionelles Handwerkszeug zurück.

Besondere Fragestellungen bei Berichten über sexualisierte Gewalt

Sexualisierte Gewalt, so habe ich im Zuge meiner Recherchen zu diesem Thema gelernt, ist eine besondere Herausforderung für  die Berichterstattung. Fälle wie der von Sabine gehen auch hartgesottenen Journalisten unter die Haut – insbesondere, wenn Kinder betroffen sind. Aber es gibt auch darüber hinaus noch weitere Unterschiede zu anderen Themen. Das wird deutlich, wenn wir Berichte über sexualisierte Gewalt z.B. mit der Berichterstattung über Naturkatastrophen vergleichen.

Glaubensfragen?

Ein Unterschied liegt auf der Hand: Bei Naturkatastrophen sind Journalistinnen und Journalisten häufig als Augenzeugen vor Ort und können entsprechende Reportagen liefern. Die Folgen sind sichtbar, können besucht, fotografiert, gefilmt und „besichtigt“ werden. Bei sexualisierter Gewalt hingegen geht es um den intimsten Lebensbereich der beteiligten Menschen. Es geht um Dinge, die hinter verschlossenen Türen geschehen, von denen nur die Beteiligten selbst wissen, was wirklich geschah. Und bei denen zumindest eine der beteiligten Personen, der Täter oder die Täterin, ein großes Interesse daran hat, dass nichts davon bekannt wird, was unsere Recherchearbeit entsprechend erschwert.

Bei sexualisierter Gewalt sind wir keine Augenzeugen. Wir können wir nur im Nachhinein, oft Jahrzehnte später, berichten und haben das, was uns die Beteiligten erzählen, als einzige Quelle. Unsere Sicherheit als Journalisten finden wir aber immer in einem mindestens Zwei-Quellen-Prinzip – das gibt es bei sexualisierter Gewalt nicht. Also stehen wir vor einem ähnlichen Problem wie die Gerichte: Finden wir „neutrale“ oder „objektive“ Fakten, auf die wir uns berufen können? Oder haben wir es zwangsläufig mit einer „Glaubensfrage“ zu tun, ob wir die Schilderungen für glaubwürdig halten?

Im Fall von Sabine sah die Lage etwas anders aus: Sie erinnerte sich an viele Details, an Orte, Zeitpunkte, Namen, die ich überprüfen konnte. Ein Glücksfall! Und gleichzeitig ein Teil der Verpflichtung, den Fall nicht einfach beiseite zu schieben. Die „Detektivin“ in mir war angesprochen, meine Recherche-Reflexe setzten ein und ich machte mir Listen, was ich wo überprüfen konnte.

Intimität und Scham

Die zweite große Hürde war schon schwieriger zu überwinden: Mein starker Wunsch, davon eigentlich gar nichts wissen zu wollen. Das, so habe ich inzwischen gelernt, hat viel mit Tabus und Schamgefühl zu tun. Ein Tabu wie „darüber spricht man aber nicht“ ist stark und wirkt häufig unterbewusst, nicht nur individuell, sondern auch für eine ganze Gesellschaft. Die Scham führt dazu, dass wir wegschauen, über etwas hinweg gehen, ein Thema meiden und die peinliche Situation schnell wieder vergessen können, wenn wir nur ganz schnell den Kopf in den Sand stecken. Dies ist eine menschliche Reaktion – aber sie kann, wie in meinem Fall, in einen starken Konflikt mit unserem journalistischen Selbstverständnis geraten.

Journalisten oder auch „die Medien“ spielen eine große Rolle bei der Enttabuisierung von sexualisierter Gewalt. In den 1970er Jahren wurde Kindesmissbrauch stark angezweifelt – nicht zuletzt dank der wiederholten Medienberichterstattung wird heute öffentlich und offiziell „hingeschaut“. Es ist ein gesellschaftlicher Druck entstanden. Gesetze (z.B. gegen häusliche Gewalt oder Vergewaltigung in der Ehe) wurden überarbeitet, Programme zur Stärkung von Kindern werden finanziert und es gibt heute flächendeckend spezialisierte Beratungsstellen. Wir erfüllen also mit unserer Berichterstattung nicht nur eine individuelle, sondern auch eine gesellschaftsverändernde Aufgabe. Nicht zuletzt finden und prägen wir eine Sprache, in der es möglich ist, über das Tabu-Thema sexualisierte Gewalt zu sprechen. Wir durchbrechen die Sprachlosigkeit, die mit einem Trauma oder dem Bruch eines Tabus einher geht.

Und dennoch bleibt die Kernfrage eine individuelle: Sollen, müssen wir aus unserem journalistischen Auftrag heraus über unsere eigenen Schamgrenzen hinweg gehen, uns überwinden? Oder haben wir ungeachtet all dieser moralischen Verpflichtungen trotzdem das Recht, „Nein“ zu sagen, wenn wir uns nicht wohl dabei fühlen?

Die Antworten auf diese Frage kann keine journalistische Ethik geben, sondern das muss jeder für sich selbst entscheiden. Mit welchem Selbstverständnis trete ich in diesem Beruf an? Will ich mich diesen Fragen stellen? Was riskiere ich, wenn ich es wage? Oder weiß ich jetzt schon, dass ich dem ganz gewiss nicht gewachsen bin? Dann muss es mir individuell auch erlaubt sein, „Nein“ zu sagen – denn es würde sowieso kein guter Bericht dabei heraus kommen.

Wenn wir uns dieser Aufgabe stellen und einen solchen Bericht in Angriff nehmen, führt uns das direkt in das nächste Dilemma: Können wir eine objektive oder neutrale Haltung einnehmen, obwohl wir so stark berührt sind? Wie finden wir wieder das richtige Maß, die richtige Sprache? Wie kommen wir in eine sachliche, journalistische Distanz? Und werden die Berichte dadurch besser, wenn wir versuchen, unsere eigenen Emotionen außen vor zu lassen?

Und unsere emotionale, empathische Beteiligung wirft weitere Fragen an unsere Berufsethik auf: Meistens sind es die Opfer, die uns das große Vertrauen schenken, uns ihre Berichte anzuvertrauen. Fühlen wir uns ihnen dadurch verpflichtet? Berücksichtigen wir ausreichend, dass Täter wie Opfer, unsere einzigen Quellen, sehr starke eigene Interessen haben können? Müssten wir im Sinne journalistischer Fairness nicht auch mit den Tätern sprechen? Beachten wir das sonst übliche „Zwei-Quellen-Prinzip“ in unseren Recherchen? Vorverurteilen wir die Täter – die ja häufig, wie in Sabines Fall, nicht juristisch verurteilt worden sind und somit als unschuldig zu gelten haben? Kurz: Mit welcher Haltung gehen wir an diese Berichte heran? Sind wir journalistisch neutral, oder ergreifen wir Partei?

Der Rechercheeinstieg

All diese Dilemmas rumorten in meinem Bauch, gewonnen hat aber die Wut auf die (potenziellen) Täter. Wenn es diese Taten gegeben hatte, dann wollte ich nicht auch zu denen gehören, die weggeschaut haben. Ich klammerte mich an die Fakten, die ich beweisen oder widerlegen konnte: Namen, Daten, Details von Orten, Zeitpunkten und Personen. Sabine hatte mir von vielem berichtet, was sich gegenrecherchieren ließ, um erst einmal zu schauen, wie verlässlich ihre Erinnerungen an ihre Kindheit waren. Früher oder später würde ich sicher auch mit diesen potenziellen Tätern sprechen müssen, aber das konnte ich beiseiteschieben. Das sehen wir dann. Erst einmal wollten mehrere Seiten voll konkreter mitgeschriebener Rechercheansätze abgearbeitet werden. Also machte ich mich an die Arbeit.