2A - Tief eingestiegen

Posted on Apr 28, 2014

Voriges Kapitel:1C - Vom Menschen zur Journalistin

Tief eingestiegen

Da es um schwere Vorwürfe gegen die potenziellen Täter ging, musste ich vorsichtig sein, nicht zu früh auf mich aufmerksam zu machen. Außerdem sollte ja noch Strafanzeige erstattet werden, und ich wollte keine Ermittlungen der Polizei gefährden. Also arbeitete ich mich quasi von außen nach innen: Ich überprüfte erst mal die von Sabine genannten Kalenderdaten und Schulferien in den 1970er Jahren, besuchte Stadtviertel und Orte, von denen Sabine gesprochen hatte, und wälzte alte Adressbücher im Stadtarchiv, um bestimmte Namen und damalige Adressen zu finden.

Kleine „Notlügen“ (investigative Journalisten nennen es „Legenden“) öffneten mir die Türen zu einigen nicht öffentlich zugänglichen Archiven. Unter dem Vorwand, ein Klassentreffen organisieren zu wollen zum Beispiel, habe ich Klassenbücher in Schulkellern gesichtet und nach Fehlzeiten oder Einträgen über Sabine gesucht. Ich habe endlose Meter an Mikrofilmen von Tageszeitungen durchkämmt, um Berichte über Sabines Vater und seine Pastorenzeit in unserer Stadt zu finden. Auch wenn viele Unterlagen nicht mehr vorhanden waren: Bei allem, was ich nach so langer Zeit noch prüfen konnte, konnte ich fast alle Details bestätigen. Das untermauerte Sabines Glaubwürdigkeit.

Auch, dass sie erst nach so vielen Jahren über ihre Erlebnisse sprechen konnte, ließ sich wissenschaftlich erklären, erfuhr ich von einer Therapeutin. „Das Gehirn gibt traumatisierende Erfahrungen häufig erst nach langer Zeit wieder frei“, erklärte sie mir. Und Sabines Argument, jetzt erst könne ihr Vater ihr nichts mehr tun, fand ich nachvollziehbar.

Selten aufgetaucht

Immer wieder musste ich Sabines Unterlagen weglegen, um mit anderen Themen meinen Lebensunterhalt zu verdienen. Als freie Journalistin war es mein eigenes Risiko, mit dieser Recherche vielleicht auch gar nichts zu erreichen und die Zeit umsonst investiert zu haben. Aber ich habe die Akten auch immer wieder zur Hand genommen und bin dran geblieben. Der Sog war enorm. Sabine hatte mich einfach sehr überzeugt und ich hatte das Gefühl, mein Handwerkszeug als Journalistin nach vielen Jahren voller Berichte über den grauen Lokalredaktions-Alltag endlich sinnvoll einsetzen zu können.  Auch das hat mich sehr motiviert.

Freunde und Kollegen schüttelten den Kopf darüber, mit wie viel Eifer ich bei der Sache war. „Du lässt Dich auf diese Recherchen viel zu intensiv ein. Du wirst betriebsblind. Du verlierst die Distanz. Und Du investierst viel zu viel Energie, obwohl Du nicht weißt, ob es je zu einem Bericht darüber kommt“, warten sie mich, aber ich wollte damals nicht auf sie hören. Da sich immer mehr Fakten aus Sabines Erinnerungen bestätigten, stieg ich auch immer tiefer ein. Ich bekam eine Art „Jagdfieber“.

In der Redaktion hatte ich emotionale und fachliche Rückendeckung, konnte hin und wieder mit Kollegen bestimmte Rechercheergebnisse durchsprechen. Diese Gespräche in der Redaktion waren sehr hilfreich für mich. Denn meine Kolleginnen und Kollegen konfrontierten mich immer wieder mit äußerst unangenehmen, aber heilsamen Nachfragen.