2B - Drei kollegiale Fragen

Posted on Apr 28, 2014

Voriges Kapitel:2A - Tief eingestiegen

Drei kollegiale Fragen

Wenn ich gegenüber meinen Kolleginnen und Kollegen stolz meine Ergebnisse präsentierte, wenn ich wie elektrisiert erzählte, wie es mir gelungen war, Sabines Erinnerungen auf vielfältige Weise zu bestätigen, fragten sie ernüchternd nach: „Und was hast Du damit bewiesen? Gab es den sexuellen Missbrauch nun, oder nicht? Hast Du Beweise gegen den Pastor oder die Gemeinde gefunden?“ Nein, die hatte ich nicht. Ich musste mir eingestehen: Ich hatte viel Energie in Nebenschauplätze investiert und die Argumente des Anwalts aus den Augen verloren. Vergewaltigung, Nötigung, Kindesmisshandlung, organisierte Kriminalität.

Ein zweiter, sehr wesentlicher Aspekt dieser Gespräche war: Während ich mich immer mehr in nachprüfbare Details und Fakten verstrickte, zur Expertin für Sabines Lebensgeschichte wurde, holten meine Kolleginnen und Kollegen mir immer mal wieder die anfangs so starken emotionalen Aspekte des Themas zurück ins Bewusstsein. „Wie schrecklich, Du erzählst mir jetzt zum dritten Mal davon, aber ich mag das einfach gar nicht glauben“, oder „Schläfst Du eigentlich gut damit? Ich hätte bestimmt Albträume…“ Die Gefühle, die ich am Anfang mit Sabines Geschichte verband, hatte ich irgendwo verloren – was war aus meiner Abscheu und meiner Wut geworden? Warum berührten mich die Details von Sabines Schilderungen nicht mehr? Stumpfte ich ab? War das eine normale Reaktion, oder sollte ich mir darüber Sorgen machen?

Und die dritte Frage, die mich an einen Wendepunkt brachte, kam erst nach vielen Wochen im Gespräch mit einer Kollegin: „Warum? Warum eigentlich haben Sabine und ihr Anwalt Dich einbezogen? Warum sind sie nicht einfach nur zur Polizei gegangen?“ Ich war sprachlos. Darüber hatte ich noch gar nicht nachgedacht.

 

Fragen Sie sich selbst:

  • Haben Sie schon einmal in einer Recherche verrannt? Was hat Ihnen geholfen, wieder zum „richtigen Weg“ zurück zu finden?
  • Kennen Sie die Situation, „betriebsblind“ zu werden, wenn man sehr tief in eine Recherche einsteigt? Wie kann man sich davor schützen?
  • Oder gehört so eine Phase zum kreativen Prozess dazu? Kennen Sie Beispiele, wo Sie gerade der Umweg erst zum richtigen Ziel geführt hat?