2C - Betriebsblindheit

Posted on Apr 28, 2014

Voriges Kapitel:2B - Drei kollegiale Fragen

Betriebsblindheit

Von einem „Jagdfieber“ berichten viele Journalistinnen und Journalisten, die zu Fallgeschichten von traumatisierten Gewaltopfern, insbesondere mit sexualisierter Gewalt, recherchieren. Aus Empathie und dem Wunsch, mit unseren journalistischen Mitteln helfen zu wollen, entsteht häufig eine Betriebsblindheit, die uns intensiv in unsere Recherchen abtauchen und das eigentliche Ziel aus den Augen verlieren lässt: Dass wir nicht nur recherchieren, sondern irgendwann auch darüber berichten wollen. Nicht zuletzt, weil wir nur mit den Berichten unser Geld verdienen. Und natürlich, weil wir als Journalisten den Auftrag haben, Fehlentwicklungen in unserer Gesellschaft öffentlich zu benennen („Wächterfunktion der Medien“).

Je mehr wir uns mit einem Menschen beschäftigen, je mehr Vertrauen wir genießen und je mehr wir uns emotional mit den Betroffenen verbunden fühlen, desto schwieriger wird die professionelle Abgrenzung. Viele Journalisten stellen bei Recherchen zu sexualisierter Gewalt plötzlich fest, dass sie ohne es zu merken in eine Helfer-Rolle gerutscht sind. Sie haben den Betroffenen immer und immer wieder Zeit geschenkt, lassen sich teilweise privat, am Wochenende oder nachts anrufen und werden dafür gelobt: „Es tut mir so gut, dass mir endlich mal jemand glaubt und zuhört…“ Eine sachliche Berichterstattung ist dann oft gar nicht mehr möglich, wir sind viel zu viel involviert, quasi befangen. Das ist meist nur mit dem Blick von außen zu sehen. Inzwischen bitte ich Kollegen ausdrücklich, mich auf diesen Aspekt immer wieder hinzuweisen und kritisch nachzufragen.

Paranoia und Angst

Eine Erklärung für die Intensität, in der ich mich in Sabines Details verrannt habe, habe ich heute: Ich hatte Angst vor den potenziellen Tätern, wenn ich Ihnen zu nah auf die Pelle rückte. Es war schon auffällig, dass in Sabines Fall viele Dokumente und Unterlagen verschwunden waren. Das konnte Zufall sein – aber ich musste auch einkalkulieren, dass es einen Grund für diese Lücken in den Archiven gab. Denn wenn ich es wirklich mit einem Fall organisierter Kindesmisshandlung zu tun hatte, hätten die Täter natürlich starke Interessen gehabt, Dokumente mit Hinweisen z.B. auf Fehlzeiten in der Schule oder andere Auffälligkeiten verschwinden zu lassen. Aber das war nur ein Verdacht, beweisen konnte ich das nicht. Und meine aufkeimende Angst vor der Gefahr, ins Visier dieser möglichen Täter zu geraten, so vermute ich heute, tarnte ich mit extremer Sorgfalt in unspektakulären Details. Damals hätte ich mir das nicht eingestanden.

Sekundäre Traumatisierung und Psychohygiene

Die Tür zu solchen Ängsten öffneten mir immer wieder meine Kolleginnen und Kollegen. Weil sie mich immer wieder fragten „Wie hältst Du das bloß aus?“, konnte ich mich nicht immer emotional gegen das Grauen abschotten, von dem Sabine mir berichtete. Ich kam wieder in Kontakt zu mir selbst. Und das war gut so, auch wenn ich heute weiß, dass dieses „Dichtmachen“ vor Gefühlen ein sehr hilfreicher Schutz ist, um nicht an der eigenen Seele Schaden zu nehmen. Einerseits ist diese Abstraktionsfähigkeit („Ich prüfe doch hier nur ein paar Daten…“) sehr hilfreich, damit wir als Journalisten nicht Angst vor stark belastenden Themen bekommen.

Andererseits gibt es einen psychologischen Effekt, den Journalisten kennen sollten, nämlich „sekundäre Traumatisierung“. Das bedeutet, dass wir unter Umständen unbewusst Symptome unserer Interviewpartner (z.B. Schlaflosigkeit, innere Bilder, emotionale Schwankungen, Depressionen usw.) übernehmen, wenn wir uns sehr auf traumatisierende Berichte oder Schilderungen einlassen.

Trauma-Therapeuten beschäftigen sich in ihrer Ausbildung sehr intensiv mit diesem Effekt und wie sie sich davor schützen können. Für Journalisten wird sekundäre Traumatisierung als alltägliches Berufsrisiko nur sehr selten beachtet – bei Kriegs- und Krisenreportern noch eher, aber Lokalreporter, die über Unfälle, Selbstmorde oder anderes tägliches Grauen berichten, bekommen nur selten diese Aufmerksamkeit. Dabei könnten wir zum Schutz vor seelischen Verletzungen viel von Therapeuten und anderen Fachleuten lernen. Genau wie sie sollten wir „Medienarbeiter“ (das gilt insbesondere auch für Fotografen und Kameraleute, die mit belastenden Bildern arbeiten) auf regelmäßige Pausen achten, sollten bewusst nach positiven Erlebnissen suchen und immer wieder auf Distanz zu dem intensiven Kontakt mit traumatisierten Menschen gehen, um psychisch gesund zu bleiben. Wer stark belastende Themen recherchiert, sollte lernen, ein- und auch wieder auszusteigen – zum Beispiel mit Hilfe von Kollegen, Familie oder Freunden, die einem mit dem Blick von außen wieder auf die Sprünge helfen.

Die „Warum?“-Frage

So tat es die Kollegin, die mir die entscheidendste Schlüsselfrage stellte: „Warum haben Sabine und ihr Anwalt Dich einbezogen? Warum sind sie nicht einfach nur zur Polizei gegangen?“

Die „Warum?“-Frage wird in der Routine einer Lokalredaktion oft übersehen. Vielleicht die Frage nach dem Motiv in der Wirtschaftsredaktion noch auf der Hand („Wer verdient daran?“). Aber bei sexualisierter Gewalt, wo die Rollen von „Opfer“ und „Täter“ doch so scheinbar eindeutig verteilt sind? Ich hatte einige Phantasien, warum Sabine und ihr Anwalt mich ins Vertrauen gezogen hatten (Rache an den Tätern, Gerechtigkeit nach all den Jahren, die Suche nach Aufmerksamkeit, …), aber wirkliche Antworten hatte ich nicht.

Also griff ich zum Telefonhörer: „Warum haben Sie mich eingeweiht? Was erhoffen Sie sich von mir als Journalistin?“ Und Sabines Antwort hat mich überrascht: „Ich kann meinen Erinnerungen manchmal selbst nicht glauben. Und ich hoffe, dass Sie als Journalistin Belege finden können, die ich mit meinen Mitteln nicht finden kann.“ Das war nicht nur ihr Wunsch, sondern gewissermaßen auch der Auftrag, den sie mir mit auf den Weg gegeben hatte – ohne dass wir das im Vorgespräch thematisiert hatten. Ich sollte quasi als Privatdetektivin für sie tätig sein. Dass mir das erst zu einem recht späten Zeitpunkt deutlich wurde, war ein Fehler, der sich noch rächen sollte. Aber das habe ich auch bei diesem Telefonat noch nicht geahnt.

 

Weiterführende Materialien: