3A - Mein Kontakt mit Sabine

Posted on Apr 28, 2014

Voriges Kapitel:2C - Betriebsblindheit

Mein Kontakt mit Sabine

Nach dem Kaffeetrinken mit Sabine und ihrem Anwalt hatten wir nur noch telefonisch Kontakt, weil sie weit weg wohnte. Das meiste hatten wir schon bei diesem ersten Treffen besprochen. Alle Namen, Details und Daten hatte ich ja sofort notiert.

Da ich so intensiv den Spuren ihres Lebens hinterher recherchierte, fühlte ich mich ihr sehr verbunden. Unsere Telefonate waren sehr freundlich, motivierend für beide Seiten, und ich war bemüht, ihr positive Rückmeldungen zu geben. Denn ich versetzte  mich in ihre Lage und fragte mich, wie ich es finden würde, wenn jemand so intensiv in meiner Vergangenheit wühlt. Ich wollte sie bestärken, ihr Vertrauen vermitteln und auch Dankbarkeit zeigen dafür, dass sie mich so ins Vertrauen gezogen hatte.

Da sie auf mich zugekommen war und nicht umgekehrt, war der Kontakt relativ einfach, direkt und meistens auf Augenhöhe. Bei anderen Recherchen mit Opfern sexualisierter Gewalt fühlte ich mich oft wie ein Eindringling in ihre Intimsphäre, hatte Skrupel, intensiver nachzufragen und Schuldgefühle, wenn ich sie immer wieder auf die erlebten Taten ansprach, anstatt sie endlich in Ruhe zu lassen. Andere erlebte ich auch in Krisen und Trauerphasen oder Angstzuständen, weil sie mit mir redeten und das Schweigegebot der Täter damit brachen. Bei Sabine erlebte ich solche Schwankungen nie. Bei ihr war jede Nachfrage in Ordnung, das signalisierte sie mir immer wieder. Sie wollte ja die Aufklärung ihres Falles, war immer klar und rational.

Eher war es so, dass ich, die Journalistin, von manchen Gesprächen überfordert war. Sabine hatte Schreckliches hinter sich. Sie hatte sich lange damit auseinander gesetzt und genau überlegt, was davon sie mir erzählt. Ich hingegen fühlte mich immer wieder von ihren Schilderungen überrollt, konnte mich manchmal schlecht abgrenzen.

Hin und wieder holte mich die Angst, den Tätern gefährlich zu werden und dadurch selbst gefährdet zu sein, wieder ein. Sollten Sabines Erinnerungen wirklich stimmen, hatte ich es mit äußerst gewalttätigen, skrupellosen Menschen zu tun. Ich machte mir Gedanken, ob mein – oder ihr – Telefon abgehört würde und nannte keine Details, keine Namen, nahm mich zurück.