3B - Unsicherheit, Druck und Verfolgungswahn

Posted on Apr 28, 2014

Voriges Kapitel:3A - Mein Kontakt mit Sabine

Unsicherheit, Druck und Verfolgungswahn

Traumatisierten Menschen gegenüber zu sitzen, ist für Journalisten nicht einfach. Wie spricht man das „eigentliche Thema“, wegen dem man sich trifft, jetzt an? Ist es okay, intime Dinge abzufragen? Erfährt man vielleicht Dinge, die man gar nicht hören will? Oder erscheint man zu neugierig, grenzüberschreitend und taktlos? Zumal, wenn wir gar nicht aus eigenem Antrieb über dieses Thema berichten, sondern von unserer Redaktion dazu beauftragt wurden, und wir uns nicht wohl dabei fühlen. Welche Fragen sind geeignet, den Kontakt aufzunehmen? Gibt es „gute“ und „schlechte“ Formulierungen?

Ein typischer Effekt ist, dass wir uns unter dem Stress und der Angst, etwas falsch zu machen, selbst wie mit einer Kamera beobachten. Verhalten wir uns richtig? Welche Stimmlage ist angemessen? Können wir vermeiden, ständig auf die Uhr zu schauen, weil wir den Bericht bald abliefern müssen? Wie sollen wir reagieren, wenn z.B. jemand anfängt zu weinen? Wie beendet man ein solches Gespräch sinnvoll? Und sollten wir uns diese Fragen überhaupt stellen – lenken sie uns nicht davon ab, uns auf unser Gegenüber zu konzentrieren?

Und nicht zuletzt gibt es im Kontakt mit den Opfern sexualisierter Gewalt, wie oben bereits erwähnt, einen wichtigen Faktor, der z.B. bei Naturkatastrophen meist keine Rolle spielt: Den oder die Täter. Unsere Berichte, häufig schon die Recherchen, wühlen unter Umständen Dinge auf, die diesen Tätern gefährlich werden können. Geheimhaltung ist ihr größter Schutz, und das oft schon seit Jahrzehnten – und wir Journalisten rütteln an dieser Sicherheit, in der sie sich wiegen. Wie weit sind sie bereit, zu gehen, um unerkannt zu bleiben? Müssen wir uns darüber Gedanken machen? Oder können wir das einfach ignorieren? Wie groß ist unsere eigene Gefährdung?

 

Fragen Sie sich selbst:

  • Wie würden Sie in ein Gespräch mit einem Opfer von sexualisierter Gewalt einsteigen?
  • Wie groß ist wirklich die Gefahr, von möglichen Tätern überwacht zu werden? Wie können Sie das prüfen, wie können Sie sich absichern?
  • Wo liegen für Sie die Grenzen im Kontakt zu Interviewpartnern? Wie wahrt man die Distanz, wenn die Chemie manchmal doch so gut stimmt? Oder was geht nach Ihrem Gefühl definitiv zu weit?