3C - Kein Raum für Sprachlosigkeit

Posted on Apr 28, 2014

Voriges Kapitel:3B - Welche Rechte haben Opfer?

DEU BW Schule Amok Jahrestag

Kein Raum für Sprachlosigkeit

Es gibt gute Gründe, warum Reporter nach einem Unglück oder Attentat schnell vor Ort sind: Journalisten informieren über das, was geschehen ist; sie haben ein unabhängiges Auge auf den Tatbestand, um etwa Missbräuche oder Vorverurteilungen aufzudecken; und sie stellen Verbindungen her zwischen den Betroffenen und dem Rest der Gesellschaft. Guter Traumajournalismus lässt andere teilhaben daran, was Opfer erleben und wie die Tat ihr Leben beeinflusst, ohne sie dabei erneut zu Opfern zu machen.

Was in den ersten Stunden und Tagen nach dem Attentat in Winnenden mit nationalen und internationalen Nachrichtenorganisationen geschah, hatte jedoch – von einigen Ausnahmen abgesehen – wenig mit soliden journalistischen Zielen zu tun. Es wird seitdem als Negativbeispiel der modernen Medienrealität verstanden und diskutiert.

Schon zwei Tage nach dem Amoklauf, am 13. März, sagte Joachim Kersten von der deutschen Hochschule der Polizei in Münster in einem Interview in der Zeit:

“Die Sprachlosigkeit, die jeder Einzelne braucht, um solch einen Vorgang zu verstehen, bekommt keinen Raum mehr. Stellen Sie sich vor, sie schicken Ihr Kind morgens zur Schule, sagen ihm noch, was es anziehen solle. Dann läuft es los und wird getötet. Das ist wie ein Einbruch des Krieges mitten im Frieden. […]. Aber statt darüber nachzudenken, die Ereignisse wirken zu lassen, wird in unserer Medien-Gesellschaft sofort reagiert: mit Bildern, mit Bilderserien und mit einem Sich-Überbieten von Erklärungen. Das war nach den Amokläufen in Erfurt so, das war in Emsdetten so und das ist jetzt umso mehr so.”

Nur wenige Tage später schrieb Philip Eppelsheim in der FAZ unter der Überschrift „Wir Voyeure“: „Der Amoklauf ist zu einem Medien-Highlight geworden. […] Nun ließe sich all das unter dem Motto der Informationspflicht verteidigen. Selbst ein Seelsorger vor der Schule sagt, solche Texte, Fotos und Filme gehörten nun einmal dazu und seien sogar wichtig, um das Unbegreifbare fassbar zu machen. Lediglich wenn man die Betroffenen überrumple, sei es verwerflich. Nur wann ist ein Betroffener, der sich in einem „schockgefrorenen Zustand“ befindet, überrumpelt?”

Dies ist eine Kernfrage im Traumajournalismus. Opfer, Angehörige und Überlebende sind keine homogene Gruppe: Auch wenn die physiologische Reaktion des Körpers auf eine traumatische Situation gleich ist, so findet doch jeder Mensch seine eigenen Wege, mit Schock, Trauer und Verlust umzugehen. Viele Betroffene wollen ganz klar keine Öffentlichkeit. Andere wollen sich mitteilen, zum Beispiel, damit die Erinnerung nicht verblasst. Hardy Schober etwa, der seine Tochter Jana in der Albertville-Realschule verloren hat, gab im ersten Jahr nach dem Attentat fast jede Woche ein Interview.

Journalisten, die sich informieren darüber, wie ein Trauma auf Menschen wirkt, sind besser ausgerüstet, um im Einsatz nach einer Tragödie einen journalistisch und ethisch vertretbaren Weg in ihrer Berichterstattung zu finden. (Unser Vortragsvideo dazu finden Sie hier)

Wenn man zum Beispiel weiß, dass Kontrollverlust ein wesentlicher Negativfaktor einer traumatischen Erfahrung ist, versteht man, warum es wichtig ist, einer traumatisierten Person Kontrolle zu geben in einem Interview. Das hat nichts mit dem Aufgeben journalistischer Unabhängigkeit zu tun, sondern mit Menschenwürde.

Auch hilft es zum Beispiel nichts, Augenzeugen nach Chronologie zu fragen, wenn ihre Geschichte in Stücken aus ihnen herausbricht: Traumatische Erinnerungen sind immer unterbrochen, chaotisch, durcheinander. Mit dieser Reaktion schützt das Gehirn das Bewusstsein davor, das Geschehene in seiner ganzen Unerträglichkeit sichtbar, fühlbar zu machen. (Die Erläuterungen von Gisela Mayer auf unserer Webseite dazu finden Sie hier)

Journalisten können ihr Wissen darüber, wie traumatische Ereignisse Körper und Seele eines Einzelnen, aber auch ganze Gemeinden beeinflussen, zudem in ihre Berichterstattung aufnehmen und somit an die Gemeinde weitergeben. Hilfreich ist es auch, zu erfahren, wie Medienberichte auf Betroffene wirken. Manche Belastungen können vermieden werden.

Petra Schill etwa erkannte ihre Tochter Chantal in vielen der unerwünschten Artikel in den Tagen nach dem Attentat gar nicht wieder. Gisela Mayer, Mutter der Referendarin Nina, ging es ähnlich: “Unsere Kinder wurden uns zweimal entrissen”, sagt die Ethik-Lehrerin

Schockierend war für Mayer, dass viele Menschen der Zeitung mehr glaubten als der Mutter: „Was Sie mit Ihrem Kind verbunden hat, das wird ihnen entrissen, denn die anderen wissen es besser. Da wird eine Figur aufgebaut, die es niemals gab. Und den Hinterbliebenen wird so ganz nebenbei auch die eigene Erinnerung an die Tochter genommen.“

Mayer versucht seit dem Amoklauf, Medienvertreter an ihre Verantwortung zu erinnern. “Auch Journalisten waren überfordert, das weiß ich heute”, erklärte sie bereits im November 2010 in einem Interview mit dem Magazin journalist. Am schlimmsten, so erinnert sie sich, waren Reporter, die fragten: „Wie fühlen Sie sich?“ Die besten Gespräche ergaben sich mit Journalisten, die offen zugeben konnten, dass sie ebenfalls unsicher waren.

Das Nachsorgeteam der Psychologen in Winnenden entwickelte zudem einen hilfreichen Leitfaden für Journalisten, in Vorbereitung auf den ersten Jahrestag des Attentates: “Acht Regeln für Amok Berichte.”

“Für uns gibt es zwei Lehren aus dem Fall Winnenden,” erklärte der FAZ-Redakteur Alfons Kaiser ein Jahr nach der Tragödie im Medium Magazin. “Die Vor-Ort Recherche, also die Befragung von Nachbarn, Freunden oder Verwandten des Täters, ist höchst problematisch, weil es kaum Möglichkeiten gibt, solche Angaben zu verifizieren und weil jeder glaubt, er könne zur Aufklärung etwas beitragen. Es ist zudem sehr wichtig, die Familien der Opfer zu schützen und Fotos von getöteten Schülern nicht zu zeigen.”

Andere Redaktionen treffen andere Entscheidungen: Seit Winnenden haben sogenannte Opfergalerien z.B. bei Flugzeugabstürzen eher noch an Popularität gewonnen. Der Presserat hatte schon nach der Tragödie bei der Loveparade in Duisburg oder nach dem Amoklauf von Oslo genügend Gelegenheit, scharfe Verurteilungen dazu auszusprechen, hat diese jedoch bislang nur sehr selten genutzt.

Auf der Suche nach einem journalistisch und menschlich vertretbaren Pfad durch den Dschungel von Desinformation, Medienschauspiel und Missachtungen der Rechte von Betroffenen müssen Journalisten und ihre Medienorganisationen also eigenverantwortlich handeln – und ihre eigene Haltung zu einer informativen, innovativen und respektvollen Berichterstattung über traumatische Ereignisse finden.

 

Weiterführende Materialien: