4 - Epilog: Jahrestage

Posted on Apr 28, 2014

Voriges Kapitel:3C - Kein Raum für Sprachlosigkeit

Commemorating the 5th anniversary of the Winnenden shooting

Epilog: Umgang mit Jahrestagen

Lang ist er jetzt schon her – der 11. März 2009. Als diese Fallstudie geschrieben wurde, waren es 5 Jahre. Der Amoklauf von Winnenden fällt schon fast unter die „jüngere Deutsche Geschichte“ und taucht in den ersten Chroniken auf. Für Journalisten sind solche Jahrestage, insbesondere bei „runden“ Daten, willkommener Anlass, immer wieder hinzuschauen: Wie war das damals, wie geht es den Menschen heute?

Für die Betroffenen aber kann Zeit grausam relativ sein.

Denn Traumazeit ist nicht linear, sie folgt keinem Kalender und keiner Uhr. Traumazeit springt und buckelt und lässt gestern mit heute und morgen verschmelzen. Für traumatisierte Menschen können im Bruchteil einer Sinneswahrnehmung – es reicht ein Geruch, ein Blick aufs Datum – ein Jahr, drei, fünf oder zehn Jahre ausgelöscht sein und es ist wieder der Tag, an dem die Nachricht kam vom Tod der Tochter, der Nachmittag, an dem sich niemand mehr sicher fühlte in Winnenden und Umgebung.

Jahrestage sind so nicht nur Anlässe für Berichterstattung, sondern auch Schlüsseltage des individuellen und kollektiven Trauerns und Gedenkens – also sehr kritische Momente in der Verarbeitung eines traumatischen Ereignisses. Als Medienvertreter müssen wir wissen, dass unsere Arbeit – was und wie wir recherchieren, was wir zeigen und was wir berichten – eine wichtige Rolle spielt in dem fragilen Prozess, mit dem Menschen Schrecken und Verlust überwinden und zu einem neuen Alltag zurückfinden.

Journalisten, die nichts über Trauma und Trauerarbeit wissen, können dabei durchaus Schaden anrichten. Etwa können Fragen an Betroffene darüber, wie sie die Tat damals erlebt haben, traumatische Erinnerungen wiederbeleben und den Verarbeitungsprozess zurückwerfen. Wichtig ist dabei, zu wissen, dass allein die Präsenz von Kameras und anderem journalistischem Equipment Erinnerungen auslösen kann. Für viele Betroffene sind aufdringliche Reporter inzwischen fest verknüpft mit den unvergesslichen, ungewollten Bildern der ersten Stunden.

Angemessene, traumasensible Berichterstattung hingegen erklärt mit Hilfe von Experten etwa verschiedene menschliche Reaktionen auf einen Jahrestag, und kann so Gemeindemitgliedern helfen, sich selbst oder ihre Mitmenschen besser zu verstehen. Informierter Traumajournalismus unterstützt die Gemeinde zudem darin, bevorstehende Aufgaben in der Trauerarbeit zu erkennen und gemeinsam anzugehen – nicht nur, aber besonders in der Vorbereitung von Jahrestagen. Er gibt Informationen über Hilfsangebote und Möglichkeiten gemeinsamen Gedenkens.

Denn wie eine Gedenkzeremonie genau gestaltet wird zum Beispiel, hängt davon ab, wie eine Gemeinde erinnern will, was nicht vergessen werden darf und kann. Welche Erinnerungen sollten bewahrt werden, und welche dürfen verblassen? Welche Erinnerungen geben Hoffnung, welche untergraben die Widerstandskraft?

Guter Traumajournalismus arbeitet dabei mit Seelsorge und psychologischer Nachsorge zusammen, macht jedoch nicht deren Arbeit – Kern der Berichterstattung bleiben die Information und das Gespräch mit und in der Gemeinde.

Die Winnender Zeitung hat dies bereits sechs Monate nach dem Amoklauf eindrucksvoll umgesetzt. Unter der Schlagzeile „Die Bewährungsprobe – Eine Region zwischen Trauma, Trauerarbeit und Sehnsucht nach Normalität“ fügt die Redaktion auf drei vollen Zeitungsseiten die Puzzelsteine verschiedener Erlebniswelten der Gemeindemitglieder zusammen – von den intensiven Träumen einiger Eltern über ihre verlorenen Kinder bis zu dem Verlangen anderer, den Amoklauf nun endlich ruhen zu lassen. Das gefühlvoll beobachtete, einfühlsam aufgeschriebene Portrait der eigenen Gemeinde beginnt so:

“Wo stehen die Menschen in Winnenden, ein halbes Jahr nach dem 11. März? Welche Träume bewegen sie, welche Hoffnungen, und welche inneren Kämpfe haben sie zu bestehen? Für Außenstehende mag die Tat lange zurückliegen, die Erschütterung sich verflüchtigt haben. In Wahrheit ist sie sehr nahe und erlegt der Stadt und dem Umland eine große Bewährungsprobe auf: sich die Stärke der Gemeinschaft zu bewahren, die Brüche auszuhalten, die sich hier und da auftun; zu einem Wir-Gefühl zu finden, das trägt und stützt auf dem Weg in die Zukunft.”

Für diesen Bericht sprach die Winnender Zeitung noch ausschließlich mit Familien, die von sich aus den Kontakt zur Zeitung gesucht hatten. Zum ersten Jahrestag jedoch änderte die Redaktion ihre bis dahin unangetastete Regel, keine Angehörigen anzusprechen: Mit dem Anliegen, Biographien der 15 Menschen zu veröffentlichen, die getötet worden waren, nahm die Redaktion Kontakt mit allen Familien der Opfer auf. Elf Familien beteiligten sich. (Weitere Informationen dazu: Siehe unten)

Journalisten, die über solche Ereignisse berichten, müssen bereit sein, sich mit den psychologischen Folgen traumatischer Ereignisse ebenso intensiv auseinander zu setzen wie mit Gesetzesvorlagen oder mit der deutschen Außenpolitik. Sie brauchen Fachwissen, aber auch Einfühlungsvermögen und Menschlichkeit. Denn es geht im Traumajournalismus nicht darum, gar nicht mit Betroffenen zu sprechen – sondern immer nur darum, wie, wann und unter welchen Bedingungen.

 

Weiterführende Materialien:

Die Winnender Zeitung hat in einem Workshop mit dem Dart Center für sich folgende Regeln zur Kontaktaufnahme mit betroffenen Familien entwickelt:

a) Die Biografien erscheinen nur, wenn die Angehörigen zustimmen.
b) Es gibt in der Regel nur eine indirekte Kontaktaufnahme mit den Angehörigen, kein Nachhaken.
c) Jedes Nein wird akzeptiert, niemand wird überredet.
d) Alle Texte und Fotos werden mit den Angehörigen abgestimmt. Nichts erscheint gegen den Willen der Familien.
e) Die Geschichten erscheinen nur in der Zeitung, nicht im Internet und nicht im E-Paper.
f) Die Biografien erscheinen in der Mitte eines Buches und werden auf der Titelseite angekündigt, damit Menschen, die dies nicht lesen wollen oder können, nicht unvermittelt auf diese Geschichten stoßen.
g) In der Zeitung wird erklärt, wie die Texte entstanden sind.