1A - Das Undenkbare geschieht

Posted on Apr 28, 2014

Voriges Kapitel:Fallstudie "Winnenden"

winnenden Aufmacher

Das Undenkbare geschieht

Der 11. März 2009 war ein sonniger Frühlingstag im Raum Stuttgart. Gegen 9:30 Uhr früh machte sich Frank Nipkau von seinem Haus in Winnenden auf den Weg ins Büro. Seit sieben Jahren war er Redaktionsleiter des Zeitungsverlags Waiblingen, koordinierte in Zusammenarbeit mit 35 Redakteuren, Fotografen, Volontären und vielen freien Mitarbeitern an vier Standorten die Lokalseiten der Waiblinger Kreiszeitung, Schorndorfer Nachrichten, Winnender Zeitung und Welzheimer Zeitung.

Auf der Bundesstraße raste Nipkau ein Krankenwagen entgegen. Dass es kein gewöhnlicher Notruf war, der den Rettungswagen nach Winnenden gerufen hatte, spürte Nipkau sofort, als er gegen 9:45 Uhr das Redaktionsgebäude in Waiblingen betrat. Anspannung lag in der Luft. Nervosität.

Schnell wurde der Redaktionsleiter informiert: Einige Redakteure hatten SMS Nachrichten von ihren Kindern empfangen, die das Lessinggymnasium in Winnenden besuchten. Sie berichteten von Schüssen im Gebäude nebenan – der Albertville-Realschule. Davon, dass die Jugendlichen jetzt zur Sicherheit im Gymnasium eingeschlossen waren. Ein Kollege war bereits auf dem Weg zum Tatort.

Die ersten Bestätigungen der Polizei kamen wenig später: Ein Amokläufer in der Albertville-Realschule. Mindestens sechs, nein acht, nein zehn Schülerinnen und Lehrer erschossen. Der Täter auf der Flucht. Alle Schulen in der Region unter Polizeischutz. Großfahndung.

Eine in solchen Ausnahmesituationen typische, kompromisslose Konzentration legte sich über die Redaktion. Schnell wurde entschieden, welche Kollegin welchen Teil der Recherche übernehmen sollte. Wer hinaus fuhr an den Tatort und wer zurück blieb – zur Telefonrecherche, Koordination der Berichterstattung, und um ein Auge auf die TV Nachrichten und Internet-Meldungen zu haben.

Es war noch keine 10 Uhr, als die Telefone zu klingeln begannen. Aber nicht besorgte Leser belegten die Leitungen der Lokalredaktion – sondern Journalisten aus ganz Deutschland. Etwa eine halbe Stunde nach dem ersten Schuss erklärte Frank Nipkau bereits live auf N-TV, was bislang bekannt war über die Vorgänge an der Albertville-Realschule. Wenig später, das Gleiche auf CNN.

Kollegen steckten ihm von da an permanent Zettel mit den letzten Entwicklungen zu:

Der Attentäter war nach dem Eintreffen der Polizei in der Albertville-Realschule gegen 9:36 Uhr zum benachbarten Zentrum für Psychiatrie gelaufen, hatte dort einen Mitarbeiter erschossen, und wenig später ein Fluchtauto mitsamt Fahrer gekidnappt und zur Fahrt in das 40 km entfernte Wendlingen gezwungen. An einer Autobahnausfahrt konnte der Fahrer des Fluchtautos fliehen, woraufhin der Attentäter in ein Industriegebiet lief, in einem Autohaus zwei weitere Menschen erschoss, in einem Schusswechsel mit der Polizei zwei Beamte schwer verletzte – und sich schließlich, gegen 12:20 Uhr, mit einer Kugel in den Kopf selbst tötete.

Die vielen Anrufe der Medienkollegen legten die Telefonleitungen lahm, erschwerten die Recherchearbeit der Redaktion. Während verzweifelte Eltern vor der Realschule nach ihren Kindern suchten, während die Polizei mit Hundertschaften und Hubschraubern nach dem Amokläufer fahndete, während zwei Opfer in Krankenwagen ihren Schusswunden erlagen, richtete sich auf Fernsehbildschirmen und im Internet die Aufmerksamkeit der Welt auf Winnenden. Und das war nur der Anfang einer einzigartigen Medienwelle, die im Schatten des kaltblütigen Amoklaufes über die idyllische Kleinstadt und die umliegenden Gemeinden hereinbrechen sollte.

Für Frank Nipkau und seine Lokalredaktion begann an diesem Tag auch die Suche nach einem geeigneten journalistischen Pfad durch einen rasant schnell wachsenden Dschungel von Desinformation, Medienschauspiel und Missachtungen der Rechte von Opfern und Angehörigen.