1B - Viele Fragen, wenig Zeit

Posted on Apr 28, 2014

Voriges Kapitel:1A - Das Undenkbare geschieht

APTOPIX DEU BW Schule Amok

Viele Fragen, wenig Zeit

Wie recherchiert man einen Amoklauf, wenn man erfährt, dass Freunde oder Bekannte ihre Tochter durch das Attentat verloren haben? Spricht man die Eltern an? Persönlich, oder als Medienvertreter? Oder beides? Oder gar nicht?

Wenn Katastrophen die eigene Gemeinde heimsuchen, sehen Lokaljournalisten sich selbst und ihre Arbeit mit besonderen Herausforderungen konfrontiert.

Vom ersten Moment an – denn Lokaljournalisten sind in der Regel zuerst vor Ort – haben sie besonderen Zugang. Und vom ersten Moment an verschwimmen die Grenzen zwischen Beruflichem und Privatem: Wenn man die Eltern, Verwandten oder Freunde der Betroffenen – und des Täters – persönlich kennt, dann ist das Recherchieren von Details keine vermeintlich neutrale Informationsbeschaffung mehr. Dann ist man emotional auf besondere Weise eingebunden in die Geschehnisse, findet sich mitunter in ethischen Grauzonen wieder oder wird mit unerwarteten emotionalen Belastungen konfrontiert.

Ähnliches gilt für die Berichterstattung: Mit welchen Worten, welchen Bildern berichtet man über die Opfer und ihre Angehörigen – über den Schmerz, die Fassungslosigkeit, den Unglauben – ohne ihnen zu nahe zu treten?

Was ist die Aufgabe einer Lokalzeitung, der Stimme der betroffenen Gemeinde selbst, wenn eine der grausamsten Bluttaten der jüngeren deutschen Geschichte die eigene Stadt heimsucht?

Wirklich Zeit, sich solchen Fragen zu widmen, hatten die Mitarbeiter des Zeitungsverlages Waiblingen am Tag des Amoklaufes nicht. Journalistischer Pragmatismus bestimmte die Stunden nach der Tat: der Andruck wurde so weit wie möglich in die Nacht verschoben, der Vertrieb benachrichtigt, die Anzeigenplanung gestoppt. Etwa die Hälfte aller 35 Mitarbeiter des Verlages war damit beschäftigt, die vielen Facetten der Ereignisse des Tages, die ganz Winnenden in einen Schockzustand versetzt hatten, zu beleuchten.

Spät am Abend traf sich Frank Nipkau mit seinem Team in der Redaktion, um zu beraten. Jeder hatte aufgeschrieben, was er wusste. Jetzt hingen verschiedene Artikel an der Wand, und es wurde besprochen, wie alles zusammengestellt werden sollte. Ob man zum Beispiel die erste Mantelseite der Stuttgarter Nachrichten übernehmen sollte, wie an jedem anderen Tag – oder eine eigene Titelseite gestalten.

Eine Frage beschäftigte die Redaktion dabei besonders: Gab es ein adäquates Bild, das die Ereignisse des Tages symbolisieren könnte? Oder wäre eine grafische Lösung besser? Was ist ein journalistisch ausgewogener, für die Gemeinde angemessener Aufmacher am Tag nach einer grausamen Bluttat in einer Schule?

 

Fragen Sie sich selbst:

 

  • Sind Sie schon einmal in außergewöhnlichen Situationen vom gewohnten Druck- oder Sendeformat abgewichen? Warum?
  • Haben Sie schon einmal über ein Unglück berichtet, von dem Sie als Gemeindemitglied ebenfalls betroffen waren? Hat das Ihre Perspektive verändert? Wie?
  • Würden Sie als Lokaljournalist ihre persönlichen Beziehungen zu Gemeindemitgliedern nutzen, um Details über Opfer zu recherchieren? Wie würden Sie die Betroffenen oder ihre Freunde ansprechen?
  • Was gehört Ihrer Meinung nach zu den Grundpfeilern der lokalen Berichterstattung am Tag nach einem Amoklauf? Wie würden Sie aufmachen? Welche Fotos sollten gezeigt werden? Welche Berichte sind unabkömmlich? Welche Worte vermeidbar?