1C - Schwarze Zeitung, schwarze Hände

Posted on Apr 28, 2014

Voriges Kapitel:1B - Viele Fragen, wenig Zeit

Prozessfortsetzung gegen den Vater des Amoklaeufers von Winnenden wegen Verstosses gegen das Waffengesetz

 

Schwarze Zeitung, schwarze Hände

Es war eine schwarze Titelseite, die am Morgen des 12. März 2009 in die Haushalte von Winnenden geliefert wurde. Eine schwarze Seite, mit einem Wort in Weiß, in 96 Punkt Schriftgröße gedruckt, der größten Schlagzeile in der Geschichte der Zeitung: Warum?

„Wir hatten uns am Ende für eine eigene Titelseite und eine grafische Lösung entschieden“, erklärt Frank Nipkau. „Es war das Schlüsselwort des zweiten Tages. Warum hier? Warum in der Schule? Warum musste dies geschehen? Warum?“

„Wenn man nach der Seite griff, hatte man schwarze Hände. Das hatten wir nicht bedacht, aber es schien passend“, erklärt Nipkau heute.

Die acht Sonderseiten, die die Redaktion am Tag des Amoklaufes produzierte, schildern in sachlichem Ton den bis zum Abend bekannten Tathergang und beleuchten die wesentlichen Szenen des Tages — etwa die Suche der Eltern und Jugendlichen an der Sammelstelle am Wunnebad, oder den ökumenischen Gottesdienst noch am selben Abend im Gedenken an die Opfer. Sie liefern Hintergrundberichterstattung, wie zum Beispiel einen Einspalter über die Anzahl der Waffenbesitzer im Landkreis und einen Artikel über Gewaltvorsorge an Schulen.

Für Frank Nipkau war schon in der ersten Stunde nach der grausamen Tat klar: Wir werden keine Opfer und keine Familien der Betroffenen interviewen.

„Wir hatten am Tag des Amoklaufes bereits das Modell einer Berichterstattung im Kopf, die wir schon mal gemacht hatten“, erklärt Nipkau. „Wenn man am Tag eines Unglücks erst überlegen muss, dann ist es schon zu spät.“

Es war eine Serie von grausamen Gewalttaten, und damit Herausforderungen an die Redaktion, die Nipkau und sein Team sensibilisiert hatten:

Im Oktober 2002 hatte es bereits eine Geiselnahme in einer Schule in Waiblingen-Neustadt gegeben. Im Oktober 2006 starb ein Obdachloser durch den Fußstritt eines 16jährigen. Im März 2007 schreckte der sogenannte „Parkplatzmord“ die Gemeinde auf, bei dem ein Fußballer aus Rache einen Vereinskollegen niederschoss. Dann, im August 2007, wurde ein 19-jähriger von Bekannten grausam getötet und in den Neckar geworfen. Im April 2008 folterten eine 58-jährige und ihr 27-jähriger Sohn einen Rentner zu Tode. Alles im Berichtsgebiet des Zeitungsverlags Waiblingen.

„Jedes dieser schrecklichen Ereignisse hat zu Diskussionen in der Redaktion geführt: Ob man die Familien der Betroffenen anspricht oder nicht. Welche Bilder man druckt. Wie man die Taten beschreibt. Welche Fragen wir stellen müssen, damit die Taten beleuchtet, prozessiert werden. Welcher Schutz jugendlichen Tätern zusteht“, sagt Frank Nipkau. „All das hat dazu beigetragen, dass wir am Tag des Amoklaufes bereits eine redaktionelle Grundlinie hatten, auch wenn wir die nie irgendwo aufgeschrieben haben.“

Zu dieser Grundlinie gehören:

  • Es werden keine Betroffenen angesprochen.
  • Es werden keine Opferfotos abgedruckt.
  • Es werden keine Situationsfotos von Familienmitgliedern gezeigt, die in Trauer und Schrecken am Tatort oder anderswo fotografiert wurden ohne gefragt zu werden.
  • Es werden keine Adressen oder Namen von Betroffenen herausgegeben, nicht an Mitarbeiter anderer Medien oder andere Parteien.
  • Es werden keine Archivfotos vom Täter oder Opfern herausgegeben oder gar verkauft.
  • Es wird nicht über Beerdigungen berichtet.

Journalistisch fühlten sich Nipkau und sein Team so gut vorbereitet, wie man vielleicht sein kann auf eine menschliche Katastrophe von unfassbarem Ausmaß. Dass das Attentat von Winnenden jedoch längere Schatten werfen sollte als vorherige Gewalttaten, und wie sehr es auch die Mitarbeiter der Redaktion neu beanspruchen und emotional belasten würde – das ahnte am 12. März 2009 im Waiblinger Zeitungsverlag noch keiner.

Weiterführende Materialien: