2B - Was tun mit den Täterfotos?

Posted on Apr 28, 2014

Voriges Kapitel:2A - Erfolgreiche Recherche

Winnenden School Attack

 

Was tun mit den Täterfotos?

Amokläufe von Jugendlichen in ihren Schulen sind, ähnlich wie Suizide, oft Nachahmungstaten: Was auch immer die Ursachen sein mögen, die jugendlichen Täter fühlen sich ‚inspiriert’ von der vermeintlich grandiosen, ‚heldenhaften’ Tat eines vorherigen Attentäters, und vom Nachruhm, den dieser nach seinem Tod in den Medien erreicht.

Der Amoklauf im amerikanischen Columbine am 20. April 1999, bei dem erstmals zwei Jugendliche schwer bewaffnet eine Schule stürmten und wahllos um sich schossen, dabei 12 Mitschüler und einen Lehrer töteten, gilt inzwischen als eine Art ‚Vorbild’-Tat, die seitdem Nachahmer in der ganzen Welt fand (so auch am 26.4.2002 beim Amoklauf am Gutenberg-Gymnasium in Erfurt.)

Für Journalisten wird die Berichterstattung über den Verursacher einer derart einschneidenden Tat somit zum ethischen Drahtseilakt: Es ist nicht immer eindeutig, wo die Informationsvermittlung für die Gemeinde, die ja ein Recht auf Antworten hat, aufhört – und wo die Verherrlichung eines Attentäters anfängt.

Das beginnt schon mit dem Namen des Täters: Sollte man den veröffentlichen oder nicht? Je weniger der Name benutzt wird, desto weniger können Nachahmungstäter sich vorstellen, den eigenen Namen in aller Welt publiziert und mit Schrecken beachtet zu sehen. Und desto weniger kann er zum Helden für andere werden.

Und wie sieht es aus mit Fotos – wollen nicht alle am Tag nach der Tat das Gesicht des Jugendlichen sehen, der Mitschülerinnen kaltblütig in den Kopf schoss? Oder ist es die Aufgabe von Journalisten, solchem Voyeurismus entgegenzutreten und gleichzeitig dem Attentäter und möglichen Nachfolgern den Platz in der „Ehrengalerie des Horrors“ zu verweigern?

Viele überregionale Medien werden Namen und Foto des Täters sicher drucken – ist es sinnvoll, wenn eine Lokalzeitung dem etwas entgegen setzt?

Medienvertreter bewegen sich auf noch dünnerem Eis, wenn, wie in Winnenden geschehen, ein Schüler 15 Menschenleben auslöscht, und wenn das vielleicht nur deshalb möglich war, weil sein Vater seine Waffen nicht ordnungsgemäß verschlossen hat. Die Fakten über die grausame Vorgehensweise des Jugendlichen und den Fehltritt des Vaters müssen übermittelt werden – und können doch gleichzeitig negative Reaktionen und Wut auf die Eltern des Täters in der Gemeinde auslösen.

Ähnliches gilt für die Balance zwischen zwei wichtigen journalistischen Darstellungsformen: Der einfühlsamen, erzählerischen Berichterstattung, die Lesern oder Zuschauern hilft, die Situation der Opfer nachempfinden zu können, auf der einen Seite – und einer sachlichen, fakten-orientierten Darstellung auf der anderen, die die ohnehin sehr emotionalisierte Suche nach Schuldigen und Ursachen nicht noch weiter auflädt.

Wie Medien über einen Attentäter berichten, welche Sprache sie wählen, hat entscheidenden Einfluss darauf, wie seine Tat in der Gesellschaft verarbeitet und verstanden wird – und wie potentielle Nachahmer motiviert oder entmutigt werden. Journalisten aller Medien müssen sich dieser Verantwortung stellen. Besonders schwer aber wiegt sie in einer Lokalredaktion, die in den ersten Tagen nach einem solch verunsichernden Ereignis die eigene Gemeinde inspirieren oder irritieren, aufhetzen oder beruhigen, begleiten oder befremden kann.

 

Fragen Sie sich selbst:

 

  • Gehören Name und Foto eines Attentäters für Sie zum Informationsrecht der Gesellschaft bzw. zur Informationspflicht der Medien, oder ist es wichtiger, die Identität zu verschweigen, um potenzielle Nachahmer nicht zu ermutigen?
  • Ist es Ihrer Ansicht nach wichtig, Stimmen von Menschen zu finden und zu veröffentlichen, die den Täter kannten? Nach welchen Kriterien entscheiden Sie, ob eine solche Quelle glaubwürdig ist?
  • Wie sollen, wie können Journalisten mit dem Drang nach schnellen Antworten, der nach grausamen Bluttaten stets entsteht, umgehen? Sind Spekulationen über einen Täter und seine Motive in einer solchen Ausnahmesituation legitim, oder sollten sie vermieden werden?