2C - Keine Spekulationen

Posted on Apr 28, 2014

Voriges Kapitel:2B - Was tun mit den Täterfotos?

Winnenden School Attack NO PRESS

Keine Spekulationen

Als Frank Nipkau am Morgen des 11. März 2009 hörte, dass ein Kollege auf dem Weg in ein Altersheim war, in dem die Großeltern des Attentäters lebten, bat er ihn, zurückzukommen.

„Zur Psychologie eines Amokläufers gehört auch eine leichte Kränkbarkeit“, erklärt der Redaktionsleiter. „Eltern oder Großeltern können in der Regel nichts zur Aufklärung beitragen.“ Da er an reinen Spekulationen oder einem emotionalen Interview mit den Eltern oder Großeltern nicht interessiert war, hielt Nipkau einen Besuch für überflüssig.

Der erfahrene Lokaljournalist entschied sich mit seiner Redaktion vom ersten Tag an für Zurückhaltung in der Berichterstattung über den Attentäter:

„Schrecken der Normalität“ lautete die Schlagzeile des ersten Artikels über den Jugendlichen am 12. März, gefolgt von der Unterzeile: „Warum das Täterprofil noch so unscharf sein muss – trotz vieler Stimmen.“

Der Artikel beginnt so: „Wieder diese Fragezeichen. Wie konnte nun das passieren? Wer ist dieser Tim K.? Vieles deutet jetzt schon darauf hin, dass diesmal die Fragezeichen noch länger stehen bleiben als etwa bei […] dem Amokläufer von Erfurt.”

Insgesamt bemüht sich die Winnender Zeitung am Tag nach der Tat, dem Drang nach schnellen Antworten über den Täter und seine Motive nicht nachzugeben, und erklärt gleichzeitig, warum das wichtig ist.

Allerdings – den Namen des Attentäters würde Nipkau heute nicht mehr drucken, und schon gar nicht den eines vorherigen Attentäters. Er erklärt: „Heute weiß ich, dass Nachruhm für den Amokläufer Teil der Motivation ist. Da sollte man überlegen, ob man dem nachgibt.“

Aus gleichem Grund würde Nipkau heute auch die Bildsprache der ersten Tage anders gestalten, als er und seine Redaktion es 2009 entschieden haben: Am 12. und 13. März wurden Fotos aus den Tischtennistagen des jungen Täters veröffentlicht. „Seit dem dritten Tag nach dem Attentat hat unser Verlag jedoch kein Foto des Täters mehr gedruckt“, sagt Nipkau.

Das war auch eine Reaktion auf das, was sich in den Tagen nach dem Attentat in den nationalen Medien abspielte.

Die Entgleisungen der anderen

„Ein Fernsehsender bot an, für ein Foto vom Attentäter unsere Zeitung in den Nachrichten einzublenden“, erinnert sich Nikpau. „Das haben wir abgelehnt.“

Andere, die Zugang zu Fotos hatten, trafen andere Entscheidungen, und so gingen Kinderbilder des Mörders von Winnenden in Windeseile um die Welt.

Die Bild-Zeitung veröffentlichte am 12. März 2009 eine Montage, die das Gesicht des Täters auf den Körpers eines Mannes im schwarzen Kampfanzug geklebt hatte, der seine Waffe drohend auf den Betrachter richtet. Das heldenhafte Foto ist fast einen halben Meter hoch. Eine Abbildung, für die die Zeitung zwei Monate später vom Deutschen Presserat gerügt wurde.

Der Spiegel verewigte den Attentäter am 16. März mit Foto und Vornamen auf dem Titel.

In der Süddeutschen Zeitung wurde der volle Name des Täters abgedruckt, in der Berliner Zeitung zudem seine genaue Adresse.

In der Welt am Sonntag erschien gar unter der Schlagzeile „Die Unsterblichkeit des Amok-Täters“ das Foto eines Jugendlichen, der am Tag des Massakers nach dem Gedenkgottesdienst in der Schlosskirche von Winnenden aufgenommen worden war. Die Bildunterschrift lautete: „Tim K. wusste wohl, dass er schon Stunden nach seiner Tat auf immer in die Hall of Fame des Verbrechens eingehen würde.“

Zeitgleich kamen jedoch auch Gewaltexperten und Kriminologen, die sich mit der Psychologie von Attentätern beschäftigen, zu Wort, und forderten Journalisten zu einem Überdenken ihrer Täterberichterstattung heraus:

“Mein Eindruck ist seit Längerem, dass es Routine geworden ist, unangemessen zu berichten,” erklärt Joachim Kersten, Professor an der deutschen Hochschule der Polizei in Münster, schon am 13. März in der Zeit. „Die Medien müssen die Sensationslust eines breiten Publikums befriedigen. Dieses Publikum kann mit solch unkommentierten Bilderserien oder Videos umgehen, aber Menschen, die Ähnliches im Kopf haben wie die Amokläufer, sehen diese Bilder anders.“

Kersten weiter: „Die Frage ist, ob man jeden Clip, den man bekommt, kaufen und vor der Masse abspielen muss oder man jedes Bild veröffentlichen muss.”

 

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