3A - Auf nach Winnenden!

Posted on Apr 28, 2014

Voriges Kapitel:2C - Keine Spekulationen

GERMANY SCHOOL ATTACK

„Auf nach Winnenden!“

Schon kurz nach dem Attentat rollten vor der Albertville-Realschule in Winnenden die ersten Sendewagen an. Am frühen Nachmittag waren es bereits über 40, ein Meer von Kleinbussen und Satellitenschüsseln, die fremd und unwirklich wirkten im idyllischen Umfeld der schwäbischen Kleinstadt. Wie so vieles andere an jenem trügerischen Tag im März 2009.

Auf der Mikroblogging-Seite Twitter ‚berichteten’ Reporter, geradezu ekstatisch, wann immer sie einen Einsatzwagen überholt oder einen weiteren Schritt in Richtung Winnenden gemeistert hatten. Ungeübt mit dem neuen Medium und noch ohne Gespür für die Tragweite der Tragödie offenbarten sie für ein paar Stunden die Naivität und die Freude am Adrenalinrausch, mit denen sich manch ein Nachrichtenreporter in Ereignisse der Zeitgeschichte stürzt. Sogar die Genehmigung eines Budgets für Zahnbürsten für zwei Focus-Reporter schaffte es in den Twitter-Nachrichtenstrom des Magazins.

Vor den Kameras sah es oft nicht besser aus: „Es ist Wahnsinn, hier blinken die Lichter. Man hat nicht erwarten können, dass ein solches Großereignis hier heute eintritt. Es ist hier ein Chaos vom Feinsten!“, berichtete etwa eine aufgeregte RTL-Reporterin live vom Schulzentrum in Winnenden.

Jeder Passant, jede Person, die vorbeikam, ob Erwachsener, Jugendlicher oder Kind, wurde befragt, oft vor laufenden Kameras: „Kannten Sie eines der Opfer?“, „Hast Du gehört oder gesehen, was passiert ist?“, „Wie fandest Du den Täter?“, „Können Sie sich erklären, warum jemand so etwas tut?“

Manche Bürger sprachen bereitwillig ins Mikrofon, andere wirkten überrumpelt, wieder andere winkten ab und verschwanden. Einige Jugendliche posierten geübt für Fotos, fragten neugierig, wo diese denn veröffentlicht würden und kommentierten, dies sei ihr „Überlebensgruppenfoto“.

In Bremen wurde ein Auszubildender, der den gleichen Namen trägt wie der Attentäter, von Bloggern und einigen Traditionsmedien als Täter ‘identifiziert’, sein Foto von der Firmenseite heruntergeladen und veröffentlicht, Alter und Wohnort eingeschlossen. Der junge Mann fand sich als Mörder im Netz wieder und erhielt E-Mails und Online-Kommentare mit Beschimpfungen und Drohungen.

Und das war erst der Anfang.

Scharen von Journalisten richteten sich in den Tagen nach dem Amoklauf in der 27.000-Einwohner Stadt ein, schlichen durch die Nachbarschaften der Opfer und versuchten, Passanten und Nachbarn, Briefträger und Ladenbesitzer, Kellner und Tankstellenmitarbeiter in Gespräche zu verwickeln.

Jugendlichen wurde Geld geboten, damit sie vor laufender Kamera über Opfer erzählten. Das chinesische Staatsfernsehen wollte einem Überlebenden im Krankenhaus 800 Euro für seine Geschichte zahlen (ohne Erfolg).

Während sich Kerzen und Symbole der Trauer vor der Schule ansammelten, baten Kameraleute um etwas „Mithilfe“: Ob sich einige der Schüler nochmal so hinknien könnten wie zuvor, und danach aufstehen und umarmen? Tränen wären auch okay.

Wie Sebastian Wieschowski später in der Zeit berichtete, klingelte es zwei Stunden, nachdem Uwe und Petra Schill vom Tod ihrer 15jährigen Tochter Chantal erfahren hatten, an der Haustür. Ein Reporter fragte nach Fotos, nach Freunden, nach Chantals Beziehung zum Täter. Danach klingelte es immer abwechselnd, mal an der Tür, mal am Telefon.

Und dann kamen die Berichte.

In der Bild-Zeitung wurde eine Schülerin fälschlicherweise für tot erklärt, am nächsten Tag lebte sie wieder und schilderte „die schlimmsten Minuten ihres Lebens.“

Chantals Eltern, die jedes Interview abgelehnt hatten, erfuhren am Tag nach dem Tod ihrer Tochter aus der Münchener tz, dass die Welt der dunkelhaarigen Jugendlichen „das Geheimnis der Dunkelheit, der Nacht, Regen, Winter“ sei. In der Hamburger Morgenpost stand, dass sie einen „Verlierer“ wie den Attentäter sicher abgewiesen hätte: „Chantal war ein hübsches und aufgewecktes Mädchen, die Jungs flogen auf sie.“

Gisela Mayer wurde in der Bild-Zeitung überrascht von einem halbseitigen Foto ihrer Tochter Nina, die als Referendarin in der Albertville-Realschule gearbeitet und zu den Opfern des Attentäters gehört hatte. Ein privates Foto, das sie nie autorisiert hatte. Der dazugehörige Artikel war ausgeschmückt mit Halbwahrheiten und Spekulationen über Nina.

Erst am Abend des Attentats hatte der Bischof beim Gedenkgottesdienst noch die Fotografen, deren Fotoapparate permanent klickten, um Ruhe gebeten – und Gott um Schutz vor der Sensationslust.

Es dauerte Wochen, bis der Ruf des Geistlichen erhört wurde.