3B - Welche Rechte haben Opfer?

Posted on Apr 28, 2014

Voriges Kapitel:3A - Auf nach Winnenden!

Winnenden School Attack Trauerfeier

Welche Rechte haben Opfer?

Wenn Medien aus aller Welt am Tatort einer Tragödie eintreffen, geht es anfangs oft nur um eines: Möglichst jedes kleinste Detail über alle betroffenen Personen herauszufinden und zu publizieren; und das mit möglichst vielen Fotos. Wichtige Fragen über den Umgang mit Opfern und darüber, wer eigentlich in einer solchen Ausnahmesituation eine glaubwürdige Quelle ist, werden erst gestellt, wenn die Grenzüberschreitungen einiger Medienvertreter wieder einmal verdeutlichen, dass Berichterstattung über Katastrophen anderen Gesetzen unterliegen muss als Berichterstattung über Politik, Sport oder andere Themen.

Journalisten müssen sich zum Beispiel fragen: Welche Recherchewege sind akzeptabel, um mehr über die Opfer eines Amoklaufes zu erfahren, und welche sind es nicht? Ist ein Anruf bei einer Familie besser als ein Besuch? Oder sollte man sich lieber auf Freunde und Bekannte der Opfer beschränken? Oder die Betroffenen und ihr Umfeld gar nicht befragen, wie es die Lokalredaktion der Winnender Zeitung für sich entschieden hat? Warum?

Wenn etwa alle Medien von einer Beerdigung ausgeschlossen werden und sich Reporter nicht daran halten, sondern sich auf Sendewagen stellen, um „Übersichtsaufnahmen“ vom Friedhof über die Mauer hinweg zu filmen, dann geht es vor allem um eine Frage: Was ist wichtiger, die Privatsphäre von Angehörigen oder das Recht der Gesellschaft auf Information? Wie definiert man dieses Recht im Falle eines Amoklaufes an einer Schule? Wozu dient das Filmen, Fotografieren und Abbilden der Opfer, und wann wird es zum Problem?

Angereiste Reporter sind dabei ihren eigenen journalistischen und ethischen Standards verpflichtet, aber auch den Praktiken ihrer Publikationen und Sendestationen. Nicht selten sind Redakteure und Produzenten in weit entfernten Redaktionen anderer Meinung als die Journalisten, die am Tatort bereits vom Geschehen sensibilisiert wurden. So geraten Situationsgefühl und Menschenkenntnis in Konflikt mit der Angst vor dem Jobverlust oder dem eigenen Ehrgeiz und Karrieredenken.

Vom Dilemma, „nah dran“ zu sein

Lokaljournalisten beantworten diese Grundsatzfrage — Was ist wichtiger, die Privatsphäre von Angehörigen oder das Recht der Gesellschaft auf Information? – aus einer ganz anderen Position heraus, denn sie sind immer beides, Berichterstatter und Betroffene. Die Frage, ob man eine Beerdigung filmt, bekommt eine andere Tragweite, wenn man weiß, dass Freunde der eigenen Kinder mit auf dem Friedhof sind.

Gleichzeitig fühlen sich Lokaljournalisten oft ebenso überrumpelt vom Einmarsch der überregionalen Medien, sind ebenso schockiert von manch journalistischem Fehltritt, wie andere Gemeindemitglieder. Und müssen sich im Sportverein oder bei Freunden und Familien außerdem häufig rechtfertigen für die verbrannte Erde, die andere hinterlassen haben.

Diese plötzliche Vermischung der eigenen Rollen und Verbindlichkeiten ist ungewohnt, und oft verunsichernd. Sollte man als Pressevertreter nicht journalistische Distanz wahren und seinen Job machen, zu dem nun einmal auch die Berichterstattung über die Opfer gehört? Und wenn die großen Magazine Opfergalerien abdrucken und den Namen des Täters ins Internet stellen, welchen Sinn macht es da, sich zurückzuhalten? Oder kann man dem Fehlverhalten der anderen etwas entgegensetzen?

Kann man das Gespür für die eigene Gemeinde und für die Situation der Opfer vielleicht nutzen und mit einfühlsamer Berichterstattung zum Beispiel die Widerstandskraft und das Zusammenrücken fördern?

Hier eine eigene Linie zu finden, und das unter hohem Zeitdruck, ist nicht leicht.

Das zeigt sich auch an der Frage, ob man über die plötzliche Medienwelle berichtet oder sich dazu öffentlich äußert. Ist es eine wichtige Hilfestellung der lokalen Presse, ihren Leserinnen und Lesern mit ihrem Fachwissen zum „Medienzirkus“ beiseite zu stehen? Ist es vorbildhaft, wenn eine Lokalzeitung, oder ihre Chefredaktion, die überregionalen Medien an journalistische Grundregeln und die Nöte der Opfer erinnert – oder ist es „standeswidrige Verlogenheit“, wie Nicolaus Fest aus der Bild-Chefredaktion es Frank Nipkau ein Jahr nach dem Amoklauf vorwarf?

Gibt es überhaupt allgemeingültige Regeln für die Berichterstattung in einer solchen Extremsituation, oder braucht jedes Trauma, braucht jede betroffene Gemeinde ihren eigenen Weg?

Dass ihre Situation anders ist als die der überregionalen Kollegen merken Lokaljournalisten auch, wenn die Familien der Opfer von sich aus Kontakt suchen, etwa weil sie Vertrauen gewonnen haben durch die anfängliche Zurückhaltung der Redaktion, oder weil sie einen örtlichen Journalisten persönlich kennen und schätzen.

Wie man diesem Vertrauen gerecht wird, aber ebenso der journalistischen Sorgfaltspflicht, wird dann zum Thema. Was tut man zum Beispiel, wenn eine Familie genau vorgeben will, was über sie berichtet wird und was nicht? Oder wenn Angehörige die Lokalredaktion um Hilfe bitten im Umgang mit anderen, weniger respektvollen Medien. Ist das noch die Aufgabe von Journalisten, oder schon die von Rechtsanwälten oder Vertretern des Opferschutzes?

 

Fragen Sie sich selbst:

 

  • Welche Möglichkeiten, mit Opfern Kontakt aufzunehmen, sind für Sie ethisch vertretbar, und welche nicht?
  • Ist es für Sie oder Ihren Arbeit-/Auftraggeber legitim, Fotos von Opfern aus sozialen Netzwerken zu veröffentlichen, die nicht von den Angehörigen autorisiert wurden? Halten Sie Opfergalerien für wichtig, um das Ausmaß einer Tragödie zu zeigen, oder überwiegt für Sie das Recht der einzelnen Opfer an ihrem Bild?
  • Gibt es in Ihrer Redaktion Gespräche oder einen Leitfaden zu Recherchepraktiken bei traumatischen Ereignissen? Was würden Sie in diesen Leitfaden mit aufnehmen?
  • Welche Art von Nachrichten und Berichten stärkt ihrer Ansicht nach die Widerstandskraft der eigenen Gemeinde in den Tagen und Wochen nach einem traumatischen Ereignis, und welche schadet eher? Sollten Journalisten dies bei ihrer Berichterstattung in Betracht ziehen?
  • Wie viel Nähe, wie viel Solidarisierung mit Überlebenden oder Angehörigen einer Katastrophe in der eigenen Gemeinde halten Sie für sinnvoll? Wo verläuft für Sie die Grenze zwischen Nähe, die die Berichterstattung verbessert, und Nähe, die den journalistischen Blick verstellt?