Social Media – Be first, but be right

Posted on Mai 27, 2014

Lars Wienand ist Social Media Redakteur bei der „Rhein Zeitung“. Daniel Stahl arbeitet als Redakteur bei der „Heilbronner Stimme“. In diesem Interview mit Petra Tabeling geben Sie Einblicke in den Umgang mit Trauma-Berichterstattung und den sozialen Medien.

Welche Herausforderungen kann es geben, wenn Sie aktuell mit Hilfe von Social Media über schwere Unglücke und Ereignisse wie Morde, Brände, Körperverletzung etc. berichten?

Lars Wienand: Ich komme am Unglücksort an und verbreite möglicherweise Informationen, für die es einen guten Grund zur Filterung gibt. Was sich vor Ort in einer bestimmten Weise darstellt und wahrhaftig erscheint, könnte mit zusätzlichen Informationen ganz anders aussehen – in bester Absicht hat man dann aber möglicherweise folgenreiche Fehlinformationen verbreitet. Es stellt sich aber bei Veröffentlichungen in sozialen Medien auch umgekehrt stärker die Frage, ob ich bestimmte Informationen zurückzuhalten kann. Beispiel: Über Netzwerke verbreitet sich z.B. das Gerücht vom tödlichen Ausgang eines Unfalls, die Polizei hatte aber noch nicht die Chance, Angehörige zu benachrichtigen. Falle ich hinter das zurück, was viele schon zu wissen glauben und was ich weiß? Nicht zuletzt besteht auch bei manchen anhaltenden Situationen das Risiko, dass schnell verbreitete Informationen für einen Täter hilfreich sein können.

Daniel Stahl: Eine große Herausforderung ist es, Posts von anderen Leuten zu kontrollieren. Bei der “Heilbronner Stimme” posten öfter User „verrückte“ Geschichten und Gerüchte. Erst vor wenigen Wochen hatten wir zum Beispiel gleich mehrere Posts über Bulgaren, die angeblich Kinder auf Spielplätzen entführen. Das stimmt nicht, wir haben das mit der Polizei überprüft. Schwierig ist für uns, dass manche unserer User diese Posts trotzdem als wahr erachten. Da hilft nur Moderation und Erklärung.

Herausfordernd ist es auch, mit Userkommentaren umzugehen. Oft gibt es gerade bei kritischen und ethisch schwierigen Themen beleidigende Posts. Auch hier ist gute Moderation wichtig, gerade mit Rücksicht auf Betroffene. Ansonsten ist es bei Facebook oder Twitter entscheidend, die Themen zu prüfen, bevor sie gepostet werden. Gerade Themen wie Mord, schwere Unfälle oder Zeugenaufrufe der Polizei nach Vergewaltigungen sind für die User interessante Posts. Solche Geschichten gehen schnell herum und sind dann nicht mehr aufzuhalten. Deshalb sollte man vorher 100-prozentig sicher sein.

Welche Erfahrungen haben Sie bislang gemacht?

Lars Wienand: Für das Vertrauensverhältnis zur Polizei war es von großem Vorteil, bei einem tödlichen Unfall eines jungen Mannes zunächst nicht vom Tod geschrieben zu haben, sondern das mit „soll in kritischem Zustand sein“ zu beschreiben. Unter rein journalistischen Gesichtspunkten war das sicher nicht korrekt. Generell ist uns vermutlich schon mancher Ärger erspart geblieben, weil wir nicht binnen Minuten mit ersten Informationen direkt an die Öffentlichkeit gegangen sind. Zugleich ist der Anspruch aber, möglichst schnell zu sein und Spekulationen im Netz schnell zu untermauern oder eben entgegenzuwirken. Wenn noch wenig über ein Thema in den Netzwerken gesprochen wird, nimmt das den Druck weg.

Schlechte Erfahrungen haben wir bei einem Suizid gemacht, der gefilmt und ins Netz gestellt worden war. Ein Mann hatte sich erhängt an einer Brücke einer vielbefahrenen Straße. Vor dem Aufkommen von Social Media hätten diese Szenen niemals eine große Öffentlichkeit erfahren, weil die Plattform gefehlt hätte, die so etwas verbreitet. Nun wurde der Film nicht nur rege geteilt, sondern vielerorts mit regionaler Bedeutung aufgeladen: In verschiedenen Teilen Deutschlands waren Nutzer aufgrund von Reaktionen anderer Nutzer felsenfest davon überzeugt, dass es sich um eine Straße in deren Nähe handelt und zogen  unseren Bericht in Zweifel. Wir hatten früh Kenntnis von dem Film, aber zunächst von einer Berichterstattung abgesehen, bis wenige Stunden später klar wurde, dass der Film massenhaft unterwegs war und vielfach gedanken- und kritiklos weiterverbreitet wurde.

Da haben wir die – natürlich auch klickstarke – Berichterstattung als Aufklärung und Mahnung zum verantwortungsvollen Umgang mit solchen Vorfällen rechtfertigen können. Zudem haben wir versucht, den dem Thema zugrundeliegenden Voyeurismus nicht auch noch zu bedienen. Auf Grundlage unseres Artikels hatten es Nutzer schwer, das nach Hinweisen u.a. von uns auf YouTube bereits gelöschte Video in anderen Netzwerken zu finden oder mehr über die Umstände des Suizids zu erfahren. Am schockierendsten war, dass uns ein Screenshot angeboten wurde von jemandem, der behauptete, das Video gedreht zu haben – an dem völlig falschen Ort, der sich gerade verbreitet hatte.

Daniel Stahl: Zu den guten Erfahrungen gehört sicherlich, dass über soziale Netzwerke häufig Augenzeugen von selbst auf uns zukommen. So kommen wir schnell an Gesprächspartner, weil Menschen sich gerade bei Unfällen, Überfällen und anderen Blaulichtthemen bei uns melden. Das hilft uns dabei, Situationen schnell einzuschätzen. Und in einigen Fällen wissen wir sogar vor der Polizei, was sich an einem Tatort abspielt.

Eine schlechte Erfahrung: Bei uns gab es vor einiger Zeit eine Geschichte mit einer angeblichen Vergewaltigung. Die Polizei hatte das gemeldet. Inzwischen ist die Sache aufgeklärt, die Vergewaltigung war erfunden. Trotzdem muss wohl jemand den alten Artikel irgendwo entdeckt und weiterverbreitet haben. Der Link wurde massenhaft geteilt, obwohl die Inhalte längst überholt waren. Für den fälschlich Beschuldigten ist das keine gute Sache. Ein anderes Beispiel: Vor kurzem haben sich bei uns per Facebook mehrere besorgte Eltern gemeldet. Angeblich hatte ein Mann in einem kleinen Ort mehrere Kindergartenkinder auf dem Nachhauseweg angesprochen. Er wollte, dass die Kinder in seinem Auto mitfahren, hieß es. Das Thema war in kürzester Zeit ein großes Gesprächsthema in den sozialen Netzwerken, das hundertfach geteilt wurde. Wir haben recherchiert und haben schnell herausgefunden, dass der beschuldigte Mann der Großvater eines Kindergartenkindes war. Er wollte lediglich seinen Enkel und dessen Freunde nach Hause fahren. Die Polizei hat das auch bestätigt. Wir haben das geschrieben und die Aufklärung des Falls auch in sozialen Netzwerken verbreitet. Trotzdem hielt sich das falsche Gerücht noch mehrere Tage.

Wie gehen Sie mit Quellen und verlässlichen Informationen in diesem Kontext um? Besonders, wenn es um Betroffene geht?

Lars Wienand: Jeder Zeuge einer Situation neigt dazu, diese als besonders dramatisch wahrzunehmen, wenn er oder sie nicht ähnlichen Situationen häufiger ausgesetzt ist, also „einen Vergleich“ hat. Das führt dazu, dass gewichtig klingende Hinweise sich bei Nachfrage bei den Einsatzkräften häufig als vergleichsweise belanglos herausstellen. Weil Social Media die Schwelle extrem gesenkt hat, Kontakt zu Medien aufzunehmen – einen Tweet zu schreiben ist etwas anderes als in einer Redaktion anzurufen – führt das vermehrt zu Recherchen, die völlig fruchtlos sind. Wir gehen sehr viel häufiger in Erwartung einer möglicherweise „großen“ Blaulicht-Geschichte an Themen heran, die sich auf Nachfrage dann fast in Luft auflösen. In den Redaktionen führt das teilweise zu einem Verdruss gegenüber solchen Hinweisen und die Bereitschaft schwindet, ihnen nachzugehen. Allerdings wächst mit der Zeit und Menge der Kontakte mit einem Hinweisgeber im Vorfeld die Erfahrung, mit der wir das mögliche Potenzial eines Hinweises sehr schnell einschätzen und priorisieren können. Und je nach Anlass empfiehlt es sich ja ohnehin, andere Kanäle mit unmittelbarer Kommunikation zu wählen – z.B. zu telefonieren.

Und natürlich gelangen wir so auch immer wieder an Tipps, die es uns tatsächlich ermöglichen, uns eigene Eindrücke von einem Geschehen zu verschaffen und nicht auf eine nachträgliche Pressemitteilung angewiesen zu sein. Klar ist aber auch, dass eine Nachricht aus einem Sozialen Netzwerk alleine noch keine ausreichende Grundlage für eine Berichterstattung ist, wenn nicht das Verbreiten dieser Nachricht durch den Nutzer selbst eine Nachricht ist („Politiker X zeigt Wutausbruch auf Twitter“). Der Nutzer liefert den Impuls, die Redaktion liefert erst nach Verifizierung die dazugehörige Nachricht. Verifizierung ist idealerweise eine Bestätigung durch Behörden/Experten.

Vielen Nutzern fehlt die Vorstellung von der Öffentlichkeit ihres Handelns in sozialen Netzwerken, weil sie mit einem kleinem Bekanntenkreis und Alltagsthemen keine entsprechenden anderen Erfahrungen gemacht haben. Für diese Personen kann es schockierend sein zu erfahren, welche Kreise sie plötzlich erreichen und welche Reaktionen ihnen von dort entgegenschlagen können. Das gilt es vorsichtig auszuloten.

Zum Beispiel: In den USA antworteten Frauen auf die getwitterte Frage einer anderen Frau, wer missbraucht worden ist – und das öffentlich. Einige Journalisten trugen die Reaktionen für einen Artikel zusammen, nutzten aber nur die, die ihr dann auf Nachfrage eine Einwilligung gaben. In den USA löste das eine Debatte über die Öffentlichkeit von Twitter und den Umgang damit aus. Die Frage stelle ich mir auch: Wie öffentlich ist das, was öffentlich ist, aber nie dafür bestimmt war, auch eine breite Öffentlichkeit zu erreichen? Das bedeutet, dass im Zweifelsfall auch abzuwägen ist, ob man Nutzer nicht vor sich selbst und ihrer mangelnden Medienkompetenz schützen muss und vielleicht auf die Unmittelbarkeit ihrer Berichte verzichtet.

Daniel Stahl: Unsere Strategie ist: Hinweisgeber immer nach der Telefonnummer fragen und anrufen. Viel Moderation. Und bei kritischen Themen legen wir schon vor dem Posten fest, wer in den kommenden Stunden die Kommentare beobachtet und moderiert.

Empfehlen Sie konkrete „Do’s and Don’ts“ für Journalisten?

Lars Wienand: Sich einlassen, interessiert und offen sein – aber nicht zu nahe heranlassen. Und nicht vergessen, dass man auch selbst als Mensch vielen Kontakten vergleichsweise egal ist, weil es denen ums Medium geht – so wie es einem selbst oft um die Geschichte geht. Nicht nerven lassen von Luftnummern, sondern freuen auf die guten Hinweise. Und vor allem: Themen in der Präsentation als Mensch sehen, nicht als Journalist. „Hurricane Irene – bisher enttäuschend“ twitterte Spiegel Online mal in seinen Anfangstagen über den nicht so katastrophal ausfallenden Wirbelsturm. Nicht wenige Nutzer waren dann enttäuscht – von Spiegel Online.

Daniel Stahl: Be first, but first be right.

 

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""Social Media Practices - A Dart Center Tip Sheet for College Media Advisors, Editors and Student Journalists (2014)" - Eine Handreichung des Dart Centers (auf Englisch), wie soziale Netzwerke verantwortungsvoll eingesetzt werden können.