Tipps für Redaktionsleiter für die Unglücks- und Katastrophenberichterstattung

Posted on Jun 11, 2014

Berichte über traumatisierende Ereignisse und extreme menschliche Belastungen wie Tod und Katastrophen gehören zum Alltag für Journalist/innen. Dies ist ein wichtiger Bestandteil unserer Arbeit – aber es kann uns auch schwer belasten. Medienunternehmen unterscheiden sich dabei nicht von anderen Organisationen, die mit traumatisierenden Ereignissen professionell umgehen müssen (z.B. Rettungsdienste). Als Redaktionsleitung sollten die Belastungen ernst nehmen, sich und ihr Team angemessen vorbereiten und unterstützen, denn damit stellen Sie nicht nur die Gesundheit Ihres Teams, sondern auch eine angemessene und verantwortungsvolle Berichterstattung sicher.

Das beste, was man in belastenden Situationen tun kann, ist gute und sich gegenseitig unterstützende Teamarbeit (Zusammenhalt in der Redaktion) und ein gutes Management – eingebettet in ein Klima, in dem deutlich gemacht wird, dass traumatisierende Ereignisse zum journalistischen Alltag gehören.

Diese Tipps sollen Anregungen bieten, zur Selbstfürsorge, Fürsorge im Team und um angemessener berichten zu können. Dazu ist es wichtig, sich VOR einem Ereignis mit den möglichen Folgen oder z.B. Bildern schlimmer Situationen auseinander zu setzen und sich während und nach einem Ereignis weiter zu unterstützen. Dies gilt für große „Schadenslagen“ (Naturkatastrophen, Kriegsreportagen) genauso wie für andere Ereignisse wie Autounfälle, Gerichts- oder Kriminalreportagen.

 Vor einem Ereignis:

  •  Sprechen Sie offen und regelmäßig über die möglichen Folgen traumatisierender Ereignisse in unserem Beruf, z.B. in Schulungen, aus gegebenem Anlass in Konferenzen oder in Führungsgesprächen. Wenn Sie Sensibilität dafür zeigen, was ein schlimmes Ereignis für uns als Medienschaffende bedeuten kann, und wie Ihr Unternehmen/Ihre Redaktion damit umgeht, wird dies Ihr Team befähigen, auch schwierige Situationen durchzustehen – und zu einer besseren Berichterstattung führen. Ein offenes Gesprächsklima darüber, dass manche Themen und Ereignisse nicht spurlos an einem Reporter vorbei gehen, verringert nachweislich den Stress für alle Beteiligten.
  • Besprechen Sie mit Einzelnen oder im Team die möglichen emotionalen Folgen belastender Berichterstattung. Planen Sie gleichzeitig gemeinsame logistische und organisatorische Maßnahmen, wie die Redaktion in einem Ernstfall reagieren soll (Erreichbarkeiten, Aufgabenverteilung, Einrichtung spezieller Handy- oder Telefonnummern für Reporter in Krisen usw.).
  • Erinnern Sie Ihre Mitarbeiter/innen daran, dass Stress durch belastende Berichte eine normale menschliche Reaktion ist und kein Zeichen von Schwäche – und dass eine Belastung auch Auswirkungen auf ihre Berichte hat. Wer eine Belastung zugibt, muss keine Angst haben, beim nächsten Mal einen Auftrag nicht mehr zu bekommen!
  • Geben Sie Ihren Mitarbeiter/innen Wertschätzung und Anerkennung, schon bevor sie in einen Reportageeinsatz aufbrechen. Das Gefühl, „gesehen“ und freundlich unterstützt zu werden, ist sehr hilfreich für die emotionale Balance, stärkt das Durchhaltevermögen und die Klarheit vor Ort.
  • Treffen Sie Regelungen dafür, wie der Kontakt zwischen Reporter/innen und Redaktion während eines Ereignisses gehalten wird (z.B. eine feste Telefonnummer, ein fester Ansprechpartner, etc.). Bedenken Sie dabei sowohl den Bedarf nach einem kurzen persönlichen Gespräch („Wie geht es Dir da draußen?“), als auch den wichtigsten Informationen für die Berichterstattung. Kanalisieren Sie die Anfragen verschiedener Redaktionen, damit diese nicht direkt Kontakt mit dem/der Reporter/in aufnehmen und den Stress erhöhen.
  • Bei länger andauernden Einsätzen machen Sie es bitte zur „Chefsache“, dass z.B. Telefonate mit der Familie wichtig sind und die Kosten und Zeiten von der Redaktion oder Buchhaltungsabteilung nicht in Frage gestellt werden.
  • Sorgen Sie dafür, dass es eine regelmäßig aktualisierte Liste mit Notfall-Rufnummern gibt für Reporter/innen im Reportageinsatz, die man ihnen auch schnell zukommen lassen kann.
  • Haben Sie im Blick, dass alle Beteiligten unter einer schwierigen Berichterstattung leiden können – nicht nur die Reporter/innen vor Ort! Fotografen, Bildbearbeiter, Cutterinnen und Cutter, Bild- und Tontechniker usw. sind sehr wahrscheinlich ebenso mit traumatisierenden Materialien konfrontiert.

 Während eines Einsatzes:                                     

  •  Halten Sie selbst regelmäßigen Kontakt, z.B. durch einen kurzen Anruf, „Hallo, ich wollte nur mal hören wie es Dir geht“ (z.B. abends, direkt nach dem letzten Redaktionsschluss).
  • Sagen Sie nur ermutigende Dinge und sparen Sie sich im akuten Einsatz eine Kritik – Menschen in belastenden Situationen reagieren sehr empfindlich und sind hochsensibilisiert, ihre Sinne und Wahrnehmungen sind quasi in einem dauerhaften „Alarmzustand“.
  • Erinnern Sie Ihr Team aktiv daran, sich etwas Gutes zu tun. Gesunde Ernährung, Bewegung und Schlaf sind lebenswichtig und stellen eine gute Berichterstattung sicher. Zu viel Alkohol hat den gegenteiligen Effekt.
  • Ermutigen Sie Ihr Team, den Stress nicht zu verbergen. Reaktionen wie Schlaflosigkeit oder hoher Blutdruck sind nicht unnormal, sondern menschlich. Es ist weder schwach, unprofessionell noch karrieregefährdend, solche Reaktionen auch zu zeigen oder darüber zu sprechen.
  • Organisieren Sie aktiv die Kontaktaufnahmen anderer Redaktionen mit Ihrem Team, z.B. über zentrale Telefonnummern. Ein Anruf zur unpassenden Zeit kann den Stresslevel erheblich erhöhen, insbesondere wenn es um Fragen von Honorierung/Finanzierung eines Einsatzes geht. So etwas hat Zeit!
  • Organisieren Sie Ablösungen und Vertretungen für Ihr Team und speziell die Reporter/innen im Einsatz. Ziehen Sie sie regelmäßig aus der Situation ab – aber nur im Gespräch, nach Ankündigung und der Erläuterung von Gründen. Seien Sie sensibel dabei, denn ohne Mitspracherecht vorzeitig abgelöst zu werden, kann als Zeichen von Missachtung gedeutet werden.

  Nach einem Einsatz:

  • Es ist sehr entscheidend, dass die Führungskräfte mit jedem einzelnen Beteiligten aus dem Team nach einem stressvollen Einsatz kurz Kontakt aufnehmen. Es gehört sowieso zu einem guten Management, ist aber nach einem traumatisierenden Ereignis besonders wichtig.
  • Achten Sie auf eine angemessene Begrüßung eines Teammitgliedes, wenn es von einem Außeneinsatz zurück kommt. Lassen Sie z.B. jemanden vom Flughafen abholen oder besuchen Sie die Reporter/innen am Schnittplatz persönlich).
  • Zeigen Sie Wertschätzung durch ein Dankeschön, ein Essen, einen kleinen Umtrunk, eine kurze allgemeine Aufmerksamkeit. Ein angemessenes Dankeschön wirkt auf lange Dauer bei der Erholung von einem besonders belastenden Einsatz und fördert die Arbeitsqualität, die Motivation, den Teamgeist und die Stimmung.
  • Suchen Sie den Austausch mit Ihrem Team – reflektieren Sie die logistischen Bedingungen genauso wie die emotionale Seite eines Einsatzes. Haben Sie keine Angst vor plötzlichen Gefühlsausbrüchen, sie sind völlig normal.
  • Ermutigen Sie Ihr Team, sich jetzt besonders mit Freunden und Familie zu umgeben.
  • Erläutern Sie Ihrem Team, das Stress- und Trauma-Reaktionen völlig normal sind nach einem belastenden Einsatz, und dass diese nach drei bis vier Wochen vorbei gehen sollten. Einige dieser wiederholt auftretenden Reaktionen sind:
    • Schlaflosigkeit
    • Alpträume
    • Wiederkehrende Bilder, „Flashbacks“ (das plötzliche Gefühl, wieder in der Situation zu sein)
    • Vermeidungsstrategien oder Taubheitsgefühle
    • Ein Grundgefühl von „schlechten Vorahnungen“
    • Schreckhaftigkeit und Übersensibilität
    • Wut
    • Konzentrationsstörungen
    • Übererregung
    • Schweißausbrüche, Herzrasen, Benommenheit, Schwindel insbesondere, wenn man an den Einsatz erinnert wird.

    Bieten Sie Ihrem Team an, sich professionelle Hilfe zu suchen, wenn sie von Gefühlen überschwemmt werden oder sich überfordert fühlen (Traumaambulanzen in Krankenhäusern, Betriebsärzte, Psychologen, die mit dem Dart Centre zusammenarbeiten).

    Setzen Sie sich einen Termin ca. drei bis vier Wochen nach einem Einsatz für eine kurze Rücksprache, ob die Symptome inzwischen vergangen sind. Leiden die Personen immer noch unter den Ereignissen, verweisen Sie sie an Trauma-Spezialisten. Beobachten Sie Ihr Team in dieser Zeit, ohne ständig nachzufragen. Ungewöhnliche Reaktionen können ein Zeichen dafür sein, dass eine traumatische Erfahrung noch nicht überwunden ist.

    Bedenken Sie, dass auch Sie selbst unter einem traumatischen Einsatz belastet sein können, selbst wenn Sie das Ganze nur aus der Redaktion heraus beobachtet haben. Nehmen Sie Ihre eigenen Gefühle ernst und seien Sie nicht überrascht, wenn Sie ähnliche Symptome und ungewöhnliche Reaktionen bei sich beobachten. Achten Sie auf Ihren eigenen Ausgleich (Familie, Sport, gesundes Essen, Schlaf, etc.) und suchen Sie sich jemanden, mit dem auch Sie darüber sprechen können.