Vortragsvideo: Was bei einem traumatischen Ereignis mit uns passiert

Posted on Sep 16, 2014

Dr. Kerstin Stellermann-Strehlow, Fachärztin für Kinder- und Jugendpsychiatrie, spricht in diesem Vortrag darüber, was sich auf psychologischer Ebene bei einem traumatischen Ereignis abspielt. Die Expertin beleuchtet insbesondere die Unterschiede zwischen Kindern und Erwachsenen in Extremsituationen und erklärt, worauf man als Journalist achten sollte im Umgang mit traumatisierten Kindern und Jugendlichen.

Trauma – Was ist das?

Zunächst weist Stellermann-Strehlow darauf hin, dass der Begriff „Trauma“ ihrer Meinung nach inflationär benutzt wird. Sie spricht deshalb lieber über die „Auswirkungen von extremen Stresssituationen“. Das Wort „Trauma“ kommt aus dem Griechischen und bedeutet „Wunde“.

Traumatische Ereignisse wirken sich nicht auf jeden gleich aus. Stellermann-Strehlow spricht über die unterschiedlichen Bewältigungsstrategien, die Kinder und Erwachsene haben. Wenn Journalisten über Unfälle oder Katastrophen berichten, müssen sie sich fragen: „Wer hat Gewalt wie erfahren?“ Denn nicht nur die direkt betroffenen Opfer sind gefährdet, sondern auch z.B. Kinder, die eine Gewalttat nur beobachtet haben oder miterleben müssen, wie ihre Mütter in Not geraten sind.

Was passiert im Körper bei Stress?

Die neurobiologischen Reaktionen in extremen Stresssituationen sind immer gleich, egal, ob wir negativen Stress erleben (Angst) oder große Vorfreude, zum Beispiel beim ersten Date. Stresshormone werden ausgeschüttet, die Sinne schalten auf „Alarm“, die Köperspannung verändert sich, Flucht- oder Kampfreflexe werden vorbereitet. Diese Reaktionen sind unabhängig davon, ob wir in positivem oder negativem Stress sind: Der Körper reagiert immer mit den gleichen Mechanismen. Und für jede Person kann der Auslöser für diese Mechanismen unterschiedlich sein. Da wir diese Stress-Reaktionen nur schwer oder gar nicht steuern können, ist es hilfreich, sie zu kennen und zu verstehen, um traumasensibel mit Interviewpartnern umzugehen und auch die Symptome an sich selbst erkennen zu können.

Wann muss ein Trauma behandelt werden?

Erste Stressreaktionen wie Schlafstörungen und wiederkehrende Bilder oder z.B. das Meiden bestimmter Situationen nach einer belastenden Situation sind völlig normal. Faustregel: Diese Symptome sollten nach etwa vier Wochen deutlich besser werden. Sollte es länger anhalten, sollten Sie z.B. vier Wochen nach einem Bericht über einen Verkehrsunfall immer noch nicht wieder unbelastet Auto fahren können, suchen Sie sich professionelle Unterstützung (Arzt, Beratungsstelle, Traumaambulanz, …).

Besonders wichtig für Journalisten ist es, zu verstehen, dass das das Erlebte in einem traumatisierten Zustand oft nicht kohärent oder gar nicht wiedergeben werden kann, da die Wahrnehmung durch die Stresssituation verändert ist. Traumatisierte Interviewpartner/innen können also häufig gar keine zusammenhängende Erinnerung wieder geben, zumal das motorische Sprachzentrum und die Hirnregionen, die für das emotionale Erleben zuständig sind, häufig nicht gut zusammen arbeiten können. Stellermann-Strehlow gibt Tipps, wie man unter diesen Bedingungen gute, vielleicht sogar hilfreiche Interviews führen kann.

Die natürliche psychische Widerstandskraft (Resilienz) muss gepflegt werden, insbesondere wenn der Journalist häufig mit Extremsituationen konfrontiert wird. Stellermann-Strehlow erklärt, warum manche Ereignisse traumatischere Auswirkungen haben als andere. Welche Risiko-Faktoren kommen zusammen, um jemanden zu belasten? Hier ist die Forschung schon sehr gut orientiert. Auch hier wieder eine Faustregel: Je näher mir ein Ereignis emotional kommt, je näher es an meinen engsten Familienkreis heran rückt, desto stärker bin ich eventuell gefährdet, posttraumatische Belastungsreaktionen zu entwickeln. Und je stärker meine Vorbelastung ist, desto eher holen Stressreaktionen mich ein.

Tipps für Journalisten bei Interviews mit traumatisierenden Menschen

Es gibt viele kleine Tricks, mit denen Journalisten ihren traumatisierten Interviewpartnern helfen können, um ein gutes Interview geben zu können. Man kann ein bisschen Kontrolle über die Situation zurück geben, dem Sprachzentrum auf die Sprünge helfen, die Selbstwahrnehmung stärken – Kerstin Stellermann-Strehlow gibt viele hilfreiche Tipps, wie sich Journalisten in ihrem professionellen Rahmen hilfreich verhalten können. Außerdem geht es auch um die Verantwortung gegenüber dem Publikum: Immer wieder Berichte über Leid und Elend können sehr belasten, Berichte über das Überleben und über das, was geholfen hat, schwierige Situationen zu überstehen, können auch sehr entlastend sein. Außerdem will sie den Teilnehmern der Fortbildung mitgeben, dass: „abnormale Reaktionen auf abnormale Ereignisse normal sind.“

Dieser Vortrag wurde während der Fortbildung des Dart Centres in Rendsburg im Dezember 2013 aufgenommen.

Vertiefung: Wie würden Sie die folgenden Fragen beantworten?

Sie sehen die Antworten, wenn Sie auf die jeweilige Frage klicken.

1. Wie lange darf man warten, bevor man seine traumatischen Reaktionen behandeln lässt?

2. Was sind typische Risiko-Faktoren, um eine Traumafolgestörung zu bekommen?