Vortragsvideo: Erfahrungsberichte zur Berichterstattung über den Amoklauf in Winnenden

Posted on Sep 17, 2014

In dieser Podiumsdiskussion sprechen Gisela Mayer vom Aktionsbündnis Winnenden und Frank Nipkau, Redaktionsleiter des Waiblinger Zeitungsverlag, moderiert von Petra Tabeling (Dart Centre Deutschland) über den Amoklauf in Winnenden.

Am 11. März 2009, erschoss ein 17jähriger 15 Menschen in der Albertville-Realschule und tötete sich anschließend selbst. Der Fall wurde zum nationalen und internationalen Medienereignis, löste viele kontroverse Diskussionen über das Verhalten der Medienvertreter aus und ist ein Fallbeispiel für ethisches Verhalten von Lokaljournalisten in solch einer Extremsituation.

Zu Beginn erläuterte Frank Nipkau die Ereignisse und Entscheidungen im Verlagshaus des Waiblinger Zeitungsverlages.

Zusammenfassung des Videos:

  • Frank Nipkau beschreibt das Geschehen des 11. März 2009. Er beobachtete mangelnden Respekt der Medien vor den Trauernden, das Bedrängen von traumatisierten Menschen durch Medienvertrter und nach Adressen und Bildern der Opfer regelrecht gejagt wurde. Seiner Meinung nach gehören akut traumatisierte Menschen nicht vor die Kamera und die Bilder von Opfern sollten nicht gezeigt werden. Außerdem sind laut Nipkau traumatisierte Menschen – zumal Minderjährige – keine zuverlässigen Quellen, weil ein Trauma die Erinnerungen verfälschen kann. (3:50)
  • Frank Nipkau berichtet darüber, wie seine Lokalredaktion anders mit dem Geschehen umgehen konnte als nationale oder internationale Medien; auch weil seine Redaktion bereits Erfahrung mit der Berichterstattung über eine lokale Geiselnahme gemacht hatte. (11:55)
  • Präsentation: Frank Nipkau führt durch die redaktionellen Entscheidungen in den Tagen und Wochen nach dem Amoklauf. Er erläutert, warum es seine Redaktion abgelehnt hatte, Bilder von Opfern, Beerdigungen oder die Gesichter von Trauernden zu zeigen. Er erklärt auch den ethischen Umgang mit Betroffenen, den seine Redaktion gewählt hat. (14:50)
  • Zu der Frage, wie man an Jahrestagen des Amoklaufs darüber berichtet, teilt Frank Nipkau seine Ansicht mit, dass es wichtig ist, Anerkennung zu zeigen, statt das Thema zu vermeiden.  (28:40)
  • Für eine Berichterstattung ein Jahr danach hat die Redaktion der Winnender Zeitung eine Liste eigener Regeln aufgestellt. Seine Redaktion hat z.B. darauf geachtet, dass sich die Beiträge für Online- und Printpublikationen unterscheiden, damit sich z.B. keine andere Redaktion aktuelle Fotos  aus dem Internet „klauen“ kann, und dass in der gedruckten Ausgabe der Zeitung niemand durch Zufall auf bestimmte Berichte stößt. (33:38)

Anschließend schilderte Gisela Mayer ihre Medienerlebnisse als Angehörige eines der Opfer.

Zusammenfassung des Videos:

  • Gisela Mayer berichtet über ihre schlechten und guten Erfahrungen mit Journalisten. (0:00)
  • Gisela Mayer erklärt, dass es wichtig ist, dass sich Journalisten mit den Auswirkungen eines akuten Traumas auskennen, da die Wahrnehmung der Betroffenen fragmentiert ist. Fragen nach chronologischen Abläufen oder Gefühlen überfordern den Interviewpartner und führen zu einem verstärkten Gefühl der Hilflosigkeit. Am wichtigsten ist ihr eine authentische Herangehensweise des Journalisten: „Kein Mitleid im Voraus und keine professionelle Distanz“, empfiehlt Gisela Mayer. (1:20 und 6:45)
  • Gisela Mayer weist darauf hin, wie stark die veränderte Wahrnehmung einer akut traumatisierten Person nachwirken kann, und wie sensibel man damit umgehen muss, wenn man als Journalist diese Information veröffentlicht. (5:00 und 8:30)
  • Den Täter in den Medien benennen? Gisela Mayer sagt, viele Betroffene wollen den Täter zunächst nicht „wahr haben“ und nicht benennen. Die Reaktion darauf hängt auch davon ab, in welcher Phase der Verarbeitung sich die Betroffenen befinden. Für Journalisten sei es schwierig zu wissen, „wen sie vor sich haben“, also zu erkennen, in welcher Phase sich der- oder diejenige befindet. (9:40)
  • Petra Tabeling und Gisela Mayer sprechen darüber, wie Journalisten durch unsensbiles Verhalten auch für andere Berufsgruppen (z.B. Forschern) auf lange Sicht den Zugang zu Betroffenen versperren können. (15:30)

Offene Diskussion mit den Teilnehmern der Fortbildung für Trauma im Lokaljournalismus:

Diese Podiumsdiskussion wurde während Fortbildung des Dart Centres in Rendsburg im Dezember 2013 aufgenommen.

 

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Vertiefung: Wie würden Sie diese Fragen beantworten?

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1. Sind traumatisierte Menschen zuverlässige Quellen für Journalisten?

2. Wenn Sie nach so einem Unglück Kontakt mit Angehörigen aufnehmen wollen, welche ethischen Grundsätze würden Sie für sich dabei aufstellen?